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»Das macht mir schon Sorge«

Rolf Isaacsohn, der Ehrenvorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinde, über jüdisches Leben

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Kurz vor dem Interviewtermin mit dem kreuzer nahm Rolf Isaacsohn den Sächsischen Verdienstorden aus den Händen des Ministerpräsidenten in Empfang. Seine Auswahl wurde mit den Worten begründet, dass er »mahnend und unmissverständlich den wieder erstarkenden antisemitischen Stimmungen entgegentritt.« Auf die Verhandlung gegen zwei Männer, die vor einem Jahr gegen ihn und ein Fernsehteam am Synagogendenkmal antisemitisch pöbelten, wartet er trotzdem noch.

kreuzer: Herr Isaacsohn, wie haben Sie denn von der Auszeichnung zum Sächsischen Verdienstorden erfahren?
ROLF ISAACSOHN: Schriftlich. Man hat mich angefragt, ob ich bereit wäre, die Auszeichnung entgegenzunehmen, darauf habe ich mich mit »Ja« gemeldet.

kreuzer: Haben Sie sich gefreut?
ISAACSOHN: Ja, sehr. Seit 2004 bin ich zwar aus dem aktiven Gemeindeleben ausgeschieden und nur noch Ehrenvorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. Ich sehe ihn als Dank für die Tage und Nächte, die ich für die Gemeinde geschuftet habe, als wir die Synagoge instand gesetzt und das Ariowitsch-Haus gebaut haben (ursprünglich 1931 auf Initiative der Familie Ariowitsch als Israelitisches Altenheim eröffnet, Anm. d. Red.).

kreuzer: Wie sehen Sie die Entwicklung des Ariowitsch-Hauses?
ISAACSOHN: Wunderbar. Hätte ich nicht gedacht, dass es sich so entwickelt. Wir hatten damals keine Vorstellungen gehabt. Wir waren darauf aus, dass wir der steigenden Zahl an neuen Gemeindemitgliedern eine Stätte bieten können, um in Leipzig erst einmal Fuß zu fassen. Wo sie Deutsch lernen und sich in unsere Gemeinde integrieren können. Aber dass daraus so ein großes Haus mit so vielen Veranstaltungen wird, hätte ich nie gedacht.

kreuzer: Wo fand das Gemeindeleben zu DDR-Zeiten statt?
ISAACSOHN: Wir waren in den letzten Jahren der DDR 35 Mitglieder und trafen uns fünf bis sechs Mal im Jahr. Unser damaliger Vorstand Herr Adlerstein (leitete die Gemeinde von 1988–2000, Anm. d. Red.) hat alle angerufen: »Kommt doch zum nächsten Gottesdienst.« Dann haben wir uns in der Synagoge getroffen. Manchmal waren wir mehr als die Mitglieder der Gemeinde, weil wir sehr viele nichtjüdische Freunde aus dem Bereich der Kirche und anderen Organisationen hatten.
In unserem Gemeindehaus in der Löhrstraße 10 hatten wir keinen Raum, wo man sich hätte treffen können. Seit den dreißiger Jahren war da nichts mehr gemacht worden. Dort standen in jedem Zimmer Berliner Öfen. Das Haus befand sich schon immer im Gemeindebesitz, auch in der Nazizeit. Es war ein sogenanntes Judenhaus. Dort wohnten wir bis zur Deportation im Februar 1945.

kreuzer: Erst 1988 gab es im Kroch-Hochhaus die erste Ausstellung zum jüdischen Leben in Leipzig. Wie sind Sie damit umgegangen, dass sie als Gemeinde existieren, aber in der Gesellschaft kein Thema waren?
ISAACSOHN: Über die Ausstellung bin ich sehr spät informiert worden. Meine Frau und ich sind dahin gekommen und haben uns gewundert, was es dort alles für Gegenstände gab, die ich noch nie in unserer Gemeinde gesehen hatte. Das war eine wunderbare Ausstellung. Man könnte sie heute gern wiederholen. Das wäre wunderbar.
Dass es damals eine jüdische Gemeinde in Leipzig gab, das wussten 99 Prozent der Leipziger nicht. Dass es eine Synagoge in der Keilstraße gab, wusste niemand. Das haben wir dann gemerkt, als wir Anfang der neunziger Jahre mehr in die Öffentlichkeit gegangen sind. Uns haben viele Leute gesagt: »Wir sind hier dran vorbeigegangen, aber wir wussten nicht, dass es eine Synagoge ist. Für uns war es ein ganz normales Haus.« Es gab noch die jüdischen Friedhöfe. Aber jüdische Menschen kannte kaum jemand. Man hat sich ja nicht offen als Jude präsentiert. Wir waren auch nicht so religiös, dass man die religiösen Gebräuche nach außen getragen hat. Man hat mehr aus der Tradition heraus die Feiertage gefeiert. Wir hatten das Glück, dass unser damaliger Vorsitzender Herr Adlerstein aus Polen stammte und in einer traditionellen, religiösen Familie aufgewachsen war. Er kannte alle Gebräuche, sprach perfekt Hebräisch; wir haben nur zugehört und gestaunt, was er uns alles erzählt hat. Ich hatte über viele Jahrzehnte relativ wenig Kontakt zur Gemeinde.

