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Widersprüche

Die Kinostarts der Woche im Überblick

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Und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht…

Zum vierten Mal präsentiert der gemeinnützige Verein DOZ eine Reihe aktueller Dokumentar- und Spielfilme kurdischer Filmemacher, die die Lebensrealitäten der kurdischen Bevölkerung thematisieren. Seine Premiere feiert u.a. der Dokumentarfilm „Die Legende vom hässlichen König“ über den außergewöhnlichen Filmemacher Yılmaz Güney („Yol – Der Weg“). Neben den Filmen gibt es Musik und Gespräche. Zwei der im Rahmen des Festivals im November gestarteten Filme – »Die Legende vom hässlichen König« und »Träum weiter« – sind dann bis zum 5.12. noch ein paar Tage im regulären Programm zu sehen.

»Kurdische Filmtage«: bis 1.12., Cineding

Film der Woche: »Aggregat« von Marie Wilke ist ein Film, der in fünf bis zehn Jahren wichtiger sein wird als heute. Wir kennen die lärmenden Meuten von besorgten bis extrem rechten Bürgern genauso wie die mediale Zaghaftigkeit, Nazis auch mal so zu nennen. Der Dokumentarfilm bewahrt solche Momente und ist damit ein Dokument mit Strahlkraft für die Zukunft. Denn Vieles hat sich im aktuellen politischen Geschehen schon überlebt: Frauke Petry etwa ist nicht mehr bei der AfD – da steht der Film eher als Beweis, wie brüchig auch diese Bewegung ist. Zwar kommen keine direkten Proteste vor – entweder gab es sie nicht, oder sie wurden bewusst ausgeklammert – und doch bildet der Film zwar Brüche ab, gewichtet sie aber nicht einseitig, erhört sie nicht. Auch das weist als späteres Zeitdokument über das Leben in Widersprüchen aus, ja: eben den Aggregatzustand des gegenwärtigen Zeitgeistes. Der gegenwärtige Zuschauer wird nicht viel lernen, sich aber hin und wieder amüsieren. Etwa über den mittelalten Herrn mit Shirt der extrem rechten »Identitären Bewegung«. Er krakelt gegen Politik und Presse – für die Gratismütze mit ZDF-Aufdruck findet er sein Haupt aber nicht zu schade. Ausführliche Kritik von Tobias Prüwer im kreuzer 12/18.

»Aggregat«: ab 29.11., Luru Kino in der Spinnerei

Die Persönlichkeitsstruktur des Architekten Jack ist die eines Soziopathen und Neurotikers. Ihren 12-jährigen Verlauf, an dessen Ende er sein Morden als künstlerisches Schaffen versteht, schildert der Film an Hand von fünf seiner über 60, hauptsächlich an Frauen begangenen Morde. Abgetrennte Brüste, Leichenschändungen, Menschenjagden und weggesprengte Schädeldecken sind zentrale Schockmomente. Neben Jacks Sadismus tritt also ein Sadismus des Erzählens, der auf die Qualen des Zuschauers abzielt und sich auch in perfiden Zeitökonomien äußert, in überlangen Gesprächen mit Opfern etwa, deren unausweichliches Ende unmittelbar klar ist. Wenn der Regisseur sich gegen Schluss selbst zitiert, wenn der Filmtitel und sein Name typografisch das Haus formen, das Jack baut, wenn von Trier sich in den Rolltiteln die Idee zuschreibt, dass eben dieses aus Leichen besteht, dann können wir ihn beim Versuch beobachten, eins mit seinem Werk zu werden. Das allerdings artikuliert eine große Verachtung fürs Leben und erfreut sich daran. Ausführliche Kritik von Sebastian Gebeler im kreuzer 12/18.

»The House That Jack Built«: 2.12., Schauburg, 3.12., Passage Kinos, ab 6.12., Luru Kino in der Spinnerei

