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Nasenbluten

Die Kinostarts der Woche im Überblick

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Und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht…

Gleich zweimal blutige Nasen und aufgeschürfte Knie gibt es in dieser Woche in den Leipziger Kinos: »mid90s« (Donnerstag und Sonntag in den Passage Kinos) ist eine hemmungslos nostalgische Zeitreise in die Skaterszene Kaliforniens der neunziger Jahre. Jonah Hill ist mit seinem warmherzigen Trip in die Jugend schon jetzt einer der Filme des Jahres gelungen. Den Jungs stehen die Frauen in »Skate Kitchen« gegenüber, die die männlich dominierte Szene New Yorks aufmischen. Nur am 8. März in der Cinémathèque in der Nato.

Film der Woche: Eli und Charlie sind die Sisters Brüder, zwei aufstrebende Kopfgeldjäger, die dabei sind, sich einen Namen zu machen. Es sind die 1850er, eine Zeit des Aufbruchs, in der einfache Männer vom Wohlstand träumen und andere von einer neuen Gesellschaft. Hermann Kermit Warm träumt von beidem. Er hat eine chemische Formel entdeckt, mit der er das Gold in den Flüssen zum Leuchten bringt. Das macht ihn zu einem gefragten Mann und so schickt der Colonel die Sisters Brüder aus, um das wertvolle Wissen aus ihm herauszupressen. Hermann hat einige Tage Vorsprung, an seinen Fersen heftet allerdings auch schon der distinguierte Geschäftsmann John Morris. Die Jagd ist ein zentrales Element des Westerngenres und steht auch hier zunächst im Zentrum. Audiard vermag es aber, sie um neue Elemente, wie etwa die Strapazen der Natur zu bereichern. In der zweiten Hälfte wandelt sich dann der Ton, ebenso wie sich der romantisch verklärte Western längst dem Fortschritt zuneigt. Neben dem humanistischen Ansatz, der die Vorlage des Kanadiers Patrick DeWitt ausmacht, sind es vor allem die Schauspieler, die den vielschichtigen Charakteren Konturen verleihen. Joaquin Phoenix und John C. Reilly glänzen als ungleiches Bruderpaar, das dem ungehobelten Killerklischee des Genres widerspricht. Jake Gyllenhaal und Riz Ahmed versuchen am anderen Ende eine Perspektive in all dem Staub und Blutvergießen zu finden. »The Sisters Brothers« ist ein ruhig erzählter Spätwestern mit ebenso grandiosen Bildern wie exzellenten Schauspielern.

»The Sisters Brothers«: ab 7.3., Schauburg

Vor zwei Jahren erhielt Barry Jenkins’ »Moonlight« im Oscarfinale mit »La La Land«-Ladehemmung zu Recht den Hauptpreis für den besten Film. Nun hat der afroamerikanische Regisseur und Drehbuchautor sich ein Buch seines Lieblingsautors James Baldwin vorgenommen und erzählt von einer schwarzen Familie im Harlem der 1970er und von Alltagsrassismus, vor allem aber von der ganz, ganz großen Liebe. Protagonisten sind die 19-jährige Tish und der etwas ältere Fonny, Kindheitsfreunde, aus denen irgendwann mehr wurde. Dass sie schwanger ist, muss Tish Fonny jedoch über das Gefängnisbesuchertelefon durch eine Glasscheibe verkünden. Weshalb er einsitzt, offenbart sich erst später, es liegt aber früh nahe, dass er unschuldig ist und wegen seiner Hautfarbe verhaftet wurde. Neben diesem Handlungsstrang wird in Rückblenden behutsam geschildert, wie das Leben der beiden Liebenden vorher ausgesehen hat. Für das Hauptdarstellerduo KiKi Layne und Stephan James dürfte »Beale Street« den Durchbruch bedeuten. Beide geben trotz der etwas artifiziell anmutenden Romandialoge und der distanzierten, verschachtelten Erzählweise eines der schönsten, bedingungslos romantischen Leinwandpaare der letzten Jahrzehnte ab. Ausführliche Kritik von Peter Hoch im aktuellen kreuzer.

