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Fast schon Fernsehgarten

Kleinkunst-Karaoke der Leipziger Gastronomen beim mittlerweile dreizehnten Neujahrssingen

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Das alljährliche Neujahrssingen der Gastronomen gehört zum Leipziger Jahresbeginn wie Polenböller und Pfefferminzlikör. Ganz in diesem Sinne wird es dabei von Jahr zu Jahr weder leiser noch bescheidener.

Manch Alteingesessener murrte ja im Vorfeld, der ursprünglich anarchisch-dilettantische Geist des Neujahrssingens trete zunehmend hinter einen falsch verstandenen Gedanken von Professionalität zurück. »Also, es singen hier nicht alle schön«, ist vor der Tür aus einer Gruppe zu hören, und man ist sich nicht sicher, ob das jetzt ein Anspruch oder eine Warnung ist. Dass hier auf jeden Fall ein ganz schön großer Bohei um Karaoke unter Kollegen gemacht wird, zeigt schon der staatstragend benannte Veranstaltungsort: Unterm Haus Leipzig macht man es nicht mehr. Kein Wunder, an der Vorverkaufsstelle muss es zugegangen sein wie im Spätsozialismus vor der frisch befüllten Fleischtheke, wenn das Kartenkontingent nach 51 Minuten, so die Moderation im Ton des Triumphs, restlos ausverkauft war. Von Anarchismus in der Tat keine Spur, bis zum Erhalt des magischen schwarzen Bändchens kämpft man vergeblich um den Zugang zur Galerie und mit dem »Wir führen nur Befehle aus« der Secus.

 

Vor Beginn der eigentlichen Show gibt es Text auf großer Leinwand zum mitsingen: »Griechischer Wein«, »Er gehört zu mir«, der Saal gerät in Wallung. Dann geht es auch direkt flott voran mit dem Programm, nach dem Karaoke-obligatorischen »Abba«-Beitrag der Moderation beginnt das Tonelli‘s mit »Hey Ya!«, und der Zynismus, den man sich so fest vorgenommen hatte, zerbröselt, weil das einfach einer der schönsten Songs aller Zeiten ist. Überhaupt beweisen die meisten Geschmack in der Songauswahl, oder zumindest Stilsicherheit in Bezug darauf, was bei so einer Veranstaltung funktioniert: Wir freuen uns unter Anderem über einen John Travolta mit Halbglatze, den Chef der »Ilses Erika«, der wirklich beängstigend genau wie Phil Collins klingt, die bestangezogene Delegation vom Tamers mit »Habibi Ya Nour El Ain«, sowie in eigener Sache über die Eurodance-kreuzer-Show, welche sich in modisch finsteren Neunziger-Klamotten klar gegen jede Professionalität positioniert. Richtig tief in die Scheiße greift eigentlich nur das Hundertwasser-Café mit dem Leitkultur-Schlager »Auf Uns« von Andreas Bourani. Ging noch nie klar, geht auch hier nicht klar.

Teile der kreuzer-Redaktion im Neunzigertaumel. Foto: Christiane Gundlach

Lob an Netz und doppelten Boden alias die Backing-Band und die beiden Background-Sängerinnen: Hier kann sich niemand wirklich gravierend lächerlich machen. Vor allem, weil letztere mitunter auch den Refrain tragen, wenn der, wie etwa bei »Hey Ya«, die stimmliche Reichweite der Gastronomen dann doch übersteigt. Ist das noch Karaoke, ist das noch Neujahrssingen? Allem Gefrotzel zum Trotz ist es in erster Linie ein beschwingter Abend, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt.

 

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