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Chinesisches Neujahr

Die Kinostarts der Woche im Überblick

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Und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht…

Eher selten schaffen es chinesische Produktionen in die Leipziger Kinos. Zuletzt sorgte »An Elephant Sitting Still« für Aufmerksamkeit, der 2018 seine Premiere auf der Berlinale feierte. Doch der Film lockte mit seiner mehr oder minder kinofreundlichen Spiellänge von fast vier Stunden nicht unbedingt die Massen in die Lichtspielhäuser – auch wenn er mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt hätte. Und so ist es dem Konfuzius Institut hoch anzurechnen, dass sie jedes Jahr aufs Neue dafür sorgen, dass das Leipziger Publikum vier Tage lang die Möglichkeit erhält, sich voll und ganz auf die chinesische Kultur einzulassen. Die Themen sind dabei näher an unserer eigenen Realität als vielleicht gedacht. Etwa im Eröffnungsfilm »Lady of the harbour«, der von Suzanne erzählt, einer chinesischen Einwanderin, die vor zwei Jahrzehnten nach Europa geflohen ist. Mit lauter Stimme und voller Leidenschaft setzt sie sich nun in Griechenland für Flüchtlinge ein, kümmert sich um Kinder und sammelt Spenden. Dabei stößt sie auf Widerstände innerhalb und außerhalb der in Athen lebenden chinesischen Community. Darüber wird die Regisseurin Sean Wang im anschließenden Publikumsgespräch sicher einiges berichten können.

»Chai. China-Filmfestival Leipzig«: Eröffnung mit »Lady of the Harbour«, 13.2., 19 Uhr, Cinémathèque in der Nato


Film der Woche: Jessica (Ella Frey) ist keine ganz normale Zwölfjährige. Sie ist eine Außenseiterin, ständig nervös und in Bewegung. Freundinnen hat sie keine. Wer sie nicht kennt, hält sie für einen Jungen. Jessis Leben dreht sich nahezu ausschließlich um ihre Schwester Sabrina (Emilia Bernsdorf). Seit Brini an einer Lungenkrankheit leidet, lebt die Familie in der ständigen Angst, jeder Atemzug könnte ihr letzter sein. Jessi ist tief geprägt vom Verlust ihrer Mutter, die plötzlich starb als Jessi noch klein war. Der Verlust beschäftigt auch ihren Vater Stefan (Martin Wuttke), der sich manchmal überfordert fühlt von der Situation, die sich zunehmend zum Schlechten wendet. Sabrinas Anfälle werden schlimmer, das neue Antibiotikum wird von ihrem Körper abgestoßen. Jessi muss handeln. Zumindest glaubt sie, dass sie mit ihrem Handeln das Schicksal ihrer Schwester beeinflussen kann. Das führt zu Zwangshandlungen, die irgendwann Überhand nehmen. Sie sieht in allem einen negativen Einfluss – wie häufig sie die Socken hochzieht, die Zahlen auf den Nummernschildern. Dabei ist sie doch im Grunde eine ganz normale Zwölfjährige, die davon träumt, ihren Schwarm zu küssen und das erste Mal so richtig verliebt zu sein.

Jessica ist sicherlich die ungewöhnlichste Filmheldin, die wir in einer deutschen Produktion der letzten Jahre erleben dürfen. Unsicher, einzelgängerisch und von ihren Mitschülern gemobbt, ist sie doch selbstbewusst und fest entschlossen, wenn es um das Leben ihrer Schwester geht. Drehbuchautorin Silvia Wolkan („Sibylle“) schuf sie und ihre dysfunktionale Familie bereits vor acht Jahren. Damals gab sie ihren ersten Entwurf in die Hände von Anca Maria Lăzărescu. Die beiden studierten in München an der HFF. Die in Rumänien geborene Regisseurin Lăzărescu war sofort Feuer und Flamme für die Figuren. Es sollten jedoch einige Jahre vergehen, in denen Lăzărescu erster eigener Spielfilm, „Reise nach Jerusalem“, entstand. Doch die Geduld zahlt sich aus.

Schon mit seinem Titel legt „Glück ist was für Weicheier“, der seine Premiere als Eröffnungsfilm der Hofer Filmtage feierte, den Ton vor. Ernst und ironisch, tragikomisch, eine Mischung aus Coming-of-Age und Klarkommen mit der Welt und dem eigenen Schicksal. Und das meint es mit keiner der Figuren in Lăzărescus Film sonderlich gut. Dass der Film nicht in reiner Lamoryanz versinkt, liegt einerseits daran, dass Wolkan ihre Geschichte immer wieder durch absurd-komische Momente auflockert. Zum anderen sind es die durchweg hervorragenden Darsteller, die den Plot glaubwürdig auf die Leinwand bringen.