»Beale Street«: ab 7.3., Passage Kinos

Stevie steckt mitten in der Pubertät und hat unter seinem gerade 18 Jahre alt gewordenen älteren Bruder zu leiden, der ihn regelmäßig verprügelt. Die allein erziehende Mutter bekommt davon nicht allzu viel mit. Genauso wenig wie von der neuen Clique Stevies, mit der er mittlerweile täglich abhängt. Es sind die Skaterboys von Los Angeles, und von ihnen ist Stevie nicht nur der kleinste, sondern auch der jüngste. Trotzdem dauert es nicht lange, bis er sich den Respekt des coolen Anführers Ray verdient hat. Nun macht der pubertierende Junge erste Erfahrungen mit Zigaretten, Drogen und Mädchen, was schließlich natürlich auch seiner besorgten Mutter nicht mehr entgehen kann. »mid90s« ist von Regiedebütant Jonah Hill (»The Wolf of Wall Street«) so dermaßen leicht und locker inszeniert, dass sich so mancher etablierte Filmemacher davon eine Scheibe abschneiden könnte. Das frische und unverbrauchte Spiel der größtenteils noch unbekannten Darsteller trägt ebenso zum gelungenen Flow des Films bei. Ausführliche Kritik von Frank Brenner im aktuellen kreuzer.

»mid90s«: 7.3., Passage Kinos (OmU), CineStar, Cineplex, 9.3., Passage Kinos

Ruth Bader Ginsburg ist eine von neun Jurastudentinnen unter 500 männlichen Kommilitonen. Es sind die Fünfziger Jahre, Frauen bleiben für gewöhnlich zuhause und bekochen ihren Ehemann. Ruths Mann unterstützt sie dagegen, wo er kann. Er übergibt ihr, die trotz herausragender Noten keine Job als Anwältin bekommt, den entscheidenden Fall: Ein Mann, der seine Mutter pflegt, muss mehr Steuern zahlen. Geschlechterdiskriminierung andersrum! An diesem einen Fall zeigt Regisseurin Mimi Leder RBGs Kampf für die Gleichberechtigung auf: Die Gegenwehr der Konservativen, die Diskussionen mit ihrer Tochter, die gedanklichen Mauern in einer Männerwelt. Leider bleibt Leders Film dabei selbst sehr konservativ und bieder, ein Drama mit einer überhöhten Heldin ohne Ecken und Kanten, die RBG aber ganz sicher hat. Wer die feministische Ikone besser kennen lernen will, sollte sich daher den auch erst kürzlich erschienenen Dokumentarfilm »RBG« anschauen. Ausführliche Kritik von Juliane Streich im aktuellen kreuzer.

»Die Berufung«: ab 7.3., Passage Kinos

Immer mehr Institute und Firmen weltweit arbeiten daran, humanoide Roboter zu konzipieren und zu perfektionieren. Mögliche Anwendungsbereiche gibt es viele. Die Dokumentarfilmerin Isabella Willinger zeigt in »Hi, AI« einige davon sowie deren anorganische Protagonisten. Im Fokus stehen vor allem »Pepper«, der einer japanischen Seniorin mit nicht immer treffsicheren Schlagworten die Zeit vertreibt, und die sprechende Liebespuppe »Harmony«, die mit dem einsamen Chuck auf Wohnwagenreise durch die USA geht. Das, was inzwischen in der Roboterwelt möglich – und manchmal auch noch unmöglich – ist, ist bisweilen inspirierend, öfters zum Schmunzeln und gelegentlich auch etwas gruselig. Zwischendurch befeuern eingestreute Podcast-Schnipsel von Philosoph und Moderator Sam Harris und einer Robotik-Expertin die innere Auseinandersetzung des Zuschauers mit dem komplexen, spannenden Thema, dessen weitere Entwicklungen den Alltag künftiger Generationen nachhaltig prägen werden. Ausführliche Kritik von Peter Hoch im aktuellen kreuzer.

»Hi, AI«: ab 7.3., Schaubühne Lindenfels, ab 10.3. Cinémathèque in der Nato

Die Geschichte von Richard Wershe Jr. ist wie gemacht fürs Kino. Kein Wunder, dass das Drehbuch lange Zeit auf der sogenannten »Blacklist« der besten unverfilmten Stoffe stand. Regisseur Yann Demange (»’71: Hinter feindlichen Linien«) hat daraus einen recht konventionellen Gangsterfilm gemacht, der vor allem durch seine Schauspieler heraussticht. Richard (Richie Merritt) ist 14 als ihn das Drogen-Dezernat als Undercover-Spitzel anwirbt. Sein Freundeskreis auf den Straßen von Detroit öffnet ihm schnell die erforderlichen Türen. Als er das große Geld schnuppert, steigt er mit Hilfe seines Vaters (Matthew McConaughey) selbst in das heikle Geschäft ein. Das ambivalente Verhältnis zu seinem Vater, einem leidlich erfolgreichen Waffenhändler, ist dann auch das eigentlich interessante Element dieser ungewöhnlichen Karriere, die in der filmischen Umsetzung einige schwer nachvollziehbare Leerstellen lässt.