Eine dreibeinige Kreatur, aus rostigen Eisenteilen und einem Tierschädel gemacht, dringt in einen Stall ein und entführt ein Kalb – hoch in die Lüfte. Noch bevor menschliche Protagonisten auf der Leinwand erscheinen, wissen wir: In diesem abgelegenen estnischen Dörfchen geht es nicht mit rechten Dingen zu. Hinter dem raffinierten Spuk steckt kein Geringerer als der Teufel selbst. Ein irrer Greis, der im Wald hockt und auf die Seelen der hungernden Hinterwäldler lauert. Allzu bereitwillig geben die ihr Allerheiligstes her, um in den Besitz eines Kratts zu kommen – so nennen sie die zum Viehdiebstahl abgerichteten Schrottkreaturen. Eine herrlich originelle Variation des altbekannten Homunkulus-Motivs. Und das ist nicht alles: Blutrünstige Hexen, böse Geister, die Pest in Gestalt eines weißen Ziegenbocks – es fehlt an nichts, was das Schwarzromantiker-Herz begehrt, und alles kommt in ebenso frischem wie befremdlichem (Schwarzweiß-)Gewand daher. Hauffs Märchen »Das kalte Herz« könnte durchaus Pate gestanden haben für den estnischen Autor Andrus Kivirähk, auf dessen Roman »Rehepapp ehk November« dieser seltsame Spuk basiert. Möge man der garstigen Gruselmär verzeihen, dass ihr Kinostart die Halloween-Saison verpasst hat. Ausführliche Kritik von Karin Jirsak im kreuzer 12/18.

»November«: ab 29.11., Luru Kino in der Spinnerei

Nahe der ehemaligen Berliner Mauer ragt es in den Himmel: Ein Betonklotz, eines dieser riesigen Berliner Bauprojekte, die letztlich weit weniger spektakulär wurden, als von den Planern angedacht. Das Excelsior Haus ist eine Welt für sich. Ein Bauwerk mit über 500 Wohneinheiten mitten in Berlin. Etwas heruntergekommen, mit einem Außenfahrstuhl und einem Restaurant im obersten Stockwerk. In diesem Kosmos drehte der gebürtige Dresdner Erik Lemke, selbst Mieter im Excelsior, seinen ersten abendfüllenden Dokumentarfilm. Der 35-Jährige studierte Dokumentarfilm in Sankt Petersburg und feierte mit seinem ersten Kurzfilm »Mich vermisst keiner!« 2016 beim DOK Leipzig Premiere. In »Berlin Excelsior« versammelt Lemke Geschichten der Hochhausbewohner. Da ist der 49-jährige Michael, der seine Haare wasserstoffblond trägt, im Internet als Callboy arbeitet und Youtube-Tutorials macht, in der Hoffnung, damit seinen Durchbruch zu feiern. Auf den wartet auch der ausgebildete Erzieher Norman. Ein hyperaktiver Mann, der mit »ChangeU«, einer Mischung aus Partyveranstaltung und Fitness-Lifestylecoaching, das große Geld machen möchte. Zunächst einmal muss er jedoch seine Mutter anpumpen, um weiter die Miete zahlen zu können. Lemke kommt seinen Protagonisten auf ungewöhnliche Weise nahe. Statt sie zu interviewen, begibt er sich in die Rolle des Beobachtenden. Erzählkommentare, oder andere Einmischungen bleiben aus. Die so eingefangenen Augenblicke sind Bestandsaufnahmen, keine Biografien. Sie zeigen Menschen, die dem Traum vom Erfolg hinterherjagen. Die wegwollen aus dem Excelsior, ohne, so scheint es, dabei wirklich voranzukommen. Ihre Erzählungen und die Bilder, die Lemke zwischendurch den grauen Platten abtrotzt, machen »Berlin Excelsior« zu einem berührenden Langfilmdebüt. Ausführliche Kritik von Josef Braun im kreuzer 12/18.

»Berlin Excelsior«: 30.11., 4.12., 17.30 Uhr, Schauburg

 

Weitere Filmtermine der Woche:

Auf der Suche nach dem alten Tibet 

Eine Reise zu Buddhas Erben: In den abgelegensten Gegenden Tibets, wo die Zeit stillzustehen scheint, werden noch uralte Traditionen gepflegt. Die Filmemacher, allesamt selbst buddhistischen Glaubens, haben diese Orte besucht, an denen wenige ausgewählte Mönche den Diamanten-Weg des Yogis gehen. – Am 29. November in Anwesenheit des Regisseurs Vilas Rodizio

29.11., 18 Uhr, Kinobar Prager Frühling

One Year in Germany – Ein Freiwilligendienst in Deutschland 

Doku über den Freiwilligendienst vier junger Menschen aus Tansania und Kamerun in Deutschland und ihre persönlichen Erfahrungen und Sichtweisen. – in Anwesenheit der Filmemacher
29.11., 20 Uhr, Cinémathèque in der Nato

