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Das Ende einer Epoche

Vor 75 Jahren legten britische Bomber das Graphische Viertel in Schutt und Asche

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Der Luftangriff auf Leipzig war verheerend für die einstige Buchstadt. Ihre alles beherrschende Stellung als Drehscheibe des deutschen Buchhandels war unwiderruflich verloren. Bücher waren in Leipzig allerdings auch schon vorher verbrannt worden.

In der Nacht vom 3. auf den 4. Dezember 1943 erreichte der Bombenkrieg Leipzig. Um 3.58 Uhr warfen britische Bomber 311 Luftminen, 451 Spreng-, 281.035 Stabbrand- und 12.863 Phosphorbomben auf die Innenstadt ab. 4.14 Uhr war der Angriff beendet. Die Leipziger City stand in Flammen. In dieser Nacht starben 1.815 Menschen; etwa ein Fünftel aller Leipziger hatte die Wohnung verloren.

Auch das Graphische Viertel, das Herz der Buchstadt, wurde von dem Angriff getroffen. Berühmte Verlage wie, um nur wenige zu nennen, Brockhaus, Reclam, der Teubner Verlag waren hier angesiedelt; dazu Buchhändler, Druckereien, Schriftgießereien, Buchbindereien, schließlich das prächtige Deutsche Buchhändlerhaus. Besonders die gewaltigen Lager der Zwischenbuchhändler mit ihren Bücher- und Papierbeständen brannten wie Zunder. Das Ausmaß der Zerstörung trägt apokalyptische Züge. Das Graphische Viertel lag zu fast 80 Prozent in Schutt und Asche. In der Druckerei Haag Drugulin floss das Metall der berühmten und kostbaren Sammlung fremdsprachiger und orientalischer Typen die Treppe herab. 50 Millionen Bücher waren verbrannt. Noch im 30 Kilometer entfernten Halle soll es verkohlte Papierfetzen vom Himmel geregnet haben. Ein emigrierter deutscher Wissenschaftler verglich im New Yorker Branchenmagazin Publishers Weekly die Auslöschung des Graphischen Viertels mit dem Brand der Bibliothek von Alexandria. Allerdings fiel neben unersetzlichen Kostbarkeiten auch jede Menge NS-Propaganda den Flammen zum Opfer. Und Bücher waren in Leipzig schon vorher verbrannt worden: Am 2. Mai 1938 hatte die SA das Volkshaus gestürmt, geplündert und »undeutsche« Bücher, die sie darin gefunden hatten, ins Feuer geworfen.

Zwar versuchten nach der Katastrophe die Verleger und Buchhändler, den Betrieb wieder aufzunehmen. Aber Leipzig hatte seine alles beherrschende Stellung als Drehscheibe des deutschen Buchhandels unwiderruflich verloren. »Nie mehr«, stellt der Buchwissenschaftler Thomas Keiderling fest, »sollten die lokalen Bestell-, Lagerungs- und Auslieferungseinrichtungen, das einzigartige Zusammenspiel aller derartigen Einrichtungen am Leipziger Platz, in der bisherigen umfassenden Form rekonstruiert werden. Eine Epoche war zu Ende gegangen.«

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