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»Ich bin fasziniert vom Brexit«

Sophie Hunger über die großen Themen: Europa, Feminismus und Liebeskummer

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Als wir Sophie Hunger das erste Mal live sahen, warf sie eine Wasserflasche von der Bühne und traf direkt einen Fan. Ansonsten sind Konzerte der Schweizer Musikerin mehr als empfehlenswert. Genauso wie ihre sechs Platten, auf denen sie von Folk bis Elektro alles elegant hinbekommt. Im Interview kann man mit ihr über alles sprechen – von einem persönlichen Beziehungsende bis zu Europa.

kreuzer: Ihr aktuelles Album »Molecules« ist nach einer Trennung entstanden. Vermittelt es dadurch die Stimmung zwischen »Alles geht den Bach runter« und der Chance des Neuanfangs?
SOPHIE HUNGER: Es ist eher so wie nach einem Wirbelsturm in Florida: Der Sturm ist vorbei. Die Leute latschen durch die Trümmer und heben ab und zu einen Teddybär auf. Die denken ja in dem Moment nicht daran, wie das Haus aussieht, das hier vielleicht bald wieder stehen könnte, sondern fragen sich: Was ist hier noch brauchbar?

kreuzer: In Ihrem Song »She Makes President« singen Sie darüber, dass Frauen die Macht hatten, den Präsidenten zu wählen. Haben Sie ihn vor der Trump-Wahl geschrieben?
HUNGER: Der Song hatte nicht unbedingt einen Zusammenhang mit einem speziellen politischen Event. Ich wollte vielmehr eine Hymne für Frauen schreiben. Dann sind diese Sachen passiert und ich hab gemerkt, dass es diese Frau, die ich da beschreibe, so vielleicht noch nicht gibt.

kreuzer: Inwiefern ist Feminismus ein Thema für Sie?
HUNGER: Das ist in den letzten Jahren in mir gewachsen. Meine Mutter war früh berufstätig, in einer leitenden Position. Und ich hab Musik gemacht. Es gab keine spürbaren Barrieren. Aber das Problem ist, dass man nicht von solchen Ausnahmefällen ausgehen und sagen kann: Das Problem der Gleichstellung ist gelöst. Das ist es natürlich überhaupt noch nicht. Das hab ich erst gemerkt, als ich aus meiner kleinen Welt herausgesehen habe.

kreuzer: Sie haben vor Jahren mal in einem Interview gesagt, dass Sie sehr viel Zeitung lesen und deshalb schlechte Laune haben. Ist das immer noch so?
HUNGER: Das Erste, was ich morgens mache, ist alles durchlesen. Und ich hab meine Lieblingsthemen, die ich besonders verfolge.

kreuzer: Was ist gerade Ihr Lieblingsthema?
HUNGER: Im Moment bin fasziniert von der ganzen Brexit-Entwicklung. Zu erleben, wie eine ehemalige imperialistische Macht vor den Augen aller auseinanderfällt, sagt sehr viel aus über eine politische Klasse, die so ein großes Maß an Dekadenz erreicht hat, dass alles keine Substanz mehr hat. Es gibt keinen mehr, der Verantwortung übernimmt.

kreuzer: Wie hat sich seit Ihrem ersten Album Ihre Art des Musikmachens verändert?
HUNGER: Diese Arbeit ist gleich geblieben, aber die Materialien haben sich sehr verändert. Früher waren es eher Folk-Instrumente. Die spiele ich kaum noch, sondern arbeite fast nur noch am Computer.

kreuzer: Es heißt, das liege auch daran, dass Sie nach Berlin gezogen sind.
HUNGER: Es gab verschiedene Gründe: Ich habe eine Software-Schulung gemacht, habe Synthesizer gekauft und Krautrock entdeckt. Das hatte bestimmt mit Berlin zu tun. Man geht ja auf einer Suche absichtlich da hin, wo man sonst nicht so ist.

kreuzer: Auf Ihrer aktuellen Tour waren Sie in ganz Europa unterwegs.
HUNGER: Ja, das war sehr speziell und berührend, weil es mit dem Jubiläum 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges zusammenfiel. Ich habe während der Tour »Die Ballade des Abendlandes« von Éric Vuillard gelesen, einem französischen Historiker. Und dann fahren wir so durch Europa, all diese verschiedenen Völker mit all ihren Sprachen, mit einer hohen Lebensqualität – und alles ist so friedlich. Und dann liest man Bücher von vor 100 Jahren, wo sich hier alle zerfleischt haben. Vor diesem Hintergrund habe ich gemerkt, wie kleinlich wir manchmal sind. Jeder Deutsche kann einfach so, wenn er Bock hat, ein bisschen nach Griechenland. Es ist alles so offen, frei und liberal. Das ist so eine unglaubliche Errungenschaft.

 

Sophie Hunger: 8.2., Täubchenthal

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