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Letzte Tage in L.

Über den Tod und das Sterben in Leipzig

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Jeder stirbt für sich allein? Der allerletzte Atemzug mag einsam sein. Doch zu jedem Sterben gehören die Lebenden: Notarzt, Bestatter, Steinmetz, Standesbeamter, Redner, Florist. Die Angehörigen erleben Verlust und Trauer und führen viele Gespräche um den Abschied. Und sie sammeln Dokumente. Eine Recherche zu Sterben und Tod in Leipzig.

Alpha und Omega. Anfang und Ende. »Hier kommen wir alle mal hin.« Standesamtsleiter Uwe Bernhardt weist auf eine Regalfront. Sie gehört zum Sterberegister der Urkundenstelle. Hier werden die Namen der Verstorbenen, ihr Geburts- und ihr Todesdatum aufbewahrt. Der Raum im Erdgeschoss des Stadthauses misst circa sieben mal zwölf Meter. Von der weißen Kreuzdecke hängen vier Neonlampen herab, geben kaltes Licht auf graue Metallregale. Darin stehen schwarze gebundene Bücher und Stehsammler mit rosa Aktenmappen. Sie enthalten die Sterbeurkunden der in den letzten dreißig Jahren Verstorbenen. Es ist nicht viel, was am Ende übrig bleibt.

Das Genesungs- und Sterbehaus

Nicht nur beim amtlichen Leben fallen Geburt und Tod örtlich zusammen, auch beim leiblichen ist das der Fall. Heute werden die meisten Menschen im Krankenhaus geboren und dort versterben sie auch. Vor hundert Jahren betraf das nur wenige Prozent. So wird das Krankenhaus, eigentlich ein Ort der Genesung, auch zum Sterbehaus.

»Auf so einer Station liegen Leben und Tod nah beieinander«, sagt Ulrike Schäpe. Sie ist Krankenschwester in der Intensivmedizin der Leipziger Uniklinik. »Ich arbeite schon viele Jahre hier. Man lernt, damit umzugehen – für sich selber, aber auch den Hinterbliebenen und dem Verstorbenen selbst gegenüber. Das bringen die Jahre und die eigene Haltung.« Anfangs sei die Konfrontation mit dem Tod auf der Arbeitsstelle Krankenhaus nicht einfach, erzählt sie. An den Tod müsse man sich gewöhnen. »Manche Patienten sind so schwer krank, da ist der Weg leider abzusehen. Andere Fälle geschehen ad hoc, da werden die Patienten von jetzt auf gleich aus dem Leben gerissen. Das kann für die Pflegekräfte und die Ärzte natürlich schwer sein.« Manchmal geschieht das im Team. »Wir sprechen uns aus, gemeinsam. Natürlich muss der Einzelne damit umgehen und es hängt an jedem selber, wie er das verarbeitet.« Patienten wie Angehörige werden bestmöglich über den Gesundheitszustand und die möglichen Erwartungen aufgeklärt. Dann übernimmt die Natur. Der Rest ist Logistik.

Die Totenbescheinigung stellt der betreuende Arzt in der Schicht aus, der Verstorbene wird für die Hinterbliebenen aufgebahrt, sagt Schäpe. »Wir haben einen schön gestalteten Abschiedsraum, da können die Hinterbliebenen Abschied nehmen. Dafür ist ungefähr zwei Stunden Zeit.« Wenn die Angehörigen von außerhalb kommen, wird darauf Rücksicht genommen, so weit es die Krankenhausabläufe zulassen. »Normalerweise holt das klinikinterne Bestattungsunternehmen die Verstorbenen nach zwei Stunden ab und bringt sie in die Pathologie. In jedem Fall haben die Angehörigen noch ein Gespräch mit dem Arzt und es wird das Eigentum ausgehändigt. Dabei wird ihnen der weitere Ablauf erklärt. Zuallererst müssen sie ihr eigenes Bestattungsunternehmen benachrichtigen.« Dieses holt den Verstorbenen dann aus dem Klinikum ab – diskret steuern die Leichenwagen den Hintereingang an. Das Krankenhaus soll immer noch Ort der Lebenden sein.