Ella Frey war bereits als junge Anne Frank zu sehen und verkörpert ihre erste Hauptrolle, die zwangsgesteuerte Jessi, absolut überzeugend. Martin Wuttke, der gelegentlich auch auf der Bühne des Stuttgarter Schauspielhauses steht, spielt den Vater zwischen verständnisvollem Vorbild und überfordertem Alleinerzieher mit einer natürlichen Leichtigkeit. Emilia Bernsdorf versinkt als todkranke große Schwester nie in Vorabendserien-Kitsch-Klischees. Sein Ensemble und die vielen kleinen Figuren, die sich drumherum scharen, machen „Glück ist was für Weicheier“ zu dem, was er ist: Ein rundum überraschender Glücksfall fürs Kino.

»Glück ist was für Weicheier«: ab 7.2., Regina Palast

Liu Jian ist eine Ausnahmeerscheinung im chinesischen Filmtreiben. Ein unabhängiger Künstler, der seine Filme selbst produziert, schreibt und jedes einzelne seiner irrwitzigen, detailverliebten Bilder selber zeichnet und sich so seine kreative Freiheit bewahrt. Fünf Jahre lang hat er an »Have a nice day« gearbeitet, der auf der Berlinale 2017 seine Premiere feierte. Eine Gangsterballade im modernen China, wo jeder auf seinen eigenen Vorteil bedacht ist und die Gier regiert. Xiao Zheng ist Fahrer auf der Baustelle des einflussreichen Mafiabosses Onkel Liu. Als er eine Geldtasche mit einer Million Yuan übergeben soll, sieht er seine Chance gekommen. Er greift sich die Tasche und macht sich aus dem Staub. Mit dem Geld will er seiner Freundin eine Schönheitsoperation in Korea finanzieren. Doch Liu schickt seine Handlanger aus, um Xiao aufzuhalten. Eine wilde Nacht beginnt, in der das Objekt der Begierde mehrfach den Besitzer wechselt und die meisten den Morgen nicht erblicken werden. Liu Jians deutlich vom westlichen Kino beeinflusster Animationsfilm bildet die chinesische Gesellschaft in einem Zerrspiegel ab. Groteske Figuren bevölkern sein düsteres, verregnetes Szenario. Mit viel Ruhe, einem Auge für Details und reichlich absurdem Humor füllt er es mit Leben. Ein irrer Ritt durch die Nacht, untermalt mit einem exzellenten Soundtrack der Band Shanghai Restoration Project aus Brooklyn.

»Have a nice day«: 10.–12.2., Kinobar Prager Frühling, ab 23.2., Cinémathèque in der Nato, ab 28.2., Cineding

Weitere Filmtermine der Woche

Die Austernprinzessin
(Weimarer Repubik 1919) – Stummfilmkino in der Paul-Gerhardt-Kirche mit Maria Wolfsberger an der Orgel
Liebeskomödie und Gesellschaftssatire von Ernst Lubitsch. Stummfilmkino in der Paul-Gerhardt-Kirche mit Maria Wolfsberger an der Orgel.
R: Ernst Lubitsch, D: Ossi Oswalda, Victor Janson, Julius Falkenstein, Weimarer Repubik 1919, 47 min

Paul-Gerhardt-Kirche Connewitz, 
09.02., um 20:00 Uhr

Ailos Reise
(F 2018) – Preview für Kids – Die Reise eines kleinen Rentierjungen und seiner Herde über Hunderte Kilometer durch unberührte Landschaften.
R: Guillaume Maidatchevsky, F 2018, Dok, 86 min
Passage Kinos, 10.02., um 15:00 Uhr

Russisches Kino 
- diesmal mit »Flucht aus Leningrad«
(R 2019; OF)
 Russisches Kino im Original ohne Untertitel – diesmal mit dem Kriegsdrama »Flucht aus Leningrad« in dem ein frisch verliebtes Paar 1941 mit einem Schiff, das sie und viele andere vor den Bombenangriffen in Sicherheit bringen soll, in einen Sturm geraten.
R: Alexey Kozlov; D: Maria Melnikova, Andrey Mironov, Gela Meskhi, R 2019, OF
Cineplex
 10.02., um 17:30 Uhr
, Cinestar
 10.02., um 17:00 Uhr, 
Regina Palast
 10.02., um 17:00 Uhr

Taxi Blues
(SRB 2019; OmU) – Serbisches Kino
Marko, ein sympathischer, aber erfolgloser Dramaturg, arbeitet seit Jahren als Taxifahrer. Ein gewöhnlicher Arbeitstag wird auf den Kopf gestellt, als sich der kleine Junge Damir in seinen Wagen schleicht. Damir ist aus dem Waisenhaus geflüchtet und ist auf der Suche nach seinem Vater. – Serbisches Kino
R: Miroslav Stamatov; D: Andrija Milosevic, Milena Predic, Todor Jovanovic, SRB 2019, OmU
Cineplex 
10.02., um 17:30 Uhr

