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»Wer sind hier die Extremisten?«

Die »Initiative gegen Islamismus« fordert das Verbot der Al-Rahman-Moschee. Die Thematik spaltet die linke Szene

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Das offene Bündnis »Leipziger Initiative gegen Islamismus«, in dem sich überwiegend antideutsche Gruppen engagieren, initiiert vor einer Moschee in Leipzig eine Demonstration – ein Netzwerk gegen Islamfeindlichkeit möchte dagegenhalten. Die Thematik ist komplex. Wie links gegen links argumentiert.

»Da drüben stehen und sich links nennen«, sagt ein Besucher der Al-Rahman-Moschee und zeigt in Richtung der Demonstranten. Er will seinen Namen nicht nennen, eigentlich gar kein Gespräch führen. In der Gruppe von Männern, die vor dem Eingang des Gebetshauses in der Roscherstraße stehen, wabert eine Mischung aus Misstrauen und leichter Gleichgültigkeit. Die Moschee im Leipziger Norden ist unauffällig und gleicht einem gewöhnlichen Wohnhaus. Früher beherbergte das Gebäude einen Kindergarten, seit 10 Jahren hängt an der Vorderseite das Schild der islamischen Gemeinde. Mehr hat sich äußerlich nicht getan. Die Männer stehen vor dem Unterdach, die Schultern vor Kälte hochgezogen. Durch die Nässe des Regens fühlen sich die Temperaturen noch unangenehmer an. Einer der Männer blickt auf die Kundgebung und lächelt resigniert. Man wolle sich nicht provozieren lassen, aber reden, was bringe das schon. Auf die Frage, ob die Demonstranten das Gespräch mit den Gläubigen gesucht hätten, tritt ein jüngerer Mann hervor: »Wie? Mit allen Muslimen? Nein. Und warum die Flagge? Warum genau die?«, sagt er und nickt in Richtung der Demonstranten. Die einzige Flagge, die aus der Masse ragt, ist die Israels.

Das Bündnis, das an diesem Freitag um 13 Uhr, also kurz vor Gebetszeit, eine kleine Traube von etwa hundert Menschen bildet und gegen die Moschee demonstriert, ist die »Leipziger Initiative gegen Islamismus«. Sie wirft der größten islamischen Gemeinde Sachsens und dessen Imam Hassan Dabbagh vor, den salafistischen und extremistischen Islam zu verbreiten und Muslime zu radikalisieren. Mit der Frauenrechtsorganisation »Terre des femmes« war eine Kooperation zustanden gekommen, verschiedene Redner und Rednerinnen ergriffen das Wort. Unter ihnen Nantje Petersen vom Bündnis »en arret« aus Berlin, das sich als antideutsch, also proisraelisch und radikal links identifiziert. In einem Blogeintrag führt die Gruppe ihr Selbstverständnis als Kritik an einem so genannten »Islam-Appeasement« aus. Heißt, aus Angst vor Vorwürfen des Rassismus, würden die eigentlichen Probleme des Islam verschwiegen. Heute spricht Petersen über die »Gefahren des Alltagsislam«, wie das Kopftuch und die Zwangsheirat. Ihren Beitrag beendet sie mit den Worten »Für die Freiheit, für das Leben«.

Auch die geladenen Hallenser um »no tears for krauts« begreifen sich als antideutsch, die Kritik am Islam durchzieht deren politische Arbeit. Das islamische Frauenbild sei von Verachtung geprägt, sexuelle Übergriffe würden bagatellisiert »wenn sie von Zugezogenen begangen werden«, heißt es in einem Blogeintrag. Im Vortrag selbst geht es ihnen um die fälschliche Unterscheidung von den Begrifflichkeiten »islamisch« und »islamistisch«. Islamismus gebe es schließlich nicht ohne den Islam.

Inge Bell von »Terre des femmes« teilt diese Sicht. Sie ist zweite Vorsitzende des Vereins und arbeitet eng in feministischen Kreisen um Alice Schwarzer. Bevor Bell entschieden an das Mikrofon tritt, ist sie eine der vier Frauen, die den Banner mit der Aufschrift »Freiheit ist weder östlich, noch westlich, sondern universell« gen Moschee halten. Einige Mitglieder von »Prisma«, die Leipziger Ortsgruppe der »Interventionistischen Linken«, hatten sich in einem Post bereits Ende November gegen die Frauenrechtsorganisation und die Initiative gestellt. Ob die Kritik nachvollziehbar sei, dass mit der gewählten Protestform und dem politischen Klima die Gefahr bestehe, man ziehe Menschen einer anderen Agenda an? Bell lächelt bestimmt: »Es ist nie ein schlechter Zeitpunkt, um für Frauenrechte zu kämpfen.« Nina N., Jugendbeauftragte der Organisation, stimmt zu. »Wir haben uns ganz klar von denen distanziert«, sagt sie und blickt kurz hinter sich, »ich sehe hier auch keine«.