Sterben – Tod – Trauer

Juna und Norwin haben Gefühle wie jeder andere auch. Als sie ihre Koffer für eine Reise packen, sind beide aufgeregt: Juna steckt voller Vorfreude. Norwin hat jedoch Angst vor dem, was ihn da erwartet. Wer beide beobachtet, stellt fest: Menschen reagieren unterschiedlich auf die Dinge. Und: Das Gegenüber kann Gefühle nur deuten, wenn man sie auch zeigt. Juna und Norwin sind zwei sympathische Typen, die Kindergärten besuchen und dort über den Tod sprechen. Mit den beiden Handpuppen bereitet die Trauerbegleiterin Susan Graf die Kinder auf Abschied und Verlust vor. Die Puppen erleichtern das Sprechen darüber. Das sechswöchige Projekt ist als Reise konzipiert, bei der die Kinder einen Vormittag pro Woche zum Thema Leben, Tod und Trauer verbringen.

Susan Graf ist beim Hospizium in Lindenau für Seelsorge und Trauerbegleitung zuständig. Das Projekt für die Vorschulkinder gibt es seit 2014. Die Altersgruppe ist nicht zufällig gewählt: »Ungefähr ab dem sechsten Lebensjahr verstehen Kinder den Tod nicht mehr als vorübergehenden Abschied, der neben Weggehen auch ein Wiederkommen beinhaltet«, berichtet Graf. Es entwickelt sich eine Vorstellung von der Endgültigkeit des Todes. Zunächst begegnen Kinder dem mit Neugier. Zurückhaltung stellt sich erst später ein – und dann ist auch die Offenheit im Umgang passé. In der Phase zwischen neugierigem Ernst und abwehrendem Ernst lässt sich das Interesse der Kinder abholen. Hier setzt Junas und Norwins Reise durchs Leben an. Das dabei vermittelte Wissen stärkt die Kinder für den Ernstfall, also den Todesfall im Freundes- oder Familienkreis. Dann nämlich sind die Erwachsenen mit sich selbst befasst, mit der eigenen Trauer – und Formalitäten. In dieser emotionalen Ausnahmesituation haben die Fragen der Kinder kaum Platz. Es ist der denkbar schlechteste Zeitpunkt, um mit Kindern erstmals über den Tod zu sprechen.

Mit Kindern über den Tod reden: Susan Graf mit Juna und Norwin

Beim Projekt mit Puppenspiel, Liedersingen und Reisetagebuch geht es nicht nur um Trauer im Todesfall. Die Forschung kennt laut Susan Graf drei Formen der Trauer: die vorauseilende, die begleitende und die nachgehende Trauer. Die vorauseilende Trauer ist allgegenwärtig, denn ständig gibt es Abschiede, Verluste, Trennungen, Enttäuschungen. Kinder kennen das bereits: Verlieren sie ihr Kuscheltier, müssen sie damit leben, dass es weg ist und weg bleibt. Andere Kuscheltiere machen den Verlust nicht wett. Eventuell merken sie, wie der Schmerz mit der Zeit weniger wird, auch wenn er lange nachhallt. Auf diese Weise lässt sich der Umgang mit Verlusterfahrungen trainieren. Juna, Norwin und Susan Graf sind im Namen der Prävention tätig.
In der zweiten Woche treffen die Puppen auf dem Spielplatz drei Generationen: Kinder, Eltern, Oma. Ihnen zeigt sich das Leben als Kurve zwischen einem hilflosen Säugling und einem Grabstein. Auf diesem Weg geht der Mensch Stationen, auf der dazugehörigen Abbildung befindet sich zwischen dem Kleinkind und dem Schulkind eine Leerstelle: Hier kann sich der Kindergartengänger selbst verorten. Vermittelt wird zudem, dass dieser Weg lange dauert: Vor dem Grabstein ist die Uroma abgebildet, Altwerden ist also der Normalfall. »Die Kinder sollen sich nicht ängstigen«, sagt Graf. Und noch eine Botschaft steckt in der Darstellung. Dass die Verstorbenen nicht komplett fort sind, sondern einen Ort haben: in den Herzen der Angehörigen und auf dem Friedhof.

