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»Die haben viel mehr reingepackt«

Kuno über Metal in der DDR, hartes Gekloppe in Sachsen und die heutige Szene in Leipzig

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Als Kuno ins kreuzer-Büro kommt, will der Metalkenner und Radiomoderator nicht mal einen Kaffee. Er hat nur eine halbe Stunde Zeit, muss gleich weiter, weil ein Freund seiner Tochter abgeschoben werden soll. Den muss er unterstützen. Darum machen wir schnell.

kreuzer: Stimmt es, dass Metal die größte Jugendbewegung der DDR war?
THOMAS »KUNO« KUMBERNUSS: Auf alle Fälle. Interessant ist, dass sich Ende der achtziger Jahre aus dem Metal viele andere Subkulturen entwickelt haben. Leute, die früher Metaller waren, wurden Punks, Grufties oder Skinheads – unpolitische Skinheads zuerst noch. Aber später hat sich herausgestellt, dass ein Großteil der unpolitischen Skinheads doch politisch war, so dass dir zur Wendezeit auch ehemalige Kumpels auf die Fresse gehauen haben. Die einen mit langen Haaren, die anderen jetzt mit kurzen Haaren und rechtem Arm.

kreuzer: Neonazis kamen aus der Metal-Szene?
KUNO: Ich glaube, dass das auch vorher schon in den Köpfen war, aber dann erst rauskam.

kreuzer: Wie war das Verhältnis vom Staat zum Metal? Musste man wie beim Punk zu Konzerten in Kirchen gehen?
KUNO: In Grevesmühlen, wo ich aufgewachsen bin, gabs eigentlich gar keine Konzerte. Da sind wir in Diskos gegangen, wo es um zehn immer eine halbe Stunde Metal-Runde gab. Bewusst von der Stasi haben wir kaum was gemerkt. Einmal kamen Polizisten auf uns zu und meinten: Können wir mal Ihren Ausweis sehen, Herr Kumbernuß? Zuerst haben wir noch darüber gelacht, dass die Polizei meinen Namen kennt. Interessant war auch, dass die Leute mit langen Haaren vor dem 1. Mai und 7. Oktober immer angehalten waren, nicht auf die Straße zu gehen und die Festlichkeiten zu stören.

kreuzer: War denn Metal in der DDR politisch?
KUNO: Zumindest in dem Sinne, dass man das nach außen getragen hat. Aber mit Forderungen war das nicht verbunden. Wenn man den Song »18 Jahre sein« von Formel 1 über einen 16-Jährigen, für den keiner Zeit hat, hört, während man Gartenarbeit macht und der Vater besoffen ist, prägt einen das. Zum Beispiel, um Autoritäten zu hinterfragen. Man kann das Lied auch so interpretieren, dass nicht das Elternhaus zu klein ist, sondern der Staat DDR. Ich bin nicht der Einzige, der das da herausgehört hat. Auf einem Konzert von Formel 1 hat der Sänger 1987 von der Bühne gesagt: »Ich schätze, ihr wart in Russisch alle so schlecht wie ich«. Alle buhen. »Aber wir haben zwei Worte dazugelernt: Glasnost und Perestroika.« Formel 1 haben das ziemlich oft thematisiert.

kreuzer: Wie unterschied sich Metal in der DDR von Metal in der BRD?
KUNO: Du hast auch in der BRD unterschiedliche Szenen gehabt: Im Ruhrpott vor allem Thrash-Metal-lastige Bands, in Hamburg eher melodische Metalbands. In der BRD waren eher Speed und Thrash angesagt. Gerade in Sachsen und Thüringen gab es viel mehr Leute, die auf hartes Gekloppe standen, Death-Metal, Blackmetal, Grindcore.

kreuzer: In der DDR hatte man aber andere Möglichkeiten.
KUNO: Der Vorteil der DDR-Metal-Bands war, dass sie relativ abgeschottet waren, daher konnten sie sich freier entfalten. Man muss sich mal anschauen, welche relevanten Musikbands es in Deutschland gibt: Rammstein, die in der DDR aufgewachsen sind und etwa Eigenes entwickelt haben, Subway To Sally oder In Extremo, die auch in der DDR angefangen haben und relativ eigenständig geblieben sind. Allgemein ist der Ostrock im Vergleich zum Westrock epischer. Die haben viel mehr in ihre Texte reingepackt. Das vermisst man im Westen. Zu DDR-Zeiten mussten die Bands auf Deutsch singen und haben dadurch einen ganz anderen Umgang mit Sprache gehabt. Im Westen war das ziemlich egal: Hauptsache, ein bisschen brutal und irgendwas mit Dämonen oder Satan. Da mussten sich die DDR-Bands viel mehr Gedanken machen. Auch beim Proben. Da wurde nicht gesoffen, weil Probezeiten begrenzt waren – außer du hast ne Pappe gehabt. Ein Vorteil zu DDR-Zeiten war, dass die Bands viel weniger Trends folgen konnten und dadurch eigener waren.

kreuzer: Man kam auch schwerer ran.
KUNO: Ich war zur Wende 18 Jahre alt. Die Leute, die älter waren, sind nach Ungarn gefahren und haben sich dort mit Platten und allem eingedeckt. Wir haben uns die Nietenbänder selbst gemacht. Wenn ich heute sehe, wie sich Leute ihre Nietenarmbänder bei H & M oder Karstadt kaufen, dann ist das ein bisschen traurig. Den ursprünglichen Metal-Geist gibts heutzutage kaum noch.

kreuzer: Was ist der ursprüngliche Metal-Geist?
KUNO: Das Rebellische. Metal war für uns eher unbewusst eine Rebellion. Wir haben es halt gehört und waren es, ob wir es wollten oder nicht. Es ging weniger ums Anderssein, nur darum, sich selbst zu finden. Da war Metal der Ausdruck unseres Lebensgefühls. Der Habitus mit Jeans und Ledernieten und Haaren kam dazu, um sich abzugrenzen. Auf dem Dorf gabs dann Kommentare zu meinem Pferdeschwanz: »Bist du schwul?«, »du Mädchen« oder »ein richtiger Mann trägt seinen Schwanz vorne«. Das hat einen aber eher noch bestärkt.

kreuzer: Wie würden Sie die Metal-Szene in Leipzig heute beschreiben?
KUNO: Großartig. Wir haben einen dermaßen großen Pool an dermaßen geilen Bands. Das ist Wahnsinn! Man kommt kaum hinterher, die alle zu beobachten. Total schade ist aber, dass es das Helheim und das 4rooms nicht mehr gibt. Aber es wird auch viel aufgefangen, in diversen Läden in Connewitz, im Plaque, im Bandhaus. Und kommerziellere Läden, über die ich nicht reden will, weil die eher von der Szene leben, als die Szene von ihnen.

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