The Man from Mo Wax 

Die Dokumentation porträtiert die stürmische Karriere des DJs James Lavelle, der mit 18 Jahren das Label Mo Wax gründete und weltweit als Trip-Hop-Tycoon gefeiert wird. Der fast zweistündige Film verdichtet Material aus 25 Jahren zu einem kompromisslosen Einblick in persönliche Hoch- und Tiefpunkte. – anschl. Gespräch mit Regisseur Matthew Jones
30.11., 21 Uhr,  Distillery

Medienwochen Courage leben: Fokus Jugendkulturen

Die Medienwoche „Courage leben“ bietet seit über 15 Jahren eine Plattform zur Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Phänomenen und den damit verbundenen Herausforderungen für das Zusammenleben in einer demokratischen Gesellschaft.
Im Mittelpunkt steht die Kritik verschiedener Diskriminierungsformen, von Rassismus und Antisemitismus aus aktueller wie historischer Perspektive.
bis 7.12., Cineding

Die Träumer 

Im revolutionären Paris 1968 entwickelt sich eine enge Freundschaft zwischen dem Amerikaner Matthew und dem Zwillingspaar Isabelle und Theo. Die Geschwister quartieren Matthew bei sich ein, während die Eltern auf Reisen sind. Die drei jungen Leute genügen sich zunehmend selbst, bald verlassen sie das großzüge Appartement gar nicht mehr. – In Gedenken an Bernardo Bertolucci
30.11., 21.30 Uhr, Schaubühne Lindenfels (OmU)

2.0 – Version Hindi 

Die Regierung ist in Not. Die Smartphones der Menschen fliegen in die Luft und formen sich zu einer Kreatur zusammen, die eine grosse Gefahr für alle darstellt. Dr. Vaseegaran ist sofort zur Stelle und baut seinen Roboter Chitti um, der mit gleicher Kraft gegen die Kreatur zurückschlägt. – Indisches Kino
1./2.12., 11 Uhr, Cineplex

Die Muppets Weihnachtsgeschichte

Was für ein verbitterter Geizkragen ist doch dieser Ebenezer Scrooge. Erst durch eine magische Reise erkennt er die wahre Bedeutung von Weihnachten. Was gibt es Schöneres, als zwischen Weihnachtsessen und Geschenken der verrückten Muppetgang auf der großen Leinwand zu folgen?
1.12., 14.15 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Plagues of Breslau 

Die Polizistin Helena versucht das Rätsel um einen Mörder zu lösen, der jeden Tag um 6 Uhr abends zuschlägt. Dafür reist sie zurück ins 18. Jahrhundert. – Polnisches Kino
1.12., 17 Uhr, 2.12., 20 Uhr, Cineplex (OmeU)

Sorry Angel 

Drama um die komplizierte Beziehung zwischen einem an AIDS erkrankten Autor und einem jungen Studenten. – Queerblick im Rahmen der 24. Französischen Filmtage
1.12., 20.15 Uhr, Kinobar Prager Frühling, 2.12., 19 Uhr, Cinémathèque in der Nato (mit Diskussion) (OmU)

Dornröschen 

Der Märchenklassiker in der DEFA-Verfilmung von 1971. – Reihe Märchenhafter Dezember
2.12., 15 Uhr, Schauburg

Geister der Weihnacht – Augsburger Puppenkiste 

Die Augsburger Puppenkiste gibt Charles Dickens‘ Weihnachtsgeschichte über den Geizhals Ebenezer Scrooge.
2.12., 11, 15 Uhr, Cineplex, Passage Kinos, 12, 13.30 Uhr, Cinestar

Gundermann 

Wundervolle Spielfilmbiografie über den ostdeutschen Sänger und Musiker Gerhard Gundermann.
2.12., 16 Uhr, Schaubühne Lindenfels

Achternbusch-Werkschau
5.12., Luru-Kino in der Spinnerei

19 Uhr, Die Atlantikschwimmer (BRD 1976)
Die Münchner Heinz und Herbert sind des Lebens müde. Sie trösten sich im Zoo und im Wirtshaus und als auch das nichts mehr bringt, beschließen sie, den Wettbewerb eines Kaufhauses zu gewinnen, indem sie den Atlantik durchschwimmen. – Achternbusch-Werkschau

21 Uhr, Mix Wix (D 1989)
Warenhausbesitzer Herbert Achternbusch meditiert über Gott und die Welt. – Achternbusch-Werkschau (Bildrechte: Filmfest München)

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