Das Feststellen des Todes

Vor dem Grab kommt das Sterben. Wann ist ein Mensch eigentlich tot? Den Tod stellt ein Arzt fest, nur er darf die Todesbescheinigung ausfüllen. Bernd Harzer ist Arzt in der Leipziger Innenstadt, genauer gesagt Hausarzt und auf Innere Medizin spezialisiert. Er nennt drei sichere Zeichen für den eingetretenen Tod: »Totenflecken, Leichenstarre, Verwesung.« Ist ein Mensch frisch verstorben, fehlen diese: »Die Totenflecken treten frühestens nach einer halben Stunde ein, die Totenstarre nach zwei bis drei Stunden.« Hat jemand noch keine Totenzeichen, ist er also entweder noch keine halbe Stunde tot. Oder gar nicht. »Dann ist der Arzt verpflichtet, Wiederbelebungsmaßnahmen einzuleiten.«

Für das Ausstellen der Todesbescheinigung reicht der Vermerk der Totenzeichen nicht aus. Der Arzt muss zudem angeben, ob der Tod natürlich erfolgte. Im Zweifel, das kennt man aus dem Fernsehen, wird die Polizei benachrichtigt, die ihrerseits Kriminalpolizei und Rechtsmedizin hinzuzieht. Unabhängig von den Todesumständen ist dafür die ausführliche Leichenschau notwendig. Deren Schritte sind genau vorgeschrieben: »Der Tote muss vollständig entkleidet sein und er ist von allen Seiten zu betrachten, er muss also ausgezogen und gedreht werden. Es ist alles zu untersuchen, auch alle Körperöffnungen. Ausreichende Beleuchtung ist ebenfalls vorgeschrieben, damit nichts übersehen werden kann«, zählt Harzer auf.

Im Kindergarten ist von Dingen wie Totenflecken und Leichenstarre keine Rede. Juna, Norwin und die Kinder lernen aber, dass sich mit Stethoskop, Spiegel und Thermometer Herzschlag, Atmung und Blutzirkulation feststellen lassen. Das sind eindeutige Anzeichen dafür, dass sie lebendig sind. Weil das Herz nicht mehr schlägt, der Mensch nicht mehr atmet und das Blut nicht mehr zirkuliert, lässt sich über diese Kriterien der Tod vom Leben unterscheiden. Daraus folgt etwas Wichtiges: Wer krank ist, ist noch lange nicht tot. Zur Begleitung kommt eine Ärztin in den Kindergarten. Sie beantwortet Fragen, zum Beispiel: Warum gibt es Läuse? Und wieso leiden Menschen eigentlich an Krebs?

Der Bestatter

Der Weg zwischen Sterben und Grab ist nicht schnell absolviert. Es ist selten geworden, dass Menschen in ihrer Wohnung die letzten Atemzüge tun, noch seltener ist es, dass Angehörige dort Totenwache halten. Die meisten versterben in Krankenhaus, Pflegeheim oder Hospiz. Hat der Arzt die Todesbescheinigung ausgestellt, kann das zuständige Bestattungsinstitut angerufen werden. Zur Zahl der in Leipzig arbeitenden Institute variieren die Angaben. Die Innung spricht davon, dass rund 80 Bestatter in der Stadt tätig sind, davon seien aber nur 20 feste Größen. Das Standesamt hat dagegen mit rund 40 Bestattern regelmäßig zu tun.

Im Institut Lunkenbein ist Frank Michael Weinhold Büroleiter der Filiale in der Delitzscher Straße. Ihm zufolge wünschen Hinterbliebene im Allgemeinen, dass die Verstorbenen schnell abgeholt werden. »Maximal bleiben sie noch über Nacht.« Früher, so erinnert sich Weinhold, der seit 1985 im Bestattungswesen tätig ist, wurde nachts oder am Wochenende nicht aus einer Privatwohnung abgeholt. »Da hatten die Leute natürlich auch kein Telefon.« Einrichtungen wie Heime verfügen oft über eine Leichenhalle, in der Verstorbene aufgebahrt werden. Fehlen solche Räume, muss der Bestatter ebenfalls schnell zur Stelle sein, um den Leichnam zu überführen.

»Erde oder Feuer?« lautet die prinzipielle Frage vor der Beerdigung. Karin Schmidt ist Bestattungsberaterin beim Bestattungshaus Klaus. »Wenn ein Gespräch mit den Angehörigen möglich ist, versuchen wir schon vor der Überführung herauszukitzeln, ob eine Erd- oder Feuerbestattung gewünscht ist.« Nach der Abholung wird der Leichnam gewaschen und angekleidet – mit einem Talar oder mit der Kleidung, die sich die Hinterbliebenen wünschen. Weitere Gespräche folgen: Da geht es um die Einzelheiten der Bestattung, um den Redner, den Blumenschmuck, die Traueranzeige. Und um jede Menge Papierkram. Der Bestatter ist eine Art Manager rund um den Tod. »Seit 15 Jahren ist der Beruf nicht mehr staubig«, erzählt Karin George, Vorstandsmitglied der Landesinnung der Bestatter Sachsens. »Damals beargwöhnte man den Bestatter noch. Heute ist er ein vertrauensvoller Dienstleister, der einem hilft, bei Bestattung und Trauer den eigenen Weg zu finden.« Sie sieht einen offenen Umgang mit dem Thema. »Es gibt heute so viele alternative Bestattungsmöglichkeiten. Ich hätte zum Beispiel nicht gedacht, dass sich Friedwald- und Baumbestattungen durchsetzen werden. Manche lassen sich sogar aus Humanasche einen Diamanten anfertigen.«

