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Kino macht Schule

Die Kinostarts der Woche im Überblick

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… und was sonst so Filmisches in der Stadt passiert.

Die Schulkinowochen bringen Film und Diskurs in den Klassenraum und zudem wird das Klassenzimmer für zehn Tage der Kinosaal. Diskutiert wird etwa Lars Kraumes »Das schweigende Klassenzimmer« und der preisgekrönte Dokfilm »Wildes Herz«, es gibt Fatih Akins »Tschick« und »The Florida Project« noch einmal auf der großen Leinwand zu erleben. Alle Filme und die beteiligten Kinos unter www.schulkinowoche.de

»Schulkinowochen«: 25.3.–5.4., u.a. Kinobar Prager Frühling, Cinémathèque in der Nato

Film der Woche

»Wir haben seinen Kopf runtergedrückt und abgetrennt wie du es mit dem Mann gemacht hast, Papa.« Der kleine Junge spricht diese Worte in einem Ton, in dem Söhne zu ihren Vätern sprechen, wenn sie beim Fußballspielen ein Traumtor geschossen haben. Aus seiner Stimme lässt sich Stolz auf das Geleistete heraushören, verbunden mit der Hoffnung, für die Tat Anerkennung zu erhalten von demjenigen, dem er nacheifert – seinem Vater.

Sein Vater, das ist Abu Osama, al-Nusra Rebellenführer und islamischer Gotteskrieger. Der kleine Junge, sein Sohn Osama, hat keinen Menschen getötet, sondern einen Vogel. Dessen Schicksal wurde dadurch besiegelt, dass er sich in das Haus der Familie verirrte und einem der anderen elf Kinder in die Hand pickte. Familienpatriarch Abu Osama investiert viel Kraft in die Hoffnung, dass es später wirklich einmal ein menschlicher Kopf sein möge, den seine Söhne da vom Körper abtrennen. Man könnte auch sagen: Den Jungen, acht an der Zahl, wird vom ersten Atemzug ihres Lebens an der radikale Salafismus vorgelebt und gepredigt.

Als Zuschauer betrachtet man das Geschehen aus der Sicht von Talal Derki, einem syrischen Filmemacher, der seit einigen Jahren in Berlin wohnt und sich unter strengster Geheimhaltung seiner wahren Identität in der salafistischen Großfamilie bewegt. Vorgebend ein Kriegsreporter und Sympathisant dieses religiösen Fanatismus zu sein, erlangte der 41-jährige Filmemacher schnell das Vertrauen des Familienoberhauptes – dies ermöglichte intimste Aufnahmen von dessen Umgang mit seinen Söhnen, die – so Gott es will – einmal als Gotteskrieger in den Dschihad ziehen werden.

Schauplatz seines Films, der in diesem Jahr für den Oscar als bester Dokumentarfilm nominiert war, ist die Gegend um das nordwestsyrische Idlib. Vater Abu Osama schickt seine Kinder nicht auf eine normale Schule, sondern auf eine Koranschule, später auch in ein militärisches Camp, aus dem diese sich nur noch heraus sehnen. Ihn selbst erlebt man immer wieder beim Entschärfen von Minen in der hart umkämpften Umgebung. Diese Tätigkeit führt für ihn zuerst zum Verlust eines Beines, später zu dem seines Lebens. Zwei seiner Söhne indes, der bereits erwähnte Osama und dessen ein Jahr jüngerer Bruder Ayman, scheinen trotz gleicher Erziehung unterschiedliche Wege zu gehen.

Der Film wartet mit allerlei Szenen auf, die verstörend wirken. Vor allem aber dokumentiert er Kontraste, die für ein Drehbuch möglicherweise zu klischeehaft wären – bei »Of Fathers and Sons« aber natürlicherweise dazugehören. So sieht der Vater zum Beispiel eine göttliche Segnung darin, dass einer seiner Jungen am 11. September geboren wurde, hat aber auch Whatsapp samt des nervtötenden Vogelgezwitscher-Klingeltones auf seinem Handy.

