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Viel Papier bis zum Wir

Wer in Deutschland jemanden heiraten will, der nicht aus der EU stammt, rechnet besser mit langen Wartezeiten

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Ehefähigkeitszeugnisse aus den Heimatländern beider Brautleute, Visumsbegrenzungen und widersprüchliche Aussagen darüber, wie lange man auf all diese Dokumente warten muss – bürokratische Hürden auf dem Weg zur Eheschließung sind zahlreich.

Von den acht schmucken Möglichkeiten, die das Leipziger Standesamt Heiratswilligen als Ort für die standesamtliche Trauung anbietet, können Kelvin und Helen leider keine in Anspruch nehmen. Die lange Wartezeit auf das Ehefähigkeitszeugnis aus Deutschland ist der Grund, weshalb Helen aus Leipzig und Kelvin aus dem kenianischen Kisumu im vergangenen Sommer nicht wie geplant in Kelvins Heimatland heiraten konnten. Der nächste Termin, um ihre Beziehung vor einem Amt offiziell zu machen, liegt im Januar 2019 – das dazugehörige Standesamt im europäischen Ausland. Aufgrund des großen Aufwands, den die Visaanträge für seine Familienmitglieder bedeutet hätten, ist Kevin allein nach Deutschland geflogen. Zwei Tage zuvor hat Helen ihn vom Flughafen abgeholt, jetzt ist ihm ein bisschen kalt. Kennengelernt haben sie sich vor drei Jahren in Kelvins Heimatstadt Kisumu, als Helen dort als Freiwillige arbeitete. Hier studiert Kelvin bis heute Kommunikationswissenschaften und Journalismus, sie Afrikanistik an der Uni Leipzig. Dass sie heiraten wollten, war ihnen ziemlich schnell klar.

Das Ehefähigkeitszeugnis, das sie nach deutschem Recht sowohl in Kenia als auch in Deutschland für ihre Hochzeit gebraucht hätten, wird in Deutschland gemeinhin von einem Standesbeamten ausgestellt, der prüft, ob zwischen den beiden Eheschließenden keine Ehehindernisse bestehen. Das soll zum Beispiel verhindern, dass jemand zweimal gleichzeitig verheiratet ist – Polygamie ist in Deutschland verboten. Zuständig für die Ausstellung des Ehefähigkeitszeugnisses ist das Standesamt des Wohnsitzes, in Helens Fall: Leipzig. In Kenia erhielt Helen von deutschen Behörden jedoch widersprüchliche Aussagen darüber, wie lange sie auf ihr Ehefähigkeitszeugnis würde warten müssen: Zuerst war von einem Monat die Rede, dann von neun. Auf diesen Zeitraum war aber ihr Visum in Kenia nicht ausgerichtet, außerdem musste sie wieder nach Leipzig zum Studieren. Von einer Studienkollegin erhielt Helen schließlich den Tipp, in einem EU-Staat zu heiraten, wo ein gültiger Reisepass genügt, um die Ehe zu schließen. Auf den Termin im Januar freuen sie sich jetzt beide, selbst wenn Kelvin drei Tage nach der Trauung schon wieder zurück nach Kenia fliegen muss.

Wo sie am Ende ihren ersten gemeinsamen Lebensmittelpunkt haben werden, darauf legt das Paar sich noch nicht fest, denn auch nach der Heirat warten weitere bürokratische Schritte auf sie. Sicher ist: Sie wollen irgendwohin, wo sie beide ohne viel Aufwand arbeiten und leben können. Gerade haben sie noch mit der Aussicht zu kämpfen, dass Kelvin selbst dann noch ein gesondertes Visum für die Einreise nach Deutschland braucht, wenn er nach europäischem Recht mit Helen verheiratet ist. In acht Jahren würde er außer-dem einen Einbürgerungstest machen und anschließend seinen kenianischen Pass abgeben müssen, um deutscher Staatsbürger zu werden. Zudem ist noch nicht klar, wie Helen Kelvins Nachnamen annehmen kann, sobald sie nach EU-Recht verheiratet sind, was ihr wichtig ist. »Wir wollen einfach nur zusammen sein«, seufzt Kelvin auf Englisch. »Wir hoffen, dass es in der Zukunft einfacher wird für Menschen aus unterschiedlichen Ländern, zu heiraten. Wir verstehen nicht, warum es uns so schwer gemacht wird.«Doch selbst wenn noch nicht alles perfekt ist: Eine Sache hat sich schon zum Besseren gewendet, wenn man sie wie das junge Paar mit einer gesunden Portion Augenzwinkern betrachtet: Kelvin musste nur sich selbst und keine Kühe für Helens Vater mit nach Europa bringen, wie es noch vor einer Generation die Brautpreisregelung in Kenia verlangt hätte. »Seitdem ich ihnen gesagt habe, dass ich Helen heiraten werde, ziehen mein Bruder und mein Vater mich mit der Frage auf, wie ich die Rinder nach Deutschland bringen will«, erzählt er und grinst. »In Kenia spielt diese Tradition eine immer weniger wichtige Rolle, also lachen wir darüber.« Statt Kelvins Bruder springt sein Schwager in spe, Helens Bruder, als Trauzeuge ein – der braucht kein Visum.

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