kreuzer: Warum?
ISAACSOHN: Das fing mit dem Slánský-Prozess an (Schauprozess 1952 in der ČSSR gegen 14 KP-Mitglieder wegen Landesverrat, darunter elf Juden wie der Generalsekretär Rudolf Slánský, der zum Tode verurteilt wurde, Anm. d. Red.). In dessen Folge flohen viele Gemeindemitglieder in den Westen, weil sie Angst hatten, dass sie mit dem damaligen Regime in Konflikt geraten. Der Vorstand war plötzlich nicht mehr da und ein neuer Vorstand hat sich bei einer Gemeindeversammlung in der Synagoge vorgestellt. Als Erstes wurde eine Grußbotschaft an den Genossen Walter Ulbricht vorgetragen, dass wir treu und fest hinter der SED stehen. Es sind viele Leute aufgestanden, mein Vater auch – und fragte, ob wir hier auf einer Parteiversammlung oder bei einer Gemeindeversammlung sind. Man blieb dabei, die Resolution sollte abgeschickt werden. Da haben wir aus Protest gemeinsam mit vielen anderen die Veranstaltung verlassen. Damit war die Verbindung zur Gemeinde viele Jahre abgebrochen.

kreuzer: Wie lange?
ISAACSOHN: 1972 wurde mein Vater 65 Jahre alt. Seine Geschwister aus den USA kamen nach Leipzig und sagten: »Wir möchten auf den Friedhof und in die Gemeinde gehen.« So lernten wir den damaligen neuen Vorsitzenden Eugen Gollomb (leitete die Gemeinde von 1967–88, Anm. d. Red.) kennen. Er war ein ganz anderer Mensch. Er stand fest an der Seite von Israel. Wir waren einmal im Jahr in der Gemeinde und man kam zum Gedenktag am 9. November zusammen. Die Beziehung zur Gemeinde war meinerseits sehr schwach.

kreuzer: Wann änderte sich das?
ISAACSOHN: Erst 1987, da fragte mich Herr Gollomb: »Sie sind einer der Jüngeren, wir brauchen jemanden, der hier mitmacht.« Ich sagte ihm: »Gerne, aber ich bin berufstätig. Ich verspreche Ihnen, wenn ich sechzig Jahre alt bin, 1993, können Sie mich wieder fragen.«
Es blieb nicht bei einem Gespräch. Dann starb er und sein Nachfolger Herr Adlerstein, der hatte davon Kenntnis genommen und mich auch gefragt: »Wären Sie nicht bereit, im Vorstand mitzumachen?« Dann kam die Wende und Herr Adlerstein fragte mich, ob wir gemeinsam nach Berlin zum Zentralrat der Juden fahren. Wir waren als Gemeinde eingeladen, um uns gemeinsam mit den sieben Gemeinden, die es damals in der DDR gab, vorzustellen.
In der Kaffeepause sprach mich der Sekretär des Zentralrates an: »Herr Isaacsohn, das wäre doch eine Aufgabe für Sie beruflich. Die Gemeinde braucht jetzt einen Geschäftsführer von montags bis freitags.« Ich habe mich dann mit meiner Frau beraten und wurde geschäftsführendes Vorstandsmitglied.

kreuzer: Was passierte nach 1990 mit der Gemeinde?
ISAACSOHN: Es kamen große Probleme auf uns zu. Erstens waren wir nur wenige Mitglieder. Dann kam die erste Familie der sogenannten Kontingentflüchtlinge. Das war eine sehr fromme Familie aus Tadschikistan. Dort hatten die Menschen die Möglichkeit, ihre Religion auszuleben. Das war so weit weg von Moskau, das hat niemanden interessiert. Da gab es jüdische Schulen. Dann kamen die Probleme, was machen wir mit den Menschen? Jahr für Jahr wurde es problematischer.