An der Wand hinter der Bühne lehnt der größte Banner: »liberté, égalité, laïcité«. Es ist eine Referenz an das 1905 verabschiedete französische Laizismus-Gesetz. Es trennt Kirche und Staat und gilt als Haupterrungenschaft der Französischen Revolution. Die Flaggen Israels säumen davor die erste Reihe der Teilnehmenden. Ob auch die orthodoxe Auslebung anderer Glaubensrichtungen eine ähnliche Geschlechterungleichheit aufweisen würde, kommt ins Gespräch. »Darum geht es heute nicht, heute geht es um den Islam«, betont Nina N.

Einige Meter weiter unter einem schwarzen Pavillon, direkt gegenüber der Moschee, stehen Jule Nagel, Stadträtin der Linken, und Marco Santos, freier Fotograf. Sie erzählen, dass sich anfangs nur drei Leute gefunden hätten, um hier einen Informationsstand gegen die Kundgebung aufzubauen. »In vielen Punkten können wir zustimmen, aber der Aufruf macht am Ende doch ein relativ undifferenziertes Bild, als wäre der Islam ein Integrationshemmnis. Das ist für mich eine Grenzüberschreitung«, sagt Nagel. Vom Rand des Tisches hängt ein Stoffbeutel, darauf sind eine Moschee und der Schriftzug »Sag ja zur Vielfalt« abgedruckt. »Das Format einer Demonstration ist hier nicht glücklich gewählt, es gibt noch andere Möglichkeiten, um mit den Menschen in Kontakt zu treten«, meint Santos. Gemeinsam hätten sie die »Initiative gegen Islamismus« vor drei Wochen angeschrieben, um eine alternative Lösung zu finden – ohne Antwort.

Den islambezogenen Rassismus, das merkt Jule Nagel an, kenne man in Leipzig durch die Demonstrationen gegen den Bau der Ahmadiyya Moschee. Abgeschlagene Schweinsköpfe hatte man vor drei Jahren auf Pfählen vor der Baustelle gefunden, der Bau ist seitdem ungewiss. Auch die Debatte im Connewitzer Club Conne Island um »den rechten Antideutschen« Thomas Maul hatte gezeigt, dass das Thema der Islamkritik präsent ist und in linkspolitischen Kreisen sehr marginalisiert. »Ich finde es ein bisschen schwierig, dass man sich als weiße Nicht-Muslima hierhin stellt und darüber redet. Deswegen miteinander reden und die Leute empowern, sich selbst zu organisieren«, äußert Santos.

Unter dem schwarzen Pavillon des Infostandes steht auch A., 33 Jahre alt. Er betet seit 13 Jahren in der Al-Rahman-Moschee und kommt ursprünglich aus dem Irak. »Man sagt in Deutschland, Hunde, die bellen, beißen nicht. Wenn die Leute uns angreifen, haben wir hier eine Polizei und einen Rechtsstaat«, sagt A. Die Vorurteile gegen die Moschee kenne er und zeigt Verständnis für den Verfassungsschutz, der die Moschee und dessen Imam Hassan Dabbagh, seit 1993 in Leipzig praktizierend, beobachtet. Dabbagh gilt als Vertreter des Salafismus. »Dass die Leute misstrauisch sind, kann ich nachvollziehen«, sagt er. Aber der Generalverdacht sei das Problem. Die Frankfurter Gruppe »thunder in paradise« wird wenig später auf der Demonstration äußern, dass »überall, wo heute der Islam herrscht, die Juden vertrieben sind oder gefährlich leben«.

Vor der Moschee ist es mittlerweile hektischer, das Gebet beginnt in Kürze. Hassan Dabbagh wurde informiert, dass Besucher am Eingang angesprochen werden. Es wird still, als er im Türrahmen erscheint. »Die wollen uns nur provozieren«, fängt Dabbagh an. »Auf dem Plakat steht ‚Kick ‚em out‘, was soll das?« sagt er und pausiert kurz. »Wir sind hier und beten, und die da drüben schreiben so was auf ihr Plakat. Wer sind hier die Extremisten?«

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