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»Alles hat Phasen«

Christoph Ruckhäberle über die HGB, Malerei, Verlagswesen, Kino und wie man bei alldem nicht die Übersicht verliert

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Christoph Ruckhäberle wirkt entspannt an diesem Freitagnachmittag in der kreuzer-Redaktion. Vielleicht liegt das daran, dass er kein Smartphone besitzt, wie er lächelnd gesteht. Dabei geht vielleicht gerade jetzt eine Bestellung im Lubok-Verlag ein oder ein Student der HGB braucht Unterstützung, zu Hause wartet sein frisch geschlüpftes zweites Kind und im Luru-Kino läuft ein anderes Baby, die Herbert-Achternbusch-Retrospektive. Dabei ist Christoph Ruckhäberle eigentlich Maler.

kreuzer: Bei allem, was er so macht, könnte man denken, der Herr Ruckhäberle muss ja gut organisiert sein. Wie geht das? Sie haben doch gar keine Zeit, oder?
Christoph Ruckhäberle: Ich bin nicht besonders gut organisiert. Aber ich habe sehr gute Partner in all meinen Unternehmungen. Man wächst da rein. Je mehr man macht, desto mehr kriegt man es hin, die Dinge zu jonglieren. So nebenbei oder miteinander, gegeneinander die Sachen am Laufen zu halten. Es ergänzt sich auch vieles. Malen muss man allein.

kreuzer: Wie würden Sie sich selbst beschreiben, wenn Sie eine Berufsbezeichnung finden müssten?
Ruckhäberle: Ich würde nach wie vor sagen, dass ich Maler bin. Das ist schon das Wichtigste. Von den Tätigkeiten, die ich alle nicht so richtig beherrsche, ist es das, was ich vielleicht am meisten beherrsche.

kreuzer: Gab es mal eine Zeit, in der das auf der Kippe stand? Als Sie dachten, dass es sich gar nicht mehr lohnt?
Ruckhäberle: Nein, das würde ich nicht sagen. Das Kino würde es in der Form nicht geben, wenn es mich in der Konstellation nicht gäbe. Aber mein Geschäftspartner Michael Ludwig ist derjenige, der das Tagesgeschäft organisiert und das Kino am Laufen hält. Dann gibt es den Verlag. Den habe ich mit dem Drucker Thomas Siemon angefangen. Jetzt ist es Henriette Weber, die eigentlich die Geschäfte des Verlages unabhängig von mir komplett organisiert und am Laufen hält. Na ja, und inzwischen bin ich noch Hochschullehrer. Aber die Unternehmung Verlag und die Unternehmung Kino wurden durch einen gewissen Erfolg der Malerei möglich. Dann flaute der Erfolg der Malerei zwischenzeitlich ein wenig ab. Da war der Anspruch, dass diese Unternehmungen so professionell organisiert sein sollten, dass sie sich auch selbst tragen. Das ist mehr oder weniger auch geglückt. Alles hat Phasen. Manchmal habe ich viel für den Verlag gemacht, manchmal mehr im Kino und dann wieder mehr Malerei. Inzwischen muss ich sagen, dass die Schule (die Hochschule für Grafik und Buchkunst, Anm. d. Red.) schon sehr viel meiner Zeit in Anspruch nimmt. Worauf sie auch ein Recht hat, weil ich dort angestellt bin und auch ein Gehalt beziehe.

kreuzer: Ist es für Sie keine Zumutung, um 22.30 Uhr in der Toreinfahrt zu stehen und Studenten rauszuklingen?
Ruckhäberle: Ich mache das ja tatsächlich. Mein Unterricht orientiert sich an meinem Lehrer Arno Rink und Neo Rauch hat es, glaube ich, auch so gemacht. Ich versuche im Idealfall, all die Studierenden meiner Klasse alle zwei Wochen im Atelier zu besuchen. Es kann einem tatsächlich passieren, dass man im Schneetreiben über die Torgauer Straße läuft, die Tür nicht geöffnet wird, man niemanden antrifft. Aber ich genieße diese Touren auf morbide Art. Früher hatte ich mit David Schnell und Matthias Weischer ein Atelier in Mockau. Ich bin nun Professor, das kann ich nicht leugnen. Aus dieser doch etablierten Sicht heraus hat man das Gefühl, es ist alles so gesättigt, man kann nicht mehr wirklich viel entwickeln. Das Gefühl, dass es keine Freiräume mehr gibt. Aber meine Tour zu den Studierenden, die mich von Mockau, Stannebeinplatz, Eisenbahnstraße, Torgauer Straße bis nach Leutzsch, Neulindenau führt, empfinde ich als sehr schön. Mir macht das Spaß.

