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Tschüssi, Wolkenmaschine

Energiewende im Leipziger Süden: Leipzig plant weitere Kraftwerke – das größte könnte in Connewitz entstehen

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Noch dampft das Kraftwerk Lippendorf fleißig Wölkchen in den Himmel am südlichen Horizont von Leipzig. Doch das könnte bald vorbei sein, denn die Frage ist nicht mehr, ob die beiden Braunkohleblöcke abgeschaltet werden, sondern nur noch wann. Die Stadt Leipzig will sich selbst mit Wärme versorgen und plant den Bau weiterer eigener Kraftwerke – das größte könnte in Connewitz entstehen.

Von Clemens Haug | Lesezeit: 13 Minuten

Erst kurz vor dem Werksgelände wird die volle Größe der beiden Lippendorfer Kraftwerksblöcke sichtbar. Wie riesige graue Türme ragen die Hallen der beiden Dampferzeuger in die Höhe, dahinter die zwei Kühltürme, aus denen unablässig weiße Wolken in den Himmel 13 Kilometer südlich von Leipzig steigen. Es heißt, an schönen Tagen könne man von der Aussichtsplattform in 163 Metern Höhe bis zum Kamm des Erzgebirges schauen, dorthin, wo der Gipfel des Fichtelberg die sanft geschwungenen Hügel in seiner Nachbarschaft überragt.

Oben auf der Plattform hatte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder im Jahr 2000 das Kraftwerk feierlich eingeweiht. Es war ein Festakt im Rahmen der Expo für eine Erfolgsgeschichte des Aufbau Ost: Bis zu zwei Gigawatt Strom pro Stunde erzeugt das für 2,3 Milliarden Euro neu errichtete, hochmoderne Braunkohlekraftwerk. Dank Abgasreinigung war es auf neuestem technischen Stand viel sauberer als die DDR-Anlagen zuvor. Bei voller Last werden täglich bis zu 34.000 Tonnen Braunkohle verbrannt, der beißende Gestank ist dabei ebenso Geschichte wie die dreckigen Chemiefabriken, die hier früher die Luft verpesteten. Aus dem unzugänglichen Krater nebenan wurde der Cospudener See mit seiner Standpromenade. Eine blühende Landschaft.

Gerne hätte der kreuzer einen persönlichen Blick in das Kraftwerk Lippendorf geworfen, das je zur Hälfte den Energieunternehmen EnBW und LEAG gehört, aber nur von Letzterem gesteuert wird. Die LEAG, die Lausitzer Energie AG, kann leider keine Besichtigung anbieten – Terminschwierigkeiten. Viele Manager aus der Führungsetage sind derzeit offenbar schwer damit beschäftigt, für die Zukunft des Großkraftwerks zu streiten. Geht es nach ihrem Willen, soll der Betrieb bis zum Ende der technischen Lebenszeit weitergehen. Das wäre dann mindestens bis zum Jahr 2040. Die Kohle in den genehmigten Abbaufeldern reicht dafür aus, das Dorf Pödelwitz würde dafür aber abgebaggert. Allerdings wird immer unwahrscheinlicher, dass das Braunkohlekraftwerk so lange am Netz bleibt.

Denn seit einiger Zeit wird wieder gestritten über den Braunkohlestrom aus Lippendorf. Tatsächlich ist die schiere Größe des Kraftwerks eines von vielen Problemen. Die anderen sind sein Beitrag zur Erderwärmung in Form der immensen Mengen Kohlenstoffdioxid, die die Verbrennung der Braunkohle freisetzt. Und dann gibt es noch eine Reihe hochgiftiger Abgase, darunter Quecksilber und die aus der Dieseldebatte bekannten Stickoxide.

Deutschlands Ausstieg aus der Stromerzeugung mit Kohle ist überfällig, offen war bis vor Kurzem nur noch der Zeitpunkt. Jetzt gibt es mit dem Abschlussbericht der Kohlekommission einen ersten Rahmenplan, wie das Ende der Kohle aussehen kann. Und deshalb planen die Stadtwerke Leipzig nun einen Schritt, der eine Art Dominoeffekt auslösen und damit das Ende Braunkohle in der Region Leipzig-Halle einleiten könnte.

Leipzig steigt aus

Specks Hof im Leipziger Zentrum an einem Januarmorgen: Vor den Fenstern der Konzernzentrale der Leipziger Gruppe segeln kleine Schneeflocken durch die Luft. Drinnen am Konferenztisch spricht Maik Piehler über die mögliche Zukunft der Fernwärme in der Stadt. Er ist Bereichsleiter Marktsteuerung bei den Stadtwerken und Leiter des Projekts »Zukunftskonzept Wärme«.

Während einer Pressekonferenz Anfang Dezember verkündeten die Stadtwerke eine kleine Überraschung: Sie wollen deutlich früher als bisher geplant aus der Fernwärmelieferung durch das Kraftwerk Lippendorf aussteigen. Schon innerhalb der kommenden vier Jahre könnte es so weit sein. Zuvor galt 2030 als frühestmöglicher Zeitpunkt.

»Wir haben seit einigen Jahren die Energiewende. Auch der Ausstieg aus der Braunkohle ist absehbar. Die Frage ist also: Wie zuverlässig ist die Wärmelieferung aus Lippendorf, wie wirtschaftlich wird ihr Preis in Zukunft sein?«, fragt Piehler und weist auf die steigenden Kosten für Klimazertifikate. Für jede Tonne Kohlenstoffdioxid, die ein Kraftwerk in die Luft bläst, muss der Betreiber eine Emissionserlaubnis erwerben. Viele Jahre kosteten diese Zertifikate um die fünf Euro pro Tonne, vergangenes Jahr stieg der Preis plötzlich rasant. Im September wurde die Tonne mit 24 Euro gehandelt, aktuell kostet sie über 21 Euro. Stromproduktion durch kohlenstoffdioxidintensive Braunkohleverbren…

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Ein Kommentar

  1. Ulrike Böhm | 5. März 2019 | um 10:45 Uhr

    Danke für den wichtigen, gut recherchierten, informativen, kurzweiligen und ideologiefreien Aufsatz über die Wolkenmaschine. So etwas stelle ich mir unter gutem Journalismus vor.
    Herzliche Grüße