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Arsch hoch

Post-Rock: Ein Genre gegen Image und althergebrachte Songstrukturen

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Post Rock befruchtet seit Längerem die Leipziger Musikszene. Doch wie steht es um das, was er einmal wollte und was er jetzt ist? Wir haben uns umgehört

Stolpert man lange genug durch den Leipziger Konzert-Underground, wird einem irgendwann folgendes Arrangement bekannt vorkommen: Drei oder vier Typen
auf der Bühne, stets leger-unmodisch bekleidet, ohne ein ausgeklügeltes mehrteiliges Verstärkersystem und circa zehnEffektpedale pro Musiker geht da selten was. Bevorzugt spielen die so Auftretenden gern Songs in beliebig ausgedehnter Überlänge, die so gar nicht wirken wie im Proberaum beim Jam zusammengekloppt, vielmehr fast wie gemalt: Schicht auf Schicht, Effekt auf Effekt, Element auf Element, ganz ohne Gesang entstehen große Soundbilder, die fast immer mit der Dynamik von leise und sehr, sehr laut spielen.

Der Volksmund nennt es Post Rock. Die Größen, auf die sich fast alle im Genre irgendwie berufen, heißen Mogwai und Godspeed You! Black Emperor und haben so zum ersten Mal in den ausgehenden neunziger Jahren gespielt. Hört man sich in der Szene und bei Leuten, die etwas von der Materie verstehen, um, so sind sich alle einig, dass es damals wie heute um die Überwindung von Strukturalismen der Rockmusik ging und geht. Dazu gehören offensichtlich althergebracht-verkalkte Songstrukturen, aber eben auch der Großteil dessen, was sich irgendwie nach »Image« anfühlt. In ihrem Auftreten auf der Bühne bilden Post-Rock-Musiker zudem die Antithese zu all den unfreiwilligen Karikaturen von Männlichkeit, die der Rock in seiner Geschichte hervorgebracht hat.

Dass Post Rock im hiesigen Biotop gut gedeiht, hat auch mit einem Genre zu tun, das ungleich größer ist, denn zu Techno hat hier jeder getanzt, der ab und zu einmal ausgegangen ist. Um die Gemeinsamkeiten zu sehen, muss man keine gewagten geistigen Sprünge machen. »Die Nähe zur Elektronik ist immer da«, sagt Martin Dost von der Leipziger Band Kraene, seit acht Jahren Teil der Szene. Beiden Musiken geht es nicht um schöne Refrains oder eine konkrete Botschaft, sondern um den neuen, aufregenden Klang und ein abstraktes Gefühl. Im geschichteten Aufbau der Stücke sind sie sich in der Komposition ähnlich, zudem verzichten beide auf Gesang. »Dass ich gern Techno höre und in zwei Bands ohne Sänger war, mag auf gewisse Vorlieben hindeuten«, sagt David Beyer, der bei Lingua Nada und den mittlerweile aufgelösten, schmerzlich vermissten Telefon, Telefon Gitarre gespielt hat. Da geht es wohl nicht nur ihm so. Schlussendlich waren beide Genres deswegen immer emanzipatorische Projekte.
Nur gibt es, was das betrifft, dann doch zentrale Unterschiede zwischen Techno und Post Rock: Letzterer ist aus emanzipatorischer Sicht auf halber Strecke liegengeblieben. Aufmerksam Lesenden werden die drei oder vier Typen auf der Bühne zu Beginn des Beitrags aufgefallen sein. Tatsächlich können sich auch die Leute, die schon eine ganze Weile dabei sind, spontan nicht an eine Frau auf der Bühne bei einem lokalen Post-Rock-Konzert erinnern. Auch nachdem man einmal nachgedacht hat, fällt einem außer Godspeed You! Black Emperor keine Band aus dem Genre mit weiblicher Beteiligung ein, aus Leipzig schon gar nicht. »Das ist kein Problem speziell von Post Rock, sondern ein strukturelles Problem von Rockmusik allgemein«, sagt David dazu. Des Weiteren ist man sich einig, dass das den »Post«-Gedanken im Post Rock offensichtlich eindeutig hintertreibt. Das Genre scheitert in dieser Hinsicht am eigenen Anspruch.

Bitter zumal, da Voraussetzungen für die Überwindung sexistischer Strukturen in Teilen eigentlich gegeben wären. Das Publikum bei einem Post-Rock-Konzert kommt einem oft deutlich gemischter vor als in anderen Subgenres wie Punk, Hardcore oder Metal, und man tut hier den meisten Musikern unrecht, wenn man sie als sexistische Macker abstempelt. Das ändert nur leider nichts daran, dass die meisten, schlussendlich auch irgendwo dieser Text, den patriarchalen Status quo mittragen. »Alle sagen, Quote ist natürlich was Gutes, aber in meiner Band?«, meint Martin. »Ich fange jetzt ein neues Projekt an, dafür habe ich ganz konkret als Annonce geschrieben: ›Suche eine Frau, die Bass, Synthie oder Cello spielen kann.‹ Dann melden sich erst einmal zehn Typen.« Mittlerweile hat er sie gefunden, aber das Beispiel verdeutlicht, was das Problem ist. »Für Feminismus sind erst einmal alle, aber gleichzeitig sind das auch die Leute, die im Proberaum waren, Mucke gemacht haben, und die Freundinnen saßen auf der Couch und durften 
zuhören.« Ein Mangel an Diversität, neuen Gedanken, anderen Blickwinkeln tut Post Rock zudem auch ästhetisch nicht gut. Irgendwann meint man ihn verstanden zu haben: »Du nimmst eine Molltonart, nimmst Delay, nimmst Reverb, ein schön langsames Schlagzeug, fertig«, bringt Martin den typisch generischen Post Rock auf den Punkt. Die ganze getragene Schönheit verliert zudem einfach eine Menge, 
wenn sie nichts transportiert als sich selbst. Gerade weil die Musik so abstrakt ist, 
bekommt sie dann ein Problem, wenn man nichts mehr heraushört außer sauber 
gespielten Noten und pfiffigen Rhythmen, die sich zudem untereinander ähneln.

»Es ist schlicht eine ähnliche Entwicklung, wie sie zum Beispiel im Punk stattgefunden hat. Irgendwann ist alles ein bisschen auserzählt, dann wiederholt es sich«, so beschreibt es David. Man kommt um die Erkenntnis nicht herum, dass das für die meisten Strömungen in egal welcher Kunst gilt. Allerdings muss man auch einwenden, dass die ersten »Punk is dead«-Rufe schon Anfang der achtziger Jahre zu hören waren, was ihn nicht daran gehindert hat, sich als Post Punk, Hardcore, Post Hardcore, Pop Punk und so weiter neu zu erfinden. Man mag darauf spekulieren, dass deutlich mehr Akteure im Post Rock schlicht irgendwann den Arsch hochkriegen und sich auf das besinnen, was die ganze Geschichte ausmacht: Immer höher, immer schöner, immer weiter weg von dem, was die Norm, hin zu dem, was möglich ist. Die Chance wäre da.

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