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Fortschritt in Fortsetzung

Der Expander des Fortschritts kehrt zurück – und würdigt Heiner Müller

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Nach Jahren der Stille kehrt der Expander des Fortschritts zurück. Diese Formation war unter all den sogenannten »anderen Bands« noch einmal ganz anders, galt als schwer verdaulich und intellektuell.

1989 war natürlich nicht nur für Heiner Müller ein aufregendes Jahr. Aber selten schlossen sich Bögen schöner. Im Januar gewürdigt zum 60. Geburtstag im Deutschen Theater, auf dem Programm in eigener Regie sein frühes Stück »Lohndrücker«, im Dezember er selbst auf der Bühne des Kulturhauses im VEB Elektrokohle Berlin-Lichtenberg, das erste Konzert der Einstürzenden Neubauten in der DDR anmoderierend, wobei er von Stalins Bauten spricht, die nun stürzen. In den Schlussapplaus der Inszenierung jenes 9. Januar 1989 wurde die Radiocollage »Die neunte Sinfonie der Streifenwagen« geblendet, produziert für DT64 von Lutz Schramm, Macher des »Parocktikum«, der legendären Show für abseitige Musik, besonders aus der DDR. Zu hören war auch diese Müller-Passage: »EINS: Darf ich Ihnen mein Herz zu Füßen legen. ZWEI: Wenn Sie mir meinen Fußboden nicht schmutzig machen.« Vertont vom Expander des Fortschritts aus Berlin.

Diese Formation war unter all den sogenannten »anderen Bands« noch einmal ganz anders, galt als schwer verdaulich und intellektuell. Neben viele Konzerte, darunter 1988 im Kino Connewitz in der Reihe »Musik Frontal«, reihte die Band in kurzer Zeit Kassetten- und Rundfunkproduktionen, eine Zusammenarbeit mit dem Studio für elektroakustische Musik der Akademie der Künste, Hörspielsounds und Theatermusik. Gefolgt im Frühjahr 1990 von »Ad acta«, dem treffend betitelten Kommentar zur Zeitenwende, veröffentlicht bei Zong, einem Sublabel des ehemaligen VEB Deutsche Schallplatte. Wonach es still wurde. Man ging seiner neuen Wege, die unter anderem ins Akademische führten, während zugleich Heiner Müller zum intellektuellen TV-Star avancierte. Angeregt von den eigenen Kindern und teils von jenen in der verjüngten Band unterstützt, ist der Kern-Expander aber nun zurück, arrangiert um die Professoren Susanne Binas-Preisendörfer und Eckehard Binas. Angetreten, die Expedition fortzusetzen, wobei sie vom Autor und Journalisten Robert Mießner begleitet werden, der in das aktualisierte Gefüge aus sperrigen Grooves und Klangexperimenten textliche Interludes von und zu Heiner Müller fügen wird, nicht zuletzt in Verbeugung vor dem Jubilar, der zum 90. Geburtstag wieder vermehrt in den sich dunkler färbenden Zeitgeist passt.

>Fortgesetzte Expedition | Expander des Fortschritts, NaTo, 24.2., 20:30

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