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»Harmonien und Dissonanzen«

Der Dramatiker Wolfram Höll über House-Disko und die Freiheit von Auftragswerken

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Wolfram Höll ist gebürtiger Leipziger und arbeitet regelmäßig mit dem hiesigen Schauspiel zusammen, auch wenn er mittlerweile in Biel lebt. Mit dem kreuzer sprach der zweimalige Mülheimer Dramatikerpreisträger über sein Schreiben.

kreuzer: Wie sind Sie zum Schreiben für die Bühne gekommen?
Wolfram Höll: Ich habe mich eigentlich immer nur für Dramatik interessiert. Als Jugendlicher habe ich vor allem Theaterstücke gelesen, viel lieber noch als die ganzen dicken Bücher. Und habe mich dann auch mit einem Theaterstück aus Gymnasialzeiten am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel beworben (und es ist eigentlich ein Wunder, dass ich damit aufgenommen wurde).

kreuzer: War es ein weiter Weg vom Literaturstudent zum vielfach ausgezeichneten Autor?
Höll: Naja, der Weg zu einer eigenen Stimme als Autor, der war tatsächlich nicht ganz einfach; aber da da habe ich zum Glück Autoren wie den Frankokanadier Daniel Danis getroffen, die mir überhaupt erst gezeigt haben, was im Schreiben alles möglich ist. Und Preise haben dann schlussendlich auch viel mit Glück und Trends zu tun.

kreuzer: Wie kam die Zusammenarbeit mit dem Leipziger Schauspiel zustande, für das sie ein drittes Auftragswerk erarbeitet haben?
Höll: »Und dann« hatte ich frei geschrieben, es wurde beim Heidelberger und beim Berliner Stückemarkt präsentiert und dort ist dann die neue Leipziger Dramaturgie darauf aufmerksam geworden. Das Schauspiel hat dann 2013 die Intendanz unter Enrico Lübbe unter anderem mit »Und dann« gestartet. Für mich ist die Zusammenarbeit auf mehreren Ebenen fruchtbar. Zuallererst haben die Leipziger jedes Mal überraschende und sehr intelligente Ideen gehabt, wen sie bei meinen Stücken Regie führen lassen. Sowohl Claudia Bauer als auch Thirza Bruncken hatten einen sehr eigenen, sehr eigenwilligen Zugriff. Da beginnt es natürlich für mich als Autor überhaupt erst, spannend zu werden, und davon profitieren Text und Inszenierung extrem. Dann gibt es in Leipzig ein tolles Ensemble und auch eine gute Begleitung durch die Dramaturgie. Und nicht zuletzt auch ein aufgeschlossenes Publikum, das Lust hat auf Neues, auf Experimente. Und dass das alles in meiner Heimatstadt passiert, freut mich umso mehr.

kreuzer: Besteht bei Auftragsarbeiten nicht eine gewisse Abhängigkeit?
Höll: Für das neue Stück kam vom Schauspiel der Wunsch nach einer Auftragsarbeit für die Neueröffnung der Spielstätte Diskothek. Und in diesem Fall habe ich das tatsächlich als gute Anregung empfunden. Und ich habe mir gedacht: Gut, dann aber so richtig!

kreuzer: Was passiert darin?
Höll: Das Stück heisst nicht nur »Disko«, es spielt auch in einer Disko. In meinen Stücken gab es bis jetzt ja immer zwei Ebenen. Die eine, die aus dem Erzählen, dem Erinnern kommt, und vor allem mit Bildern arbeitet (wie die drei Verlierlinge in »Und dann«). Und die andere, die musikalisch und mehrstimmig funktioniert. Bei der ersten Ebene hatte ich unterdessen fast den Eindruck, ich würde mich bei einem nächsten Stück wiederholen, deswegen habe ich mich auf das Musikalische konzentriert und hier etwas Neues ausprobiert. Die Disko ist im Stück auch ein Prinzip. Im House werden ja immer wieder Elemente neu kombiniert, alle vier oder acht Takte kommt ein neues Element hinzu, oder eines fällt weg, und es entstehen immer neue Konfigurationen. Und das wollte ich nun mit Text probieren, um zu schauen, was für neue Bedeutungen, Harmonien oder Dissonanzen entstehen, und habe unter anderem mit Tracks von Daft Punk, Justice, Animal Collective und Kylie Minogue gearbeitet.

kreuzer: Nochmal zur Abhängigkeit gefragt …
Höll: Klar ist ein Auftragswerk eine Verpflichtung, vor allem auch eine zeitliche. Es gibt ein Abgabedatum, und man kann das Stück nicht einfach immer weiterschreiben, bis man einmal fertig wird. Ich habe den Auftrag aber eher als Privileg, als Gelegenheit empfunden. Wenn man Geld und Zeit und eine Aufführungsgarantie bekommt, dann bedeutet das ja auch eine gewisse Freiheit, und da wollte ich die Freiheit nutzen und etwas probieren. Natürlich mit der Sorge, dass es auch danebengehen kann, und alle schauen zu und keiner will mich mehr. Aber wie ich neulich gelesen habe, ist der Grat zwischen peinlich und genial sehr schmal, und wenn man schon kann, dann sollte man darauf tanzen.

Disko«: 9.2., 20 Uhr (Premiere), 16.2., 19 Uhr, 26.2., 20 Uhr, Schauspielhaus/Diskothek

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