kreuzer: Sie haben den Hype um Leipzig – gerade in der Malerei – miterlebt.
Haben Sie davon profitieren können?
Ruckhäberle: Ich habe extrem davon profitiert. Eine Gruppe von Studierenden hat sich hier zusammengefunden und mehr oder weniger pragmatisch entschieden, dass es sinnvoll wäre, sich auch außerhalb von Leipzig zu präsentieren. Wir haben hier eine Gruppenausstellung organisiert. Das erregte ein wenig Aufmerksamkeit. Dann haben wir die Produzentengalerie Liga gegründet und einen Raum in Berlin-Mitte angemietet. Dort haben wir zwei Jahre lang eine Galerie betrieben, die sehr erfolgreich war. Dann gab es im Interim des Museums der bildenden Künste eine Malereiausstellung (Sieben Mal Malerei, 2003, Anm. d. Red.). Erfolg in Berlin und
eine gewisse Umtriebigkeit kamen zusammen. Gerd Harry Lybke hatte uns auf 
dem Schirm. Einige Sammler hatten uns gesehen. Dann hatten einige Leute das 
Gefühl, sie müssten auf diesen Zug aufspringen und sich noch Bilder sichern. Wir 
waren also nicht nur als Künstler der Galerie Liga erfolgreich, sondern auch als Unternehmer. Es war ein selbst organisiertes Galerieprojekt, bei dem man nach dem ersten Jahr kein Geld mehr einzahlen musste, sondern theoretisch Geld hätte herausbekommen können.

kreuzer: Warum sind Sie eigentlich nicht zu Lybke in die Galerie Eigen+Art gewechselt?
Ruckhäberle: Wir hatten Liga von vornherein auf zwei Jahre begrenzt. Matthias Weischer und David Schnell sind danach zu Eigen+Art gegangen. Es gab eine 
kurze Koketterie, dass ich dort auch hingehen könnte. Ich hatte aber nicht das Gefühl, dass das wirklich funktionieren könnte. Im Nachhinein denke ich, dass ich es manchmal etwas schwerer habe. Aber ich genieße meine Freiheiten, die dadurch entstehen, dass man nicht bei einer ganz großen Galerie ist. Sie macht sehr viel für einen. Aber manchmal hat man das Gefühl, dass die vielleicht auch mitbestimmen will. Meine Zusammenarbeit mit der Galerie Kleindienst hat mir immer die Möglichkeit gegeben, mit sehr unterschiedlichen Leuten zusammenzuarbeiten.

kreuzer: Wie ist die Situation heute in Leipzig als Kunststandort? Verschwinden bald alle Künstler nach Trebsen und Zeitz, weil Ateliers dort noch zu bezahlen sind?
Ruckhäberle: Natürlich gibt es diese Sorge. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass irgendwie alle noch Möglichkeiten finden. Es ist aber schon an der Zeit, dass die Stadt einen Weg findet und es nicht der Großzügigkeit von Investoren überlässt. Denn sie weiß, dass die Attraktivität dieser Stadt an diesen Möglichkeiten liegt.
Ich finde es einigermaßen erstaunlich, wie gut es in der Spinnerei läuft. Aber ich finde schon, dass sich die Stadt nicht ganz darauf verlassen sollte, dass sich irgendwo wieder etwas ergibt. Ich gebe aber zu, dass ich auch nicht so genau weiß, wie man es machen kann.