kreuzer: Funktioniert das Zusammensein zwischen neuen und alten Gemeindemitgliedern?
ISAACSOHN: Von den zu uns Gekommenen wissen achtzig Prozent nichts von der Religion. Die aus Moskau oder St. Petersburg Kommenden wollten das auch nicht, denn sie waren diskriminiert. In ihrem Pass stand nicht die Nationalität, nicht »Usbeke« oder »Russe«, sondern »jüdisch«. Es durfte nur eine bestimmte Prozentzahl studieren. Sie kamen hierher und hatten natürlich nicht zuerst das Bedürfnis nach Religion. Wir brauchten aber Mitglieder, die eines Tages die Verantwortung für die Gemeinde übernehmen und sie in der Tradition der Leipziger Jüdischen Gemeinde weiterführen. Unsere erste Aufgabe war es, den Menschen die deutsche Sprache beizubringen.

kreuzer: Wie haben Sie das in Angriff genommen?
ISAACSOHN: Wir mussten zuerst einmal in unserem Gemeindehaus in der Löhrstraße Räume finden, wo wir 40 bis 50 Menschen unterbringen konnten. Wir hatten das Glück, dass es Leipziger Bürgerinnen und Bürger gab, die aus dem Schuldienst ausgeschieden waren und sich von sich aus als Deutschlehrer zur Verfügung stellten. Sie haben fast jeden Tag zwei bis drei Kurse hintereinander gegeben. Das hat großen Anklang gefunden. Parallel wollten sie die alten Bräuche, die sie aus ihrer Heimat mitgebracht haben, beibehalten. Deswegen haben wir Ende der neunziger Jahre gesagt, wir müssen den Menschen etwas bieten, sonst gehen sie uns verloren.

kreuzer: Dafür benötigen Sie Platz.
ISAACSOHN: Genau. Das Ariowitsch-Haus hatte die Stadt vorher als Altenheim gemietet. Das hat sich für sie von der Größe her nicht mehr gelohnt. Dann haben wir es zwei Jahre an das Martha-Haus vermietet. Ein Institut wollte es für 25 bis 30 Jahre mieten. Plötzlich meldeten sich Ariowitsch-Erben aus Paris. Uns war klar, dass sie niemals irgendetwas bekommen, denn laut SMAD-Beschluss von 1948 gehörte das Haus der jüdischen Gemeinde, und das war auch bei der Wiedervereinigung in dem 4-plus-1-Vertrag festgeschrieben. Dem Institut war das zu unsicher. So standen wir mit dem Haus da, niemand wollte es haben.
Herr Adlerstein hatte zuvor mit der Stadt abgesprochen, dass wir ähnlich wie in Dresden oder Erfurt ein neues großes Gemeindezentrum benötigen. Die Stadt versuchte uns irgendwelche Grundstücke anzubieten, wo man hätte etwas bauen können. Aber sie waren von der Größe her nicht geeignet.
Ich bin dann zum damaligen OBM Tiefensee gegangen und habe ihm mitgeteilt, dass wir uns entschlossen haben: Wir wollen unsere Synagoge behalten und deren Sitzplatzkapazität erweitern. Dafür war ich nächtelang mit dem Zollstock in der Synagoge unterwegs. Und wir wollen das Ariowitsch-Haus als Gemeindezentrum nutzen. Dann waren wir so weit und es kamen die Einsprüche der Bevölkerung.

kreuzer: Was befürchtete sie von einem Gemeindehaus?
ISAACSOHN: Sie hatten Angst, dass jeden Tag Hunderte von Leuten rumstehen, Lärm machen und Dreck hinterlassen. Andere hatten Angst, dass der Grundstückswert fällt. Ich hatte zufälligerweise einen Bekannten dort wohnen, der hat ein bisschen rumgehorcht: »Wissen Sie, Herr Isaacsohn, was ein Mann so sagt: Wir wollen keine Juden hier haben. Wir sind froh, dass die nicht mehr im Waldstraßenviertel leben.«
Solche Meinungen gab es auch. Aber die Mehrzahl der Leipziger und Waldstraßenviertelbewohner in unmittelbarer Nähe waren für uns. Dann gab es Entscheidungen durch die Gerichte, es hat sich alles verzögert. Das war katastrophal. Ich kann Ihnen sagen: Es gab Tage da wollte ich nicht in die Gemeinde gehen, Burn-out. Ich kannte den Begriff damals gar nicht.
Meine Frau sagte unlängst: »Hättest du 2004 nicht aufgehört, dann hätte ich dich heute nicht mehr.«