Der Trafikant
(A/D 2018) – Filmleben
Ein junger Mann vom Lande wird 1937 von seiner Mutter nach Wien geschickt, wo er in einem Kiosk eine Ausbildung machen soll. Dort erlebt er nicht nur erste Liebesnöte und die Unterstützung Sigmund Freuds, sondern auch den Aufstieg der Nazis und den Niedergang seines jüdischen Chefs.
 R: Nikolaus Leytner; D: Simon Morzé, Bruno Ganz, Johannes Krisch, A/D 2018, 114 min
Cineplex
 11.02., um 17:30 Uhr

Ikarie XB 1
(CSSR 1963) – KosmOST: Science-Fiction-Filme aus Osteuropa 1959-1989
Im Jahre 2163 starten vierzig Männer und Frauen eine mehrjährige Reise zum Planeten Alpha Centauri, um dort eine Kolonie zu errichten. Unterwegs geraten sie in die Nähe eines Dunkelsterns, dessen rätselhafte Strahlung eine unüberwindbare Müdigkeit auslöst. – Einer der faszinierendsten osteuropäischen Science-Fiction-Filme, nach Stanislaw Lems Roman »Gast im Weltraum«. – KosmOst: Science-Fiction-Filme aus Osteuropa 1959-1989
R: Jindrich Polák, D: Emília Vásáryová, Martin Tapák, Jiri Vrstala, CSSR 1963, 75 min

Luru-Kino in der Spinnerei
 12.02., um 19:00 Uhr

Sandmädchen
(D 2017, Dok) – in Anwesenheit des Regisseurs Mark Michel
Veronika ist 23, lebt in der Nähe von Augsburg und ist körperlich schwer behindert. Sie kann nicht sprechen, nicht laufen und leidet am Asperger-Syndrom, einer Form von Autismus. Aber Veronika schreibt. Ein poetischer Dokumentarfilm. Im Anschluss Gespräch mit dem Regisseur.
 R: Mark Michel, D 2017, Dok, 84 min
Kinobar Prager Frühling
 13.02., um 18:00 Uhr

Mr. Gay Syria
(F/D/TRK 2017, Dok) – Film und Gespräch
Der Dokumentarfilm erzählt von zwei syrischen Flüchtlingen, die mit einem Schönheitswettbewerb auf sich und ihre Situation aufmerksam machen wollen und von der Teilnahme am »Mr. Gay World Contest« auf Malta träumen. Doch ohne gültige Papiere ist das gar nicht so leicht. – Film und Gespräch
R: Ayse Toprak, F/D/TRK 2018, Dok, 87 min

Grassi-Museum für Völkerkunde
 13.02., um 19:00 Uhr

Die Weber
(Weimarer Republik 1927) – Ballet Mécanique mit Vorfilm »Zeitprobleme: Wie der Arbeiter wohnt« (Weimarer Rep. 1930)
Soziales Drama in fünf Akten nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Gerhart Hauptmann. – Ballet Mécanique mit Vorfilm »Zeitprobleme: Wie der Arbeiter wohnt« (Weimarer Rep. 1930)
R: Friedrich Zelnik, D: Paul Wegener, Theodor Loos, Wilhelm Dieterle, Weimarer Republik 1927, 130 min
Luru-Kino in der Spinnerei
 13.02., um 20:00 Uhr

Das ist unser Haus!
(D 2016, Dok) – im Rahmen der Ausstellung »Together! Die Neue Architektur der Gemeinschaft« im Grassi-Museum für Angewandte Kunst
Der Film erläutert das solidarische Modell des Mietshäuser-Syndikats (syndikat.org), mit dem sich auch finanzschwache Gruppen bezahlbare Räume in Gemeineigentum nachhaltig sichern können. – im Rahmen der Ausstellung »Together! Die Neue Architektur der Gemeinschaft«
R: Burkhard Grießenauer, Daniel Kunle, Holger Lauinger, D 2016, Dok, 64 min

Ost-Passage Theater
 13.02., um 21:00 Uhr

Alles auf Anfang – Das wilde Jahr 1990
(D 2019, Dok) – Filmpremiere mit anschl. Gespräch mit dem Dokumentarfilmer Peter Wensierski
Vor 30 Jahren beobachtete der Dokumentarfilmer Peter Wensierski, wie sich Menschen den Herausforderungen des neuen Lebens stellten. Sein Episodenfilm wurde zwischen Wismar und dem Grenzübergang Schönberg gedreht, auf dem Land und in der Großstadt. – Filmpremiere, anschl. Gespräch mit dem Regisseur
 R: Peter Wensierski, D 2019, Dok, 60 min
Zeitgeschichtliches Forum 
14.02., um 19:00 Uhr

Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben
(GB/USA 1964) – Moritzkino
Ein verrückter amerikanischer General glaubt, dass die Sowjets ihm an die Körpersäfte wollen, und löst den Atomschlag aus – Präsident und Sowjets staunen. Beißende Satire von Stanley Kubrick. – Moritzkino
R: Stanley Kubrick, D: Peter Sellers, James Earl Jones, Sterling Hayden, GB 1963, 103 min
Moritzbastei
 14.02., um 20:00 Uhr

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