kreuzer: Was zeichnet die HGB Ihrer Meinung nach heutzutage aus?
Ruckhäberle: Gott sei Dank machen nach wie vor die Studierenden die HGB aus.
Die machen ihr Ding. Ich fühle mich ein wenig in meine Studienzeit zurückversetzt,
als wir Maler als vollkommen anachronistisch und hinterwäldlerisch behandelt wurden. Auch jetzt ist es so, dass die Schule attraktiv und zukunftsfähig gemacht 
werden soll von Leuten, die sich selbst als das Neue und Progressive identifizieren, obwohl sie seit zehn, zwanzig Jahren an der Schule sind und sie prägen. Es gibt den Abbau von Bereichen, die meiner Meinung nach eigentlich zum Markenkern gehören. Das ist für mich wunderlich. Werkstätten, Grundstudium – das sind alles Dinge, die permanent in Frage gestellt werden. Ich würde unserem neuen Rektor nicht unbedingt einen direkten Vorwurf machen. Aber es gelingt ihm nicht, da irgendwie ausgleichend zu wirken oder zu moderieren. Es entsteht eine gewisse
Leerstelle, die genutzt wird, um eine Agenda der permanenten Progression voranzutreiben. Die HGB Leipzig hat die älteste Fotografie-Abteilung einer deutschen Kunsthochschule. Aber ich würde sagen, dass es auch durch die Malerei einen großen internationalen Ruf gibt. Durchaus durch den internationalen Erfolg meiner Generation. Ich finde, dass es ein recht unkritisches Verhältnis zur Digitalisierung gibt. Das habe ich auch im Kino erlebt: Kulturgeld fließt in eine Art Wirtschaftsförderung. An der Schule muss ich jetzt schon sehr ausführlich begründen, wenn ich eine Staffelei kaufen muss. Wenn ich aber einen Laptop oder einen Beamer oder eine Digitalkamera für meine Malerei-Klasse kaufen möchte, habe ich wahrscheinlich weniger Begründungsaufwand.
 Den 100 Jahre alten Druckerpressen, die da stehen und immer noch funktionieren, steht eine Technik gegenüber, die nächstes Jahr veraltet ist oder schon wieder ein Update braucht. Dass wir als Schule, die wir uns auch für besonders kritisch und politisch und nachhaltig halten, so ganz kritiklos dem hinterherrennen, ist schon erstaunlich. Da wird man dann als Nostalgiker oder Konservativer hingestellt.
Wir in der Malerei und in der Buchkunst sind der Meinung, dass es Grundlagen gibt, die unterrichtet werden müssen. Es müsste da eine Möglichkeit der Selbstbestimmung geben. Nachdem wir aber die fachbereichslose Struktur haben, ist es so, dass wir unsere Geschicke nicht selbst bestimmen können. Stattdessen passiert das durch immer unterschiedlich besetzte Gremien. So kommt es, dass zum Teil andere Fachrichtungen oder andere Vorstellungen über Bereiche entscheiden, die uns konkret betreffen. Das ist wirklich problematisch.

kreuzer: Das ist ja schon eine Art Gleichschaltung.
Ruckhäberle: Es könnte ganz aufregend und toll sein, wenn man die verschiedenen Ansätze respektieren und ihnen mit einer gewissen Neugier oder Respekt begegnen würde. Ich verstehe manches, was die anderen machen, auch nicht, aber ich spreche denen nicht die Legitimation ab. Ich hätte vielleicht gute Vorschläge für 
andere Fachrichtungen, aber ich bin im guten Glauben, das sie schon ganz gut hinkriegen, was sie da machen.

kreuzer: Wie sind Sie zum Kinounternehmer beim Luru-Kino geworden?
Ruckhäberle: Michael Ludwig leitete das Kino der Schaubühne Lindenfels. Die Schaubühne war, wie so oft, in Geldschwierigkeiten und versuchte diese Probleme durch Herauslösen verschiedener Bereiche zu lösen. Michael wollte sich selbstständig machen und das Kino übernehmen. Ihm fehlte dazu das Kapital. Wir kannten uns und er wusste, dass ich kinobegeistert bin. Also hat er mich 2006 gefragt, ob ich einsteigen möchte. Ich habe das mit einiger Begeisterung gemacht, war aber mehr oder weniger ein stiller Teilhaber. Dann kam es 2009 zur Trennung von der Schaubühne, weil wir uns überworfen hatten. Wir haben die Miete nicht gezahlt, weil wir uns sehr naiv einem speziellen Mietvertrag unterworfen hatten. Das Kino sollte Theaterprojekte und andere teurere Unternehmungen des Hauses querfinanzieren. Bei Licht betrachtet war das überhaupt nicht realisierbar. Da liefen Mietschulden auf und wir wurden mehr oder weniger rausgeworfen. Ich habe dann entschieden, dass ich die Schulden bezahle, nehme aber das gesamte Equipment mit. Denn für mich war klar, dass ich weiter Kinobetreiber bleiben will. Das Equipment haben wir in meinem Atelier untergebracht und festgestellt, dass es als Kino geeignet war. Also haben wir das Atelier zum Kino umgebaut. In der Schaubühne habe ich mich immer zu Gast gefühlt. Seitdem wir aber in der Spinnerei sind, ist es sehr viel mehr mein Kino geworden und mir ans Herz gewachsen.