Der letzte Weg führt zum Friedhof, allermeist ist es die Urne, die das Bestattungsinstitut vom Krematorium dorthin bringt. Den Bestattern zufolge dominiert die Feuerbestattung. Als Grund dafür nimmt Weinhold an: »Der Tod wird weggeschoben.« Abhängig von der genauen Ausgestaltung in Hinblick auf Sarg, Friedhof und Zeremonie mag hinzukommen, dass eine -Feuerbestattung auch ein wenig günstiger sein kann. Die Zunahme der Feuerbestattung sieht Innungsvorstandsmitglied Karin George auch veränderten Familienkonstellationen geschuldet. »Wenn die Kinder in Hamburg leben, können sie nicht ständig zur Grabpflege hier sein. 
Dann entscheidet man sich eben für ein Gemeinschaftsgrab.« Auf dem Land freilich sei die soziale Kontrolle noch höher, da werde noch mehr erdbestattet.

Das Abschiednehmen

In solche Einzelheiten tauchen die Kinder zusammen mit Juna und Norwin nicht ein. In der vierten Woche befassen sie sich aber ebenfalls mit der Bestattung. So bereiten sie den Friedhofsbesuch in der fünften Woche vor: Mithilfe des Kinderbuchs »Die besten Beerdigungen der Welt« und einer gespielten Tierbeisetzung thematisieren sie mögliche Rituale, Juna und Norwin beantworten Fragen. Auch an dieser Stelle betont Trauerbegleiterin Susan Graf: »Das ängstigt die Kinder nicht, das Wissen um Bräuche macht sie sicher.« Beim Friedhofsbesuch in der Folgewoche stehen Symbole und Grabgestaltung auf dem Programm. Eventuell ergibt sich ein Gespräch mit einer älteren Dame, die gerade ein Grab pflegt.

In der Realität müssen die Angehörigen den Abschied planen. Die Urnenfeier findet in der Friedhofskapelle mit einem Redner je nach Konfession statt. Eine Musikfeier ist ähnlich, kommt aber ohne Worte aus. Bei der stillen Beisetzung erklingt lediglich ein Musikstück, bevor es an das Versenken der Urne geht. Stille Beisetzungen werden den Bestattern zufolge häufiger, Pfarrerfeiern bilden dagegen wegen des geringen Einflusses der Kirche die Ausnahme.

»Dass der Leichnam aufgebahrt wird, kommt nur sehr selten vor«, erzählt Karin Schmidt. Sie vermutet dahinter Berührungsängste, sich einen Toten anzuschauen. Weinhold erinnert sich daran, dass Sargfeiern vor der Einäscherung zu DDR-Zeiten häufiger waren. »Die gibt es kaum noch«, sagt er. Auch er gibt zu bedenken, dass die Familien heute weiter verstreut leben: »Manchmal wohnen die Enkel im Ausland, da ist es schwierig, alle Verwandten rechtzeitig für eine Sargfeier zusammenzubekommen.«

Dennoch gibt es jüngst auch gegenläufige Entwicklungen. Die sogenannte Bestattung auf der Grünen Wiese verliert wieder an Beliebtheit, sagt Christine Stoll vom gleichnamigen Steinmetzbetrieb: »Diese anonymen Bestattungen sind eigentlich schon wieder im Abflauen.« Ihrer Beobachtung nach spielte dabei zumindest teilweise die Geldfrage eine Rolle. »Heute geht es nicht mehr unbedingt ums Geld, sondern die Familien kommen nicht mehr oft genug an den Ort, weil sie weit weg wohnen. Die Friedhöfe haben sich da Gedanken gemacht und bieten sogenannte Pflegegräber an, also ein eigenes Grab mit eigenem Grabstein, das vom Friedhofspersonal gepflegt wird. Das wird ganz gut angenommen.«

