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Gegen das Verblassen

Am Holocaust-Gedenktag erinnert Leipzig an die Opfer der Euthanasie

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Am Sonntag erinnert Leipzig anlässlich des Gedenktags an die Opfer des Holocaust in besonderem Maße den Opfern der systematischen Krankenmorde, die euphemistisch als Euthanasie bezeichnet werden. Mitorganisator Thomas Seyde, Psychiatrie-Koordinator der Stadt, arbeitet seit Jahrzehnten an der Aufarbeitung und mahnt, dass der Blick nicht nur in der Vergangenheit hängen bleiben darf: „Wer wird wird auf welche Weise ausgeschlossen?“ und „Welche Normen gibt eine Gesellschaft dabei vor?“ sind demnach Fragen, die man sich heute noch stellen sollte.

Anlässlich der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee am 27. Januar 1945 wird seit 1996 in Deutschland der Gedenktag an die Opfer des Holocaust begangen. In Leipzig findet die zentrale Veranstaltung dazu, wie jedes Jahr, um 11 Uhr an der Gedenkstätte Abtnaundorf statt. Hier an der Theklaer Straße / Ecke Heiterblickstraße sperrten im ehemaligen KZ-Außenlager von Buchenwald am 18. April 1945 Mitglieder der Gestapo, der SS und des Volkssturms 300 Inhaftierte in Baracken und steckten diese in Brand. 80 Menschen starben und die von eintreffenden US-Kriegsreportern dokumentierten Szenen gingen als »Massaker von Abtnaundorf« um die Welt.

Entsprechend des diesjährigen Gedenkthemas werden hier unter anderem Gesinde und Imke Oltmanns sprechen. Sie erinnern an Gertrud Oltmanns, die 1937 mit Down-Syndrom geboren wurde. Im März 1943 wurde sie dem Direktor der Kinderklinik Werner Catel vorgestellt und befand sich seit Mitte April dort zur Beobachtung. Eine Röntgenbehandlung sollte ihr Gehirn »zum Wachstum anregen«. Gertrud Oltmanns starb am am 1. Mai 1943 in der Klinik.

Ab 12.30 Uhr wird in der Unteren Wandelhalle im Neuen Rathaus der Film »Riebeckstraße 63« der Kinder- und Jugendkulturwerkstatt Jojo zu sehen sein. Das titelgebende Gebäude wurde 1892 als Zwangsarbeitsanstalt errichtet, diente ab 1933 als Deportationssammelstelle für Zwangsarbeiter, wurde zu DDR-Zeiten als Geschlossene Venerologische Station genutzt und ist nun seit einigen Jahren eine Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete. Vor Ort erinnert kein Hinweis an die wechselhafte Geschichte.

Von dem speziellen Ort einmal abgesehen, sei Leipzig in Sachen Erinnerungskultur an die Euthanasieopfer »gut aufgestellt«, so der Psychiatrie-Koordinator der Stadt, Thomas Seyde. Seit 1995 ist er in dieser Funktion tätig und arbeitet gemeinsam mit Wissenschaftlern und Verbänden die lokale Geschichte auf. Für ihn sei es wichtig – wie er im Gespräch mit den kreuzer festhält: Erinnern immer zu wiederholen. Dazu zählt er nicht nur, den Blick auf die Opfer zu richten, sondern sich auch mit gesellschaftlichen Prozessen auseinanderzusetzen, die den Entwicklungen zugrunde lagen.

Beginn einer Erinnerungskultur

1996 wurde die Ausstellung im Parkkrankenhaus Leipzig-Dösen um das Thema
»Euthanasie in der Zeit des Nationalsozialismus« ergänzt. Es folgte ein Forschungsprojekt zur Erfassung der Opfer der Euthanasieverbrechen. Zwei Jahre später wurden auf dem Ostfriedhof 35 Urnen von ehemaligen Dösener Patienten gefunden, die in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein vergast worden waren.
Bereits am 27. Januar 2007 widmete sich die Stadt dem Thema und eröffnete die Ausstellung »505 Kindereuthanasie-Verbrechen in Leipzig. Eine Erinnerung. Schüler auf der Suche nach verblassten Spuren«. Ein Jahr später erfolgte die Einweihung des Gedenkortes auf dem Ostfriedhof. 2010 wurde dem Rechtswissenschaftler und Juraprofessor Karl Binding (1841-1920) die Ehrenbürgerschaft aberkannt. Gemeinsam mit den Psychiater Alfred Hoche hatte er 1920 das Buch »Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens. Ihr Maß und ihre Form« herausgegeben und damit Euthanasie legitimiert. Im Friedenspark wurde ein Jahr später in der Nähe zur Kinderklinik in der Oststraße der »Gedenkort für die Opfer von Kindereuthanasie-Verbrechen« eröffnet.

Das Forschungsprojekt über die Leipziger Opfer erfasste bisher: 604 Opfer der Zwangssterilisation; 624 getötete Kinder mit Behinderungen in der Kinderfachabteilung Leipzig-Dösen, 860 psychisch kranke und geistig behinderte Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Leipzig-Dösen, die in der Tötungsanstalt Pirna-Sonnenstein ermordet worden sind.
Im Stadtgeschichtlichen Museum erinnert in der 2011 eröffneten Dauerausstellung »Modern Times« ein Kapitel an die Euthanasieverbrechen. Vor der ehemaligen Anstalt in Dösen wurde eine Stolperschwelle errichtet.

Aufarbeitung 2019

Am Sonntag eröffnet in der Unteren Wandelhalle die Wanderausstellung »Erfasst, verfolgt, vernichtet: Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus«, der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde und erinnert an Opfer und Täter von Euthanasie und Zwangssterilisation in Deutschland. Zudem wiest sie auf die schleppende Aufarbeitung der Verbrechen hin.

Um 14:30 Uhr beginnt im Ratsplenarsaal das Symposium »Europäische Aufarbeitung und Gedenken an die ‚Euthanasie‘-Verbrechen in der Zeit des Nationalsozialismus – Lehren und Herausforderungen für die aktuelle Versorgung« veranstaltet von der Stadt Leipzig, der Stiftung Sächsische Gedenkstätten/ Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein, der DGPPN und dem Helios Park-Klinikum Leipzig. Dabei wird auch der Stand der Aufarbeitung in Tschechien vorgestellt.

Jenseits des Gedenktages und der Wanderausstellung, die bis zum 5. Februar zu sehen ist, kann man sich im Neubau der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät auf dem Campus Jahnallee zum Thema informieren. Im Eingangsbereich ist eine kleine Ausstellung zu Euthanasie und Zwangssterilisation zu sehen. Auch hier wird unter anderem das Schicksal von Gertrud Oltmanns dokumentiert.

»Erfasst, verfolgt, vernichtet: Kranke und behinderte Menschen im Nationalsozialismus«, Neues Rathaus , bis 5.2., Mo-Do 8-18 Uhr, Fr 5-15 Uhr

»Ausgegrenzt, entwürdigt, vernichtet. Euthanasie und Zwangssterilisation in Leipzig«, Bildungswissenschaftlicher Campus, Jahnallee

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