»White Boy Rick«: ab 7.3., Cineplex

Weitere Filmtermine der Woche:

Vom Lokführer, der die Liebe suchte …
Zugführer Nurlan, unterwegs mit seinem Zug durch die Vorstädte der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku, gerät in Liebesnöte. Ohne Dialoge inszeniertes Märchen von Veit Helmer, in Anwesenheit des Regisseurs.
7.3., 20 Uhr, Passage Kinos

Man for a day
Die weltweiten Auftritte und Workshops der Gender-Aktivistin Diane Torr sind legendär. Das große Thema der Performance-Künstlerin: das Experimentieren mit Aspekten geschlechtlicher Identität. Katarina Peters beobachtete den Verlauf eines Berliner Workshops, in dem eine Gruppe Frauen sich mit den Geheimnissen des Mannseins vertraut macht. – im Doublefeature mit »Born in Flames« – Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit: A never-ending Story?, um Internationalen Frauentag – anschl. offenes Gespräch mit Angelika Waniek und Elena Strempek
8.3., 19 Uhr, Schaubühne Lindenfels

Born in Flames
»Born in Flames« spielt in der Zukunft – zehn Jahre nach einer sozialistischen Revolution in Amerika. Auch in diesem alternativen Amerika hat sich für Frauen nichts geändert; Unterdrückung, Alltagsdiskriminierung, sexuelle Übergriffe, Doppelbelastung – den Frauen reicht es. Sie verbünden sich und nehmen den Kampf auf. – im Double-Feature mit »Man for a day« – Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit: A never-ending Story?, um Internationalen Frauentag – anschl. offenes Gespräch mit Angelika Waniek und Elena Strempek
8.3., 21.30 Uhr, Schaubühne Lindenfels

Reiß aus
Zwei Menschen, zwei Jahre unterwegs durch Afrika. – Am 8.3. in Anwesenheit der Protagonisten Lena Wendt und Ulrich Stirnat
8.3., 20 Uhr, Passage Kinos

Helmut Berger, meine Mutter und ich
Dokumentarfilm und Selbstversuch einer Filmemacherin, die sich auf die Suche nach dem einstigen Star der Visconti-Filme »Die Verdammten« und »Gewalt und Leidenschaft« macht.
9.3., 16.45 Uhr, 10.3., 17 Uhr, Schaubühne Lindenfels

From Saturday to Sunday
In der Reihe »Tschechische Meister« zeigt die Schaubühne in Kooperation mit dem Nationalen Filmarchiv Prag Literaturverfilmungen aus der Frühzeit des Kinos. Heute gibts ein Psychodrama um eine schüchterne Stenotypistin – »ein früher Triumph der Tonfilmära«. – Tschechische Meister. Literaturverfilmungen 1929-1967
10.3., 19 Uhr, Schaubühne Lindenfels (OmU)

Die Maske
Nach einer Gesichtstransplantation hat Jacek mit schwerwiegenden Identifikationsproblemen zu kämpfen. – Freaky Monday
11.3., 21 Uhr, Passage Kinos

Eolomea
Innerhalb von drei Tagen verschwinden acht Transportraumschiffe. Die Weltraumbehörde ist ratlos. Archaische Raumtechnik, sehr schicke siebziger-Jahre-gestylte Akteure, Musik von Günther Fischer. Der einzige SF-Stoff, den Herrmann Zschoche versucht hat. – KosmOST: Science-Fiction-Filme aus Osteuropa 1959-1989
12.3., 19 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei

So ist das Leben / Erwerbslose kochen für Erwerbslose
Ein Doppel beim Ballet Mécanique: Carl Junghans‘ »So ist das Leben« zeigt Prag, gegen Ende der zwanziger Jahre. Das Lebensumfeld ist das der kleinen Leute, für die jeder Tag ein Kampf ums Überleben bedeutet. Nur mit größter Mühe kann es die zentrale Figur der Geschichte, eine gramgebeugte Wäscherin, schaffen, ihre Familie durchzubringen. Der dokumenatrische Kurzfilm »Erwerbslose kochen für Erwerbslose« entstand 1932 im Auftrag des Vereins der Frankfurter Erwerbslosenküchen, dem mit Zuspitzung der Wirtschaftskrise die Mittel ausgegangen waren, um Tausende Erwerbslose mit einer warmen Mahlzeit zu versorgen. – Ballet Mécanique Vol. 6 (#29)
13.3., 20 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei

The Florida Project
(Über-)Leben in einem sozialen Wohnkomplex am Rande der Traumfabrik. Konsequent aus der Kinderperspektive erzähltes Drama mit viel Menschlichkeit und hinreißenden Hauptdarstellern.
13.3., 21 Uhr, Ost-Passage Theater

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