Wurde nach der Wende das Schwarz und Grau der Grabsteine gerne durch bunte Töne ersetzt, geht die Farbigkeit inzwischen wieder zurück, sagt Steinmetzin Stoll. Dafür sei der Textminimalismus von vor zwei Jahrzehnten perdu. Heute darf es wieder ein zusätzlicher Spruch sein, gern kurz und bündig: »In Liebe«. Ornamente und Symbolisches sind dennoch beliebt. Wer etwa Saxofon gespielt hat, dessen Grabstein ziert das Instrument. Manche Angehörige lassen sich in mehreren Sitzungen umfassend zur Gestaltung beraten, andere wollen genau das, was schon hundertfach auf dem Friedhof steht. Insgesamt, so Stoll, überwiegt der Wunsch nach individueller Gestaltung des Grabsteins. Einige Kunden achten sogar bewusst darauf, keine Grabsteine aus Indien und China zu kaufen, weil dahinter Kinderarbeit stehen könnte.

Sehen sich die Bestatter eher als Dienstleister oder auch als Seelsorger? »Wir müssen die Kunden natürlich betreuen und genau beobachten, um auf sie eingehen zu können«, sagt Karin Schmidt. »Da wird man schon mal zum Seelsorger, denn wir sind der erste Ansprechpartner für die Angehörigen.« Weinhold sieht sich eher dazwischen: »Der Anteil der Seelsorge hängt vom Fall ab.« Zu viel Betroffenheit fände er falsch, denn er will den Hinterbliebenen auch Zuversicht vermitteln: »Wenn Sie sterben, wollen Sie doch auch nicht, dass alle heulen.« Vor allem möchte er die Seelsorge nicht übertreiben, denn dafür gibt es Profis. Wichtig ist es ihm, bei den praktischen Fragen zur Seite zu stehen – Beurkundung, Abmeldung, Witwenrente – und Wege abzunehmen. Ganz abschalten könne sie nicht, sagt Karin George: »Ich bin manchmal gerührt bei Bestattungen, man bleibt ja Mensch. Es ist nicht weniger tragisch, wenn ein alter Mensch stirbt als ein junger. Der ist ja auch in Familie und Freundeskreis eingebettet. Trennung ist immer ein scharfes Schwert.«

Die Trauer

Die sechste und letzte Woche bedeutet für Juna und Norwin Verlust: Kurz bevor sie zu Hause ankommen, verliert Juna das Tagebuch ihrer Reise. Norwin ist traurig und braucht Trost. Die Kinder lernen: Trost gibt es nur, wenn er seine Trauer auch zeigt. Und: Trost kann verschiedene Formen annehmen. Auch hier kann der Bestatter erste Hilfe anbieten, sagt Karin George. Zum Berufsfeld zähle die Weitergabe von Kontakten zur Trauerbegleitung oder auch, einfach da zu sein. »Wir trinken schon mal gemeinsam mit den Hinterbliebenen eine Tasse Kaffee, versuchen zu trösten und aufzubauen.« Dafür veranstaltet ihr Institut in Böhlen regelmäßig ein Trauercafé, in dem Trauernde zusammenkommen.

Solch einen Ort sehnt Miriam auch herbei; sie möchte nur mit dem Vornamen genannt werden. Vor vier Jahren hat sie beim Studium in Wales ihre große Liebe Liam verloren. Nach langer Pause hat sie sich entschlossen, ihr Studium fortzusetzen – in Leipzig. Und hier sucht sie Menschen, um sich über ihre Trauer auszutauschen. »Ich wünsche mir einen Raum, in dem ich offen über den Tod und den Verlust sprechen kann.« So eine Gruppe habe sie in Leipzig nicht gefunden. In den anderen trafen sich entweder Eltern, die ihre Kinder verloren hatten, oder ältere Verwitwete. Also gründete die Mittezwanzigjährige selbst eine Gruppe für Menschen zwischen 18 und 30 – Mitte November fand das erste Treffen in der Apotheke am Ostplatz statt. Zweimal im Monat sollen weitere folgen.

»Niemand wird gern an die eigene Sterblichkeit erinnert«, sagt Miriam über ihre Erfahrungen mit den Mitmenschen. »Wenn ich in Alltagsgesprächen meinen Verlust anspreche, passiert aber genau das. Das scheint den Leuten unangenehm zu sein.« Viele meinen, Trauer sei ein Prozess, der irgendwann abgeschlossen ist. »Sie denken, man ist irgendwann darüber hinweg. Aber Trauer ist nicht linear.« Miriam zeichnet einen Kreis: »Das sind alle Lebensbereiche eines Menschen. Wenn man jemand Geliebtes verliert, dann wirkt sich das auf alle diese Bereiche aus.« Sie zeigt die Trauer mit schraffierten Strichen im Kreis an. »Jeder Bereich deines Lebens ist von Trauer betroffen. Und das wird nicht kleiner oder verschwindet. Neues Leben wächst drumherum und die Trauer wird Teil des Lebens.« Und sie kehrt wieder, besonders an Jahrestagen oder zu Weihnachten.

Von außen spürt Miriam immer wieder Unverständnis oder Druck, wenn das Thema aufkommt. Oft sei es auch einfach nur Verunsicherung, weil der Tod mit einem gewissen Tabu belegt ist. »Sie müssen aber keine Angst haben, nachzufragen. Ich bin für Nachfragen offen. 
Ich sage schon, wenn mir etwas zu viel ist. Aber dieses Totschweigen ist schrecklich. Dieses ›Sprich sie nicht an, sonst wird sie traurig.‹ Traurig bin ich sowieso. Ich würde mir eher wünschen, dass andere meine Trauer als Teil von mir anerkennen und offen mit mir sprechen. Es muss ja nicht direkt über den Tod selbst sein, sondern auch über unser Leben in Cardiff und wie Liam so war. Damit zeigen sie mir: Ich sehe deinen Schmerz.«

Anfang und Ende

Amtlich findet der Verstorbene die vorläufig letzte Ruhe bei der Urkundenstelle, bevor der Sterbebescheid nach 30 Jahren ins Stadtarchiv verlegt wird. Die Urkundenstelle gehört zum im Stadthaus ansässigen Standesamt. Dort hat Marion Schlegel, Leiterin des Sachgebiets Geburt und Sterbefälle, die wichtigen Lebensstationen in einer Hand. Kurz und bündig erklärt Amtschef Uwe Bernhardt die Aufgabe: »Wir schaffen Identität und bewahren Identität.« Jeder, der in der Stadt stirbt, dessen Tod wird hier erfasst. »Beurkundung eines Sterbefalls« heißt das auf Amtsdeutsch. Das Verfahren ist ortsgebunden, weshalb die Zahlen nicht nur den Tod der Leipziger betreffen. Rund 7.000 Geburten im Jahr stehen daher mehr als 7.000 Sterbefälle gegenüber.
Der amtliche Sterbensprozess ist ein Fachverfahren, das nach einem bundesweit einheitlichen System erfolgt. Zunächst muss der Todesfall angezeigt werden – innerhalb von drei Werktagen nach Eintreten des Todes. Das übernehmen meistens die Einrichtungen wie Krankenhäuser oder Hospize, in denen der Mensch verstarb. »Wir müssen Kenntnis vom Tod haben«, so Schlegel. Denn erst mit dem Wissen kann sie entscheiden, wie das Verfahren weiterläuft. Ist in der Todesbescheinigung »nicht natürlicher Tod« eingetragen, schaltet sie das Gesundheitsamt für die genauere Recherche ein oder in deutlichen Fällen sofort Polizei und Staatsanwaltschaft.

Für die finale Beurkundung des Todes benötigt man Dokumente wie Geburtsurkunde und Ausweis. Bei der Zusammenstellung helfen die Bestatter und übernehmen auch den Gang zum Amt. Das Standesamt garantiert bei vollständigen Unterlagen eine Bearbeitungszeit von sechs Tagen. Die Beurkundung selbst ist ein einfacher Verwaltungsprozess, der Schlegel im Normalfall nicht mehr als zehn bis fünfzehn Minuten abverlangt. Sie klickt sich durch das EDV-Programm, füllt acht Masken mit persönlichen Daten des Toten, Informationen für das Finanzamt, letzter Wohnanschrift. »Alles, was den Verstorbenen noch betrifft, wie der Erbvorgang, bezieht Informationen aus der Urkunde.« Seit 2009 sind die Behörden elektronisch verknüpft. Mit dem Drücken der Enter-Taste geht die Mitteilung an die Ämter hinaus. Jetzt ist man amtlich tot und die Daten wandern zur Urkundenstelle, in den Raum mit den Ordnern und dem kalten Neonlicht. Von dem der Standesamtschef sagt: »Hier kommen wir alle mal hin.«

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