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»Spuren des Kampfes«

2019 laufen die Sperrfristen vieler Akten der Wendezeit aus. Historiker Alfons Kenkmann erzählt, was das bedeutet

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Der Blick auf 89 wird sich verändern, prophezeit Historiker Alfons Kenkmann. Die Sperrfristen für Akten und Unterlagen laufen aus. Bürgerarchive machen Nachlässe von damaligen Akteuren zugänglich. Erst jetzt werde es möglich, der soziologischen und politikwissenschaftlichen Forschung ein historisch fundiertes Gegengewicht zur Seite zu Stellen, sagt Kenkmann.

kreuzer: Man denkt, zu 1989 und der Wende sei schon ziemlich viel gefragt, gesagt worden.
ALFONS KENKMANN: Das stimmt. Immer schon stark war die mündliche Erinnerung. Soziologen und Politologen haben aus der damaligen Gegenwart gefragt. Das ist verdienstvoll – aber nicht die historische Perspektive. Jetzt, 30 Jahre später, sind es vor allem die Historiker, die zum Zuge kommen.

kreuzer: Um welche Geschichte geht es?
KENKMANN: Es geht jetzt um Transformationsgeschichte. Die Transformation der DDR, der sozialistischen in die kapitalistische Gesellschaft. Wie ist das abgelaufen? Wie stellte sich die Gesellschaft neu auf in den Neunzigern? Ehemalige Akteure ziehen sich heute altersbedingt verstärkt zurück, wollen aber ihr Material in guten Händen wissen. Die Bürgerarchive nehmen die Nachlässe auf und machen sie Forscherinnen und Forschern zugänglich. Hinzu kommen Verwaltungsakten und Behördenunterlagen, die ab 1989 zur Wendezeit und danach entstanden sind. Man kann anhand solcher Dokumente zum Beispiel herausbekommen, ob man damals nicht zu sehr dem Zeitgeist, einer zeitgenössischen Euphorie aufgesessen ist, die sich in Umfragen widerspiegelte, die aber subkutan vorhandene Demokratiefremdheit vernachlässigte.

kreuzer: Welche Fragen kann man sich bei der Durchsicht der Akten stellen?
KENKMANN: Wie sich beispielsweise die Kommunen samt Verwaltung neu aufgestellt haben. Große Teile der Verwaltung haben weiter funktioniert. Wie hat die Administration den Wandel bewältigt, wie die unterschiedlichsten Forderungen der Demonstrierenden »moderiert«? Wie ist die Stadt Leipzig mit den Verlierern der Modernisierung, wie mit dem Problem der ehemaligen Stasimitarbeiter, wie mit den Überbrückungsrenten umgegangen? Das schlägt sich in den Stadtarchiven und Staatsarchiven nieder. Die Generalakten dazu werden jetzt einsehbar, bei den personenbezogenen Akten ist es komplizierter.

kreuzer: Kommen jetzt auch die Akten, die zeigen, wie sich der sogenannte Ausverkauf des Ostens vollzogen hat?
KENKMANN: Das muss man aus unterschiedlichen Aktenbeständen verschiedener Archive zusammenpuzzlen. Wenn es zum Beispiel Widerstand gab von Hausgemeinschaften, dann sind die Beschwerden oder Ähnliches in den Akten zu finden. In den Akten finden sich die Spuren des Kampfes um das Quartier, den Stadtteil, die Straße, das Haus. Aber ebenso der Resignation.

kreuzer: Auch wie die bundesrepublikanische Vorlage übernommen wurde?
KENKMANN: Die Quellen zeigen auch die politischen Zwischentöne in der Zeit. Das Neue Forum wollte ja noch eine Form von Sozialismus, aber die Mehrheit ist da nicht mitgegangen. Der gesamte Schriftverkehr des Neuen Forums Leipzig beispielsweise ist jetzt im Archiv der Bürgerbewegung zugänglich. Das Bürgerforum wurde sozusagen weggewischt, und dann haben die politischen Parteien nicht wenige Aktivisten aufgesogen. Vielleicht war man zu schwach, um das plebiszitäre Moment langfristig zu tragen, vielleicht war auch der westdeutsche politische Dirigentenstab zu stark. Ein Blick in die Aktenbestände wird hier zu detaillierteren Erkenntnissen führen.

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