ALEXANDER KULLICK

»Of Fathers and Sons«: ab 21.3., Luru Kino in der Spinnerei

Eine filmische Aufarbeitung des Nationalsozialistischen Untergrunds ist schwierig. Die Morde des Trios Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe liegen noch nicht lange zurück und sind medial ausgiebig behandelt worden. Die Bilder, Taten und Worte sind noch frisch im kollektiven Gedächtnis. Anstatt dem Thema mit einem halbherzigen Fernsehfilm zu begegnen, drehte Jan Bonny mit »Wintermärchen« einen unbarmherzigen, schmerzhaften Film. Dabei orientiert er sich nur lose an den Morden des NSU. Im Mittelpunkt seines Films steht das junge Paar Becky und Tommi. Ihre toxische Beziehung wird beherrscht von Langeweile, sexuellem Frust und Abhängigkeit. Sie pöbeln gegen Ausländer, ballern ihre Feuerwaffen in eine Waldlichtung, aber ihnen fehlt der Mut, einen »Kanaken« zu erschießen. »Es muss mal wieder richtig knallen« – Die Worte, die Becky Tommi ins Gesicht schreit, führen zu Taten, als plötzlich Maik in der Küche steht. Tommis Kumpel fehlen die Skrupel, die das Duo zurückhält. So wird aus dem Paar ein explosiver Dreier, der eine blutige Spur hinter sich her zieht.
Der Kölner Regisseur Jan Bonny, dessen erster Spielfilm »Gegenüber« in Cannes gefeiert wurde, zeigt die toxische Mischung aus Sex und Gewalt. Er seziert den Terror von innen. Er zieht sich dabei nicht auf den sicheren Standpunkt zurück, sondern zeigt schmerzhaft, roh und kompromisslos, wozu Menschen fähig sind. »Den NSU haben wir nicht im Griff«, sagt Bonny. »Das gefällte Urteil im NSU Prozess löst nicht die gegenwärtigen Probleme.« Für seine drei Figuren ist das Töten die einzige Versicherung eines eigenen Werts. Die Opfer sind ihnen egal, ihre Herkunft nur billiger Vorwand. Die Figuren agieren nicht für etwas, nur gegen etwas. Das »Wintermärchen« ist eine Zumutung für den Zuschauer. Ein Blick in den Abgrund, den wir uns immer versuchen zu ersparen. Der Film versetzt uns auf Augenhöhe mit den Figuren, wo man sich lieber Distanz und Überlegenheit wünschen würde. Das ist unbequem und von hoher Dringlichkeit.

»Wintermärchen«: ab 21.3., Schaubühne Lindenfels

In Tilman Singers Abschlussarbeit für die KHM Köln werden die Grenzen zwischen Realität, Erinnerung und Wahn bis zur Unkenntlichkeit verwischt. Alles beginnt am Tresen einer schäbigen Bar. Der Psychologe Dr. Rossini wird von einer Frau, die sich Nora nennt, angesprochen und mit Cocktails und Drogen abgefüllt. Dabei erzählt ihm die Fremde eine wirre Geschichte: Damals in der Klosterschule soll ihre Freundin Luz sich mit dunklen Mächten eingelassen und den Tod einer schwangeren Mitschülerin verursacht haben. Einen Blackout später lernt Rossini die leibhaftige Luz kennen – auf dem Polizeirevier, wo die junge Taxifahrerin nach einem Unfall verhört werden soll. Mittels Hypnose versucht der Psychologe, die Ereignisse zu rekonstruieren. Was genau bei dem Unfall passiert ist, wer Luz und Nora wirklich sind und wer hier eigentlich von wem oder was besessen ist, bleibt bis zum Ende des halluzinatorischen Kammerspiels rätselhaft. Das muss man aushalten, ebenso wie den Umstand, dass es im Grunde keinen Plot gibt. In den wenigen, in kaltes Neonlicht getauchten Räumen braut sich stattdessen ein Grauen zusammen, das nicht greifbar wird und gerade deshalb sehr verstörend wirkt. Ausführliche Kritik von Karin Jirsak im aktuellen kreuzer.

»Luz«: 22.3., Luru Kino in der Spinnerei, 28.–30.3., Cineding

»Cyrano de Bergerac« ist ein französisches Nationalheiligtum. Fast fünfzig Mal verfilmt und hundertfach auf den Bühnen des Landes aufgeführt, zählt er zu den beliebtesten Figuren der Theatergeschichte. Im Kino schlüpfte zuletzt 1990 Gerard Depardieu in die Rolle des wortgewandten Fechters, vielfach wurde die Geschichte des verhinderten Liebhabers zitiert, sei es im amerikanischen Rom-Com-Kino (»Roxanne«) oder wie letztes Jahr in dem deutschen Teeniefilm „Das schönste Mädchen der Welt“. Aber wer steckt hinter der Geschichte des begnadeten Poeten, der aufgrund von Scham vor seinem überproportionierten Riechkolben einen tumben Schönling vorschickt, um seiner Angebeteten den Hof zu bereiten? Es ist der aus einfachen Verhältnissen stammende Bühnenautor Edmond Rostand, dessen Geschichte der französische Regisseur Alexis Michalik hier in seinem Filmdebüt erzählt. Dabei reichert er die biografischen Fakten selbst mit Motiven der Geschichte an. Der unsichere Edmond (Thomas Solivérès, zuletzt als Spirou zu sehen) hat einige vielversprechende Bühnenstücke geschrieben, der große Durchbruch blieb ihm jedoch bislang verwehrt. Da erhält er den Auftrag, für den gefragten Theaterdarsteller Constan Coquelin (herrlich eitel verkörpert von Olivier Gourmet) ein Stück zu schreiben. Die Aufregung versetzt nicht nur seine schwache Pumpe in lebensbedrohliche Schlagzahl, sondern setzt auch kreative Geistesblitze frei, die befeuert werden, als er für seinen Freund, den Schönling Léo (Tom Leeb), die unnahbare Jeanne (Lucie Boujenah) mit Worten umgarnen soll – und sich natürlich selbst verliebt. Michalik macht daraus ein turbulentes Boulevardstück, märchenhaft und charmant, das kaum zur Ruhe kommt, dabei jedoch glänzend unterhält.

»Vorhang auf für Cyrano«: ab 21.3., Passage Kinos

Weitere Filmtermine der Woche

Eldorado 


Markus Imhoof reist an die Brennpunkte der Flüchtlingskrise, filmt die dramatischen Zustände auf einem Rettungsschiff und trifft illegale Arbeiter auf italienischen Plantagen. – zum Welttag gegen Rassismus / Tag für die Menschenrechte


21.3., 16 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Krakatit 
Ein Physiker durchstreift mit hohem Fieber die Straßen und redet von dem höchst gefährlichen Sprengstoff »Krakatit«, den er entwickelt hat und der die ganze Welt zerstören könnte. – Tschechische Meister. Literaturverfilmungen 1929-1967
21.3., 21.15 Uhr, Schaubühne Lindenfels (OmU)

Surf Film Nacht 


Diesmal mit: »Priboi – Surfing Russia«. Von den mächtigen Pazifik-Brechern Kamtschatkas über die warmen Wogen der Schwarzmeerküste und des Kaspischen Meeres bis zum extremen Kaltwasser-Surfen im Arktischen Ozean.
22.3., 21 Uhr, Kinobar Prager Frühling (OmeU)

Iron Sky 1 & Iron Sky 2 


Vor sieben Jahren sorgte der Finne Timo Vuorensola für Aufsehen, als er Zombie-Nazis auf den Mond schickte und damit einen crowdfinanzierten Kinohit landete. Jetzt gibt es Nachschub und Teil eins und zwei heute Abend im Doppelpack. – Preview Teil 2


23.3., 18 Uhr, Schauburg

Musik an – Diskriminierung aus!
Kurzfilme, Musik, Austausch im Rahmen der Wochen gegen Rassismus
23.3., 18 Uhr, KOMM-Haus

Der brave Soldat Schwejk 


Erster Teil der bekanntesten Verfilmung nach der Satire von Jaroslav Hasek, in der Soldat Schwejk mit Naivität und Bauernschläue, Obrigkeit und Ersten Weltkrieg übersteht. – Tschechische Meister. Literaturverfilmungen 1929-1967
24.3., 19 Uhr, Schaubühne Lindenfels (OmU)

Die Olympiasiegerin 


Literaturwissenschaftler und Achternbusch-Experte Manfred Loimeier wird uns den 2018 erschienenen Essay-Sammelband »Sommernachtsträume« vorstellen, der u.a. Texte von W.G. Sebald oder Thomas Elsaesser zu Romanen, Theaterstücken und Filmen Achternbuschs enthält. Da Loimeier vor allem auch das Autobiographische im Œuvre anhand seines eigenen Textbeitrages thematisieren wird, gibt es passend dazu vorab und im Anschluss Werke, die verfremdend und mitunter satirisch von Achternbuschs Familiengeschichte handeln: das Hörspiel »Weg« (1986) und der Film »Die Olympiasiegerin« (1983). Auf der Suche nach seinen Wurzeln sucht sich Herbert Achternbusch selbst eine Familie aus. Und so hat er einen aufrührerischen Trunkenbold namens Adi zum Vater und die vom Bauernhof stammende zukünftige Olympiasiegerin Ilona zur Mutter. Hörspiel und Buchvorstellung sind kostenlos. – Achternbusch-Werkschau

24.3., 18 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei

Russisches Kino 


Russisches Kino im Original ohne Untertitel – diesmal mit der Komödie »Trezviy voditel – Sober Driver«, in der der Provinzler Artyom als Chauffeur in die Welt der Reichen und Schönen in Moskau eintaucht. 

24.3., 17:30 Uhr, Cineplex, 17 Uhr, Cinestar

Hard Paint – Tinta Bruta 
Pedro lebt zurückgezogen. Nur im Online-Chatroom öffnet er sich und lässt seinen Obsessionen freien Lauf. – Queerblick
27.3., 19.30 Uhr, Passage Kinos (OmU)

Horror-Doppel mit Donis: Tierhorror
Horropapst Donis macht einen Ausflug ins beliebte Fach des Creature-Horror mit dem trashigen »Frogs« von 1972 und »The Nest« von 1988.


27.3., 20 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei

Portavoce
Seit das Land den Ratsvorsitz in der EU übernommen hat, brennt die politische Protestkultur in Rumänien stärker als zuvor. Der Leipziger Marcel Schreiter blickt gemeinsam mit Ruxandra Gubernat und Henry Rammelt auf die Entwicklung eines aufflammenden Aktivismus. – anschl. Diskussion