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Liebe, Hass und Internet

Kein Abfuck: Magarete Stokowskis Plauderrunde im Haus des Buchs

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Wer geht eigentlich zu Margarete Stokowski? Und was passiert auf diesen Veranstaltungen? Bei ihrem Besuch in Leipzig zeigt sich trotz klarer Nische ein diverses Bild. Stimmig eigentlich; denn »so lange Alice Schwarzer rassistische Sachen erzählt, muss man nicht alle Feministinnen unter einen Hut kriegen«, meint Stokowski selbst.

Ein Mensch, der sich auf Twitter Hans Wulsten nennt, kommentiert Margarete Stokowskis neue Kolumne über den Wahnsinn von Junggesellenabschieden mit folgenden Gedanken: »Eine Frage die mich schon länger bewegt ist: Was sind das für Menschen die zu den ›Vortragsabenden‹ von Frl. Stokowski gehen. Ich habe überhaupt keine Vorstellung wie diese Leute ticken, wie alt sie sind und was sie sonst so machen? Sind es Kranke, Gesunde, Gebildete oder Doofe?«

Versuchen wir ihm zu helfen. Was sind das also für Menschen, die am Dienstagabend ins Haus des Buches zur Lese-und-Rede-Veranstaltung mit »Frl. Stokowski« gekommen sind? Die meisten sehen gesund aus. Über ihren Bildungsstand können wir nur mutmaßen: Eher aus der Uni als vom Bau. Wahrscheinlich nicht doof. Und mehr Frauen als Männer. Wieso das so ist, dafür will eine Zuschauerin von Stokowski auch gleich die Gründe wissen – und kundtun: Sie hat beobachtet, dass je kneipenähnlicher der Ort, umso mehr Männer kommen.

Kneipenähnlichkeit liegt dem Haus des Buches fern, Podiumsdiskussion in andächtigem Rahmen trifft es eher. So versanden die ersten versuchten Witze von taz-Redakteurin Doris Akrap, die als Gesprächspartnerin von Stokowski auf der Bühne sitzt, auch in der Stille des Publikums. Also direkt rein in die Themenwelt der Margarete Stokowski, die sie nicht nur als Spiegel Online-Kolumnistin, sondern auch in ihrem aktuellen Buch »Die letzten Tage des Patriarchats« abhandelt. Es geht um Feminismus, Neonazis und eine bessere Welt. Und um Jens Spahn, der fünf Millionen Euro für eine Studie über die psychischen Folgen von Abtreibungen ausgibt, obwohl es entsprechende Studien längst gibt.

Der Abend, den Twitterer Hans Wulsten sich als »Vortragsabend« vorstellt, ist mehr eine freundschaftliche Gesprächsrunde als eine Lesung. Nach anderthalb Stunden hat Stokowski drei Texte gelesen – die man auch hier, hier und hier finden kann – aber vor allem vergnüglich über Liebe, Hass und Internet geplaudert. »Twitter ist wie Koks, also latent anstrengend. Instagram ist wie Ecstasy, alle sind voller Liebe«, ist eine dieser Weisheiten, die man mit nach Hause nehmen kann. Oder ihre Idee, was sie mit wohlformulierten Hater-Kommentaren machen wird: auf T-Shirts drucken. Wie zum Beispiel den Satz: »Jeden Tag verwirren deine Lügen Millionen!« Reich werden mit Hass, nennt sie das Konzept. So lustig ist das natürlich nicht immer. Für konkrete Bedrohungen hat sie eine Anwältin, die strafbare Kommentare anzeigt.

Neben Menschen, die ihr den Tod durch Vergewaltigung oder wahlweise auch Ertrinken im Transgender-Klo wünschen, sind die meisten Reaktionen aber doch positiv. Innerhalb einer Stunde nach Vorverkaufsbeginn war die Veranstaltung in Leipzig mit 300 Menschen ausverkauft. Selbst ihr erstes Buch »Untenrum frei« steht noch in den Bestseller-Listen, mit dem neuen ist seit Oktober regelmäßig auf Tour. »Es ist schon nicht der Abfuck«, sagt sie selbst über ihre Karriere von der taz-Schreiberin zu einer der berühmtesten Feministinnen der Republik.

Und wie steht es um den Feminismus heutzutage? »Einiges, von dem wir gedacht haben, es sei common sense, wird nun wieder hinterfragt«, sagt Stokowski auch in Bezug darauf, dass wieder Rechte in den Parlamenten sitzen. Was man denn dagegen machen kann, dass auch viele Feministen sich nicht immer einig sind, will eine Besucherin wissen. Stokowski glaubt, dass man da gar nichts machen müsse, weil es doch gut sei, wenn verschiedene Meinungen diskutiert werden. »Und so lange Alice Schwarzer rassistische Sachen erzählt, muss man nicht alle Feministinnen unter einen Hut kriegen.«

Am Ende signiert Stokowski noch Bücher. Aber nicht im Saal. Sondern bitte da, wo es auch Getränke gibt. Ein bisschen Kneipe muss schließlich doch noch sein.

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