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Ein Bündnis fordert die Einführung der Gemeinschaftsschule in Sachsen

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Um Bildungspolitik wird immer besonders stark gerungen. Klar, denn es geht um die Zukunft der Kinder, manchmal sogar der eigenen. Veränderungen an Schulen werden gerne hitzig diskutiert. Ein Jahr vor der Landtagswahl hat ein Bündnis aus Politik und Gewerkschaften nun ein Projekt ins Spiel gebracht, das die Bildungslandschaft in Sachsen nachhaltig verändern könnte: die Gemeinschaftsschule.

In mehreren Bundesländern, etwa Sachsen-Anhalt, Thüringen, Berlin oder Württemberg, gibt es sie schon – wenn auch in etwas unterschiedlichen Ausprägungen. Nach Ansicht des Bündnisses »Gemeinschaftsschule in Sachsen – Länger gemeinsam Lernen« sollen die Bildungseinrichtungen möglichst bald auch im Freistaat gleichberechtigt neben anderen Schulen entstehen. Gymnasien und Oberschulen blieben also erhalten. Derzeit gibt es Gemeinschaftsunterricht nur an den Grundschulen, danach beginnt eine an der Leistung der Kinder orientierte Separation. In Sachsen kommen Schüler entweder aufs Gymnasium oder auf die Oberschule. In anderen Bundesländern gibt es ähnliche Systeme. Bei Gesamtschulen tritt diese Separierung erst später – etwa nach der zehnten Klasse – ein. An einigen Gemeinschaftsschulen können die Jugendlichen nach der zehnten Klasse auch die Oberstufe besuchen und das Abitur machen. Andere Modelle sehen dann einen Wechsel auf eine gymnasiale Oberstufe vor.

Die Befürworter der Gemeinschaftsschule argumentieren vor allem mit weniger Leistungsdruck und damit bedingtem Schulstress. »Die frühe Entscheidung über die weitere Schullaufbahn ist nicht objektiv, verstärkt den Schulstress und belastet Kinder, Eltern und Lehrende sozial und psychisch«, heißt es in einem Positionspapier des Bündnisses. Nach der vierten Klasse seien die Entwicklungsmöglichkeiten des Kindes noch nicht bestimmbar. Deshalb könne auch noch nicht über die weitere Schulform bestimmt werden. Zudem würden Gemeinschaftsschulen die Bildungschancen durch längeres gemeinsames Lernen erhöhen. Das Bildungssystem sei durchlässiger und weise eine höhere soziale Mischung auf. »Gemeinsames Lernen ermöglicht und verlangt eine Lernkultur, in der eine konsequente individuelle Förderung jedes Kindes mit Binnendifferenzierung und kooperativen Lernformen realisiert wird«, heißt es. Nur wenn junge Menschen die Schulzeit gemeinsam durchlebten und miteinander lernten, würden sie auch später verständnisvoll und achtsam miteinander umgehen können.

Bundesweit gibt es laut Statistischem Bundesamt bereits 2.100 Gemeinschaftsschulen. In Sachsen werden solche Modelle zwar an mehreren freien Schulen praktiziert, bei den staatlichen Bildungseinrichtungen beschränkt sich diese Lernform allerdings auf nur zwei Schulen. Eine davon ist die Nachbarschaftsschule in Lindenau. Diese ist offiziell nur ein »Schulversuch«, kann aber jedes Jahr wieder auf mehr Bewerber als Plätze verweisen – der Bedarf scheint also vorhanden zu sein.

Ende September hat das Bündnis »Gemeinschaftsschule in Sachsen – Länger gemeinsam Lernen« eine Unterschriftenaktion gestartet. 40.000 Unterschriften sollen zusammenkommen, sachsenweit können die Bürger unterschreiben. Sollte dieser Wert erreicht werden, müsste sich der Landtag mit dem Thema beschäftigen. Sollte er den Vorschlag dann ablehnen – wovon bei den aktuellen Mehrheitsverhältnissen auszugehen ist – müsste das Bündnis wiederum 450.000 Unterschriften für ein Volksbegehren sammeln. Letztlich geht es also wohl vor allem darum, den Druck auf die Landesregierung zu erhöhen. Denn Kultusminister Christian Piwarz (CDU) hat bereits signalisiert, dass er nicht viel hält von den Gemeinschaftsschulen. Auch seine Partei sieht die Idee eher kritisch. Die Befürworter kommen aus Teilen der Opposition, Linke und Grüne sind dafür. Auch die SPD setzt sich für die Gemeinschaftsschulen ein – Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung gehörte zu den Erstunterzeichnern. Unterstützt wird das Vorhaben zudem von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Mit dem vorgelegten Plan des Bündnisses würde die Gemeinschaftsschule künftig gleichberechtigt neben Grundschule, Gymnasium und Oberschule existieren. Das Bündnis argumentiert auch mit dem Elternwillen. Studien zeigten, dass zwei Drittel der Sachsen die Trennung von Schülern nach der vierten Klasse für falsch hielten. Das Thema könnte von Linken, Grünen und SPD also durchaus im Wahlkampf prominent platziert werden.

Den Gegnern der Gemeinschaftsschule streckt das Bündnis allerdings ausdrücklich die Hand aus. Wohl, um eine zu heftige und emotionale Reaktion zu verhindern. Das Positionspapier schränkt nämlich ganz am Ende ein: »Längeres gemeinsames Lernen und die Errichtung von Gemeinschaftsschulen sollen dort möglich sein, wo Lehrende, Lernende, Eltern und der Schulträger es ausdrücklich wünschen. Grundlage ist ein gemeinsam erarbeitetes pädagogisches Konzept.« Auf diese Weise werde der Schulfrieden gesichert und zugleich die Weiterentwicklung von Sachsens Schulen ermöglicht.

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