kreuzer: Man sieht heute sehr wenig von der jüdischen Geschichte im öffentlichen Raum.
ISAACSOHN: Es ist schwierig. Sie müssen davon ausgehen, dass die, die heute in der Gemeinde das Sagen haben, mit der Tradition der jüdischen Gemeinde in Leipzig nichts zu tun haben. Das merken wir – die 3, 4, 5 alten Gemeindemitglieder. Wir haben einen gewissen Abstand zur Gemeinde. Das ist nicht nur hier so. Durch die Zuwanderung der vielen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion entstand eine ganz andere Atmosphäre. Sie haben keinen Bezug zur Tradition dieser Gemeinde, in die sie gekommen sind. Das muss man zur Kenntnis nehmen. Man kann die Menschen in nichts reinzwingen, was sie nicht kennen und was ihnen vielleicht nicht gefällt.

kreuzer: Was gefällt ihnen nicht?
ISAACSOHN: Zum Beispiel die religiöse Ausrichtung der Gemeinde.

kreuzer: Sie ist sehr konservativ?
ISAACSOHN: Ich gehe nur noch einmal im Jahr zum Rosch ha-Schana, weil mir die Orthodoxie nicht gefällt. Ich kann nicht leiden, dass Männer und Frauen getrennt am Gottesdienst teilnehmen. Ich habe das schon ganz anders in anderen Ländern erlebt und wie das funktionieren kann. Wie man als Familie in die Synagoge geht und als Familie am Gottesdienst teilnimmt.

kreuzer: Dem ist heute nicht mehr so?
ISAACSOHN: Wir hatten damals noch gemeinsam Gottesdienste gefeiert. Dann kam »Wir müssen die Frauen absondern.« Ich habe gefragt: »Warum denn?« und eine Frau im Vorstand entgegnete mir: »Na, wissen Sie, was mir die Männer immer für Blicke zuwerfen.« So ein Mist.
Diese ganze Problematik führte dazu, dass wir alten Gemeindemitglieder uns unter diesen Umständen nicht mehr wohlfühlten.

kreuzer: Das ist sehr schade.
ISAACSOHN: Ja, aber das hört man nicht nur in Leipzig. Das ist auch in anderen Gemeinden so. Manchmal nicht so krass.

kreuzer: Wie erleben Sie gerade die aktuelle Situation? Wie gehen Sie mit den Ereignissen in Chemnitz um, wo der Nazimob auf die Straße ging, der Überfall auf das jüdische Restaurant?
ISAACSOHN: Das macht mir schon Sorge. Auf der anderen Seite vertraue ich auf den Staat. Aber ich sehe auch große Lücken. Voriges Jahr im Oktober bin ich nicht direkt angegriffen worden, wir waren mit einem Fernsehteam vom MDR an der Gedenkstätte in der Gottschedstraße. Wir waren mit den Aufnahmen schon fertig und ich habe mich mit dem Reporter noch ein bisschen unterhalten und ich gucke so Richtung Thomaskirche und höre, wie der Kameramann sagt: »Wie benehmen Sie sich denn?« Ich gucke nach rechts, kommen zwei Männer an. Der eine hatte die Hand gehoben und ging weiter, der andere blieb stehen und tat, als würde er ins Gebüsch urinieren. Sie riefen: »Kommt doch, da könnt ihr noch eine auf die Fresse kriegen.«

kreuzer: Was geschah danach?
ISAACSOHN: Wir meldeten es gleich der Polizei. Drei Wochen später erhielt ich einen Brief von der Staatsanwaltschaft, dass es aufgenommen wurde. Bis heute ist nichts passiert.
Das ist eben das Problem, das vieles ewig dauert, bis es mal vor Gericht kommt. Die Leute lachen sich doch krank und können machen, was sie wollen. Das ist zwar nur ein kleiner Prozentsatz, aber die werden nicht angegriffen.

kreuzer: Wie sehen Sie die Erinnerungskultur in Leipzig?
ISAACSOHN: Die ganzen Jahrzehnte, als ich noch aktiv in der Gemeinde war, gab es eine große Unterstützung von der Stadt, von allen Kirchen, Organisationen. Jetzt habe ich den Eindruck – am 9. November oder am 27. Januar –, das ist so routinemäßig. Den jungen Leuten heute kann man das nicht übel nehmen. Ich sehe es doch, wenn ich mich mit jüngeren Menschen unterhalte: Der Zweite Weltkrieg ist schon so weit weg, und wenn man sie fragt zu den Ereignissen 1989/1990. Es ist erschreckend, wie wenig darüber gewusst wird.