kreuzer: Waren Sie dann auch mehr an der Programmgestaltung beteiligt?
Ruckhäberle: Im neuen Kino haben wir mit Donis eine Horrorfilm-Reihe gestartet. Hauptsächlich analog. Da gibt es eine enge Kooperation mit dem Münchner Werkstattkino. Dann kam Tilman Schumacher und wir haben dann ein ziemlich aberwitziges Projekt gestartet. Eine Stummfilmreihe vergessener Klassiker ohne Musikbegleitung. Es ist etwas, das ich mir leisten will, eine Sache, auf die ich sehr stolz bin.

kreuzer: Wie viele Bücher sind in Ihrem Verlag, dem Lubok-Verlag, bislang erschienen?
Ruckhäberle: Insgesamt um die 130 oder 140. Mehr sind es nicht. Aber das ist eine ganze Menge. Damit fahren wir mittlerweile auf sehr viele internationale Messen. Das macht sich vor allem ideell bezahlt. Wenn ich mit ein paar Büchern nach London fliege, übernachte, habe ich Glück, wenn ich bei null rauskomme. Manche Messen funktionieren gut, weil wir Bücher haben, die es in der Form sonst nicht gibt. In der Fremde gibt es Leute, die auf der Messe das Gefühl haben, noch etwas zu entdecken. Wenn man nach Berlin fährt, hat man keine Kosten, aber man verkauft auch nichts. Denn die Leute sind borniert und übersättigt. (lacht) Wenn man nach New York fährt, hat man große Kosten, aber da kann man tatsächlich auch sehr viele Bücher verkaufen. Gerade das New Yorker Publikum ist extrem offen und begeisterungsfähig. Die New York Art Book Fair ist die wichtigste Künstler-Buchmesse. Man hat fast das Gefühl, dass sich die Leute da vornehmen, ein bisschen Geld zu lassen. Was die vollkommen richtige Einstellung ist. Neuerdings sind wir auch in Asien auf Messen vertreten. Dort kommen diese originalen grafischen Bücher sehr gut an. Wir waren in Shanghai, in Peking, Hongkong durch eine japanische Künstlerin vertreten, die an der HGB studiert hat. 
Sie übernimmt diese Reisen nach Asien. Dort sind diese Bücher tatsächlich exotisch und neu. Das funktioniert ganz gut. Was überraschend ist. Man kann da den Eindruck bekommen: Wow, der Ruckhäberle macht aber viel. Es ist alles organisiert, aber ich habe nicht unmittelbar damit zu tun.

kreuzer: Und jetzt ist das zweite Kind da – Zeit, endlich mal etwas kürzerzutreten?
Ruckhäberle: Wenn mich jemand fragt, wie ich das alles hinkriege, muss ich ja schon sagen: Ich krieg es ja nicht hin. Es bleibt schon sehr viel liegen. Momentan bleibt mehr liegen. Vielleicht ist das das Kürzertreten.

kreuzer: Lassen Sie auch bewusst mehr liegen?
Ruckhäberle: Ich würde sagen, dass der Verlag ja ein Kleinstverlag ist. Er funktioniert zwar, ist aber trotzdem eher ein Kunstprojekt. Ich kann nicht alle Anfragen beantworten. Manchmal dauert es eben ein wenig länger, bis eine Bestellung rausgeht. Wer das blöd findet, der muss es eben blöd finden. Die Freiheit nehmen wir uns.

Biografie
Geboren 1972 in Pfaffenhofen, studierte Christoph Ruckhäberle von 1995 bis 2002 Malerei an der HGB bei Arno Rink, 2007 gründete er den Lubok-Verlag, seit Herbst 2009 betreibt er gemeinsam mit Michael Ludwig das Luru-Kino auf der Spinnerei. 2016 erfolgte die Berufung zum Professor für Malerei und Grafik an der HGB.

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