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Eure Armut? Glotzt mich an! 


Ein Kommentar von Tobias Prüwer

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Mehr Geld hat die Freie Szene natürlich verdient. Allein die Begründung ist schief. Zwischenruf eines Freundes.

Mit Leistungslogik unterstreicht die Freie Szene ihre Bedeutung und fordert mehr finanzielle Unterstützung: »Der Beitrag zur kulturellen Vielfalt und Strahlkraft Leipzigs ist immens. Jährlich hunderte Angebote in allen Stadtteilen und Milieus prägen das Lebensgefühl der dynamischen und weltoffenen Stadt.« Das ist bei aller inhaltlichen Berechtigung kurzsichtig und falsch argumentiert.»Kulturstark« nennt sich die Aktion der Initiative Leipzig plus Kultur. Im Vorfeld der Haushaltsberatung im Stadtrat veröffentlichte sie einen Forderungskatalog. Darin geht es unter anderem um die Auszahlung von Mindesthonoraren und die sichere Finanzierung von Räumen und Strukturen. Insgesamt mündet der Katalog in das Ersuchen, im Haushalt 2019/20 die Fördermittelsumme um 3,5 Millionen Euro aufzustocken. Zum Vergleich: In diesem Jahr lag die Gesamtsumme bei 5,6 Millionen Euro. Schließlich hat sich der Kulturrat, das Gremium berät den Stadtrat, unterstützend positioniert. Einige Stadtratsfraktionen signalisierten, sich im Januar für die Forderungen einzusetzen.

Es gibt allen Grund, die Freie Szene zu loben und zu fördern. Doch man ahnt es – jetzt kommt ein großes Aber. Denn der Forderungskatalog folgt einer falschen Logik, wenn es heißt: »Die prekären Lebensbedingungen der freien Kunst- und Kulturschaffenden stehen in krassem Gegensatz zum wirtschaftlichen und ideellen Reichtum, den sie der Stadt zuteilwerden lassen.« Die Stadt sei also gerade durch die Freie Szene so attraktiv, weshalb ihr ein größeres Stück vom Kuchen zustehe.

kreuzer-Autor Tobias Prüwer

Zu Recht empörte man sich über die Äußerung von CDU-Chef Frank Tornau: »Die Leipziger Steuerzahler sind auf gar keinen Fall dafür zuständig, Menschen einen Mindestlohn zu finanzieren, die sich für eine freiberufliche Laufbahn als Künstler entschieden haben.« Aber das Positionspapier spielt auf gleicher Begründungsebene. Der Hinweis auf den erwirtschafteten Mehrwert für die Stadt folgt derselben Leistungslogik.

Die ökonomische Begründung ist fatal, ja: unsolidarisch, wenn zeitgleich die Finanzierung von soziokulturellen (und: Freie-Szene-nahen) Einrichtungen wie dem Theatrium, Haus Steinstraße oder Geyserhaus zusammengestrichen werden soll. Die können nicht mit Umwegrentabilität argumentieren, also indirekten Einnahmen für die Stadt durch ihre Tätigkeit. Es kann keiner wollen, dass alle möglichen förderwürdigen Institutionen erst einmal ihre geldförmige Nützlichkeit beweisen müssen.

Absurd wird das Papier, wo gefordert wird, »Räume für die Freie Kultur zu sichern und vor der Verdrängung durch Gentrifizierung zu schützen.« Denn auch wenn sie sich nicht dagegen wehren kann, ist die Freie Szene ein Faktor der Stadtaufwertung; gerade in Leipzig. Das muss bei aller Sympathie für die Szene und ihre selbstausbeuterische Situation mit im Blick bleiben. Vielen Menschen ist der »internationale Ruf« Leipzigs herzlich egal – die müssen ihre Mieten bezahlen, bevor sie Konzert oder Theater besuchen können. Darum sollte Anerkennung statt Leistungsprinzip das Miteinander begründen: Kulturelle wie soziale Teilhabe und bezahlbare Lebenshaltungskosten sind Menschenrecht, das für alle Leipziger gelten muss – natürlich auch für die Akteure der Freien Szene.

> Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe des kreuzer (01/19)

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