kreuzer: Sie sind jetzt 85 Jahre alt. Seit 1935 waren für Leipziger Juden viele Orte und Teile der Stadt per Anordnung tabu.
ISAACSOHN: Offiziell waren sie tabu. Aber wir waren Kinder und Kinder sind schlau und erfinderisch. 1942 mussten wir in die Löhrstraße in das Judenhaus einziehen. Vorher haben wir in der Färberstraße gewohnt. In der Löhrstraße waren wir vier Kinder aus den Familien Alexander, Silberfeld und unserer. Wir waren im Haus eingeschlossen und verbrachten unsere Zeit mit »Mensch ärger dich nicht«-Spielen und solchen Sachen. Wir hatten seit Oktober 1941 den Stern zu tragen. Aber wir sagten dann: »Wir müssen irgendwie rauskommen.«

1939: Rolf Isaacsohn (mittlere Reihe, ganz rechts) als Erstklässler an der Höheren Israelitischen Schule Leipzig

Zwar mussten wir immer Obacht geben, denn schräg gegenüber wohnte eine Frau, die uns immer beobachtete, und wenn wir mal auf die Straße gingen, dann rief sie »Judenbengel«. Wir hatten Angst vor der Frau. So haben wir immer geguckt, ist sie da oder nicht da.
Wenn sie nicht da war, sind wir einzeln aus dem Haus raus und in Richtung Innenstadt gegangen. Da, wo jetzt das Brühlzentrum ist, gab es ein Gebäude mit zwei Eingängen »A« und »B«. Wir sind in den Eingang »A« mit Stern rein und kamen bei »B« ohne Stern wieder raus. Dann sind wir immer in Richtung Bayrischer Bahnhof gelaufen. Dort waren mehrere Kinos und wir haben uns alle möglichen Filme – auch Kriegsfilme von den Nazis – angesehen. Nicht jeden Tag, aber ab und zu. Oder wir sind einmal raus nach Lindenau gefahren. Da gab es ein Waldbad.
Aber nach dem 4. Dezember 1943, als der große Bombenangriff auf Leipzig war, da war alles verbrannt. Wir haben uns auch nicht mehr groß wohin getraut, weil es keine Orte mehr gab.

kreuzer: Sie wurden im Februar 1945 gemeinsam mit Ihrem Vater nach Theresienstadt deportiert und kehrten wieder nach Leipzig zurück, warum?
ISAACSOHN: Meine Mutter war ja hier geblieben. Sie war nichtjüdisch, sie war evangelisch, war aber zum Judentum übergetreten, auf Anraten des damaligen Gemeindevorstandes wieder ausgetreten. Aufgund dieses Status – Mischehe – sind wir lange vom Transport nach Auschwitz verschont geblieben. So kamen wir im Februar 1945 mit dem letzten Transport nach Theresienstadt. Dort wurde ich zwölf Jahre alt und wir kehrten zurück. Meine Eltern hatten hier viele Bekannte und wollten nicht weg.

kreuzer: Wurden Sie damals auf die Zeit angesprochen?
ISAACSOHN: Nein. Man wollte darüber nicht mehr sprechen. Das ging nicht nur uns so, sondern die Väter meiner Freunde, die im Zweiten Weltkrieg waren, die wollten auch nicht erzählen.
Die Zeit war vorbei und man wollte mit ihr nichts mehr zu tun haben. Das ging die ganzen Jahrzehnte so. Erst nach der Wende interessierte man sich plötzlich für dieses Thema, kamen Leute zu uns in die Gemeinde und fragten nach der Geschichte.

kreuzer: Zu DDR-Zeiten fragte niemand?

ISAACSOHN: In der DDR hat mich nie einer gebeten: »Erzähle mal«. Meine Freunde gaben später zu: »Wir wollten dich nicht fragen, wir hatten Angst.«

kreuzer: Wie kann man heute die Erinnerungen lebendig halten?
ISAACSOHN: Es gibt immer eine geringe Zahl an Menschen, die sich dafür interessieren. Die Menschen sind nun mal so.

kreuzer: Aber es fehlt dann ein wichtiges Geschichtskapitel.
ISAACSOHN: Man kann noch nicht einmal sagen, dass es absichtlich vergessen werden soll.

kreuzer: Hat denn der Ministerpräsident Kretschmer bei der Vergabe des Verdienstordens etwas zur Gegenwart gesagt?
ISAACSOHN: Dass es schwierige Zeiten sind, die wir in Sachsen erleben. Dass so etwas nicht passieren darf und man sich zur Wehr setzen soll.

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