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Wilde Holle

Eine weihnachtliche Kolumne über Wilde Frauen und Männer

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In den Raunächten gehen die Wilden Menschen um: Wen der Weihnachtsmann nicht verkloppt, den holt Frau Holle.

»Frau Holle« ist ein Scheißmärchen. Als Motivationsmärchen sowie Druckverstärker verfügt es gerade in einer Zeit, die sich die Leistung auf die Fahnen geschrieben hat, über immense Durchschlagskraft. Die Parabel vom guten und vom schlechten Mädchen hat hier seine populärste Form gefunden. Zwei junge Frauen verdingen sich bei Frau Holle und werden – ja nach Fleiß- und Tüchtigkeitspegel – belohnt mit Gold oder mit Pech bestraft. Die Eigenschaften schön und fleißig sowie hässlich und faul werden hier gruppiert, ganz so wie in der bunten Abziehbildwelt des Boulevards. Und die Person, die über das Schicksal der zwei Damen entscheidet, ist Frau Holle, eine wundersame Gestalt.

Dem Märchen nach lässt sich Frau Holle so interpretieren: Sie residiert in irgendeiner Unter-, Zwischen- oder Oberwelt. Denn der Brunnen erweist sich als Dimensionstor: Wer in ihn fällt, ist normalerweise tot. Apfelbaum und Backofen zeigen die Fruchtbarkeit an Natur und Handwerk. Und weil sich das Bettenschütteln in Schneefall auswirkt, muss sie zugleich in einem Himmelreich leben. Frau Holle nimmt sich der Frauen an, stellt Prüfungen und Initiation.

Frau Holle ist aber nicht allein Hirngespinst der Brüder Grimm. Der Legende nach tobt sie in den Raunächten zwischen den Jahren mit der Wilden Jagd durch die Nacht. Zwölf Nächte lang – von Weihnachten bis zu den Drei Heiligen Königen – ist sie dann mit dem fliegenden Heer unterwegs und straft die Ausruhenden: Haben die Mägde ihre Spinnrocken nicht bis zum 6. Januar abgesponnen, wird sie böse und verdirbt das ganze, erst frisch angebrochene Jahr. Der 6. Januar trägt daher auch den Namen »Hullenacht«. Hilft man der Holle bei einer der nicht seltenen Begegnungen, etwa wenn man ihren Pflug oder Wagen repariert, dann winkt Edelmetall zum Lohn: Dann verwandeln sich die bei der Reparatur angefallenen Späne zu Gold.

Sie kann als weiße Taube erscheinen und Segen übers Land bringen: Wo sie sich niedersetzt, erwachsen im Frühjahr die herrlichsten Blumen. Wundersam Berauschendes erlebten zwei junge Männer bei einer Begegnung in Schwarza: Sie hatten Bierkrüge aus einer Schenke geholt, als sie vom herannahenden Wilden Heer überrascht wurden. Sie drückten sich in eine Gassenecke und überstanden das Vorbeipreschen der schrecklichen Horde. Freilich, die Krüge waren hernach leer. Da drehte sich Eckart, einer von Holles Begleitern, zu ihnen um: »Das riet euch Gott, dass ihr kein Wörtchen gesprochen habt, sonst wären euch eure Hälse umgedreht worden«. Hier scheint die Rede vom kein Sterbenswörtchen, das jemand von sich gibt, einmal wirklich sinnvoll – oder die beiden Knaben waren mucksmäuschenstill, damit sie nicht murksmäuschenstill gemacht wurden? Jedenfalls fährt Eckart fort: »Gehet nun flugs heim und sagt keinem Menschen etwas von der Geschichte. So werden eure Kannen immer voll Bier sein und wird ihnen nie gebrechen.« Sie taten wie geheißen, doch nach drei Tagen plautzte es aus ihnen heraus und die Hopfenquelle versiegte.

Einen Heißsporn wollte die Holle unbedingt daten und man nannte ihm eine Kreuzung. Holle brauste samt Gefolge heran. Als der Mann nicht aus dem Weg ging, schlug sie ihm ihr Beil in die Achsel. Weil es keinem gelang, das Werkzeug zu entfernen, machte sich der Verletzte ein Jahr darauf wieder auf zur Kreuzung. Und Holle kam und sprach: »Voriges Jahr habe ich mein Beil in einen Klotz gehauen, heute nehme ich es wieder mit« – und zog es heraus. In manchen Regionen wurde Holle zum Inbegriff schwarzer Pädagogik:  »Wenn du nicht hörst, dann holt dich Frau Holle!«

Damit ist Frau Holle eine typische Vertreterin der Wilden Menschen – und eine Artverwandte vom Weihnachtsmann. Dieser Archetypus der wilden Leute ist der Spiegel, in welchen die Menschen schauen, um sich als zivilisiert anzusehen. Sie ziehen sich durch die Geschichte und tauchen bis heute in vielen Formen auf. Auch wenn der Name selbst aus dem Gebrauch verschwunden ist, erinnern an den Wilden Mann aber nicht nur Gaststätten, die sich so nennen. Als urtümliche Gestalten kommen die Wilden Leute in allen Größen, Formen, Farben und Geschlechtern daher. Als moosbewachsenes Männchen wie der Zwerg in »Schneeweißchen und Rosenrot« tritt er auf oder erschreckt als hünenhafter Berggeist Rübezahl die Wanderer. Die Wilde Frau kann von lasterhafter Schönheit sein, aber auch mit Reißzähnen wie ein Bär über die Ritter herfallen. Oft sind die wilden Leute affengleiche Zottelwesen, üppig behaart, bärtig und mit Keule oder ausgerissenem Baumstamm auf der Schulter.

Vielfach blickt uns der Wilde Mann als bärtiges, in Blätter gehülltes Gesicht bis heute im Alltag an. Nicht nur Jugendstilbauten sind mit ihm verziert. Im bis ins 18. Jahrhundert mit Blumengaben in Leipzig verehrten Johannismännchen steckte ein Wilder Mann. Eine Weinwirtschaft gab dem Dresdner Stadtteil Wilder Mann seinen Namen. Seit 1680 ist auf dem Flecken Land mit Hanglage ein Ausschanklokal nachweisbar. Einige Jahre später erhielt es den Wilden Mann als Wirtszeichen. Später dichtete ein Betreiber eine Sage zusammen, wonach hier einst eine Einsiedelei mit Elbblick existiert habe. Der Wilde Mann als Werbemittel.

Symbolisch steht die Figur für das Archaische und die Instinktwelt, die der Mensch als Teil seines Wesens auszuklammern versucht. Kein Wunder, dass solch ein Kerl schon am Anfang der Schriftlichkeit zu finden ist. Schon im uralten Epos Gilgamesch tritt mit dem Jäger Enkidu der erste Wilde Mann auf, der wallendes Haupthaar trägt und am ganzen Leibe bepelzt ist. Das Naturkind Enkidu wird erschaffen, um den Despoten der zivilisierten Welt, Gilgamesch, zu zähmen. Zur vollen Geltung kommt die Figur des wilden Mannes im Zentaur. Halb Mensch, halb Pferd gibt sich dieser animalische Typ lustbetont wie weinselig, aber auch lebensklug. Das Blut der Pferdemenschen galt bisweilen als Mittelchen für unwiderstehliche Attraktivität.

Als Ikone von Kraft und Fruchtbarkeit ist der Wilde Mann auf Gemälden und Teppichen, auf Hauszeichen, Leuchtern und Ofenkacheln zu sehen. Bei Dürer umgarnt ein wilder, prächtig gelockter Mann eine in ihr Kleid mit bravem Dekolleté eingeschnürte Dame. Sanft nähert er sich ihr von hinten, beugt sein Gesicht zu ihrem Hals. Ihr scheint das nicht unangenehm zu sein, sie nimmt den Kopf mit der Brautkrone zur Seite und gibt den Nacken frei. Der Wilde Mann tritt hier als betörender Liebhaber auf und transportiert die bis heute umtriebige Furcht vor dem Buhler aus der Fremde, der mit großem Gemächt gesegnet ist.

Der Wilde Mann ist auch an der Weltliteratur nicht spurlos vorbeigegangen. So haben Cervantes und Shakespeare das Motiv aufgegriffen. Als der üble Mr. Hyde sucht der Wilde Mann den ehrbaren Dr. Jekyll auf und illustriert, welche animalischen Kräfte und Gelüste auch in der sittsamsten Bürgerseele wohnen können. Niedlicher gibt sich der edle Wilde in der Verkörperung als Dschungelkind Mogli. Er ist eine der ersten Romanfiguren, die aufgrund ihrer Unkultiviertheit der Zivilisation moralisch überlegen ist und Vorbild nicht nur für Tarzan. Auch der erste Rambo-Teil »First Blood« zeigt diese Figur. Von der Gesellschaft in Form des Sheriffs drangsaliert, zieht sich Vietnamkriegsveteran John Rambo in die Wälder zurück. Als wilder Wiedergänger verübt er erbarmungslos, einem einfachen Gefühl von Gerechtigkeit folgend, seine Rache. Das moralisch Gute im Archaischen machten auch Teile der grünen und alternativen Bewegung aus, und ein Millionenpublikum gibt sich in Streifen wie „Der mit dem Wolf tanzt“ der romantischen Sehnsucht nach ein bisschen Wildheit im Leben hin. Der Mensch kann von den Wilden Leuten nicht lassen, sie sind ein Teil von ihm. Noch in den unschuldigsten Momenten taucht der Wilde Mann aus dem Nichts auf. Selbst so friedvolle Angelegenheiten wie das Weihnachtsfest verschont er nicht: Auch der Weihnachtsmann – „Von draußen, vom Walde da komm ich her“ – ist so ein wüster Geselle. Sein prächtiges Gewand lenkt nur leicht davon ab, dass er aus der Wildnis in die heimische Zivilisation der Wohnstuben einbricht. Zwar hat er wundersame Gaben im Gepäck, aber dem Unartigen droht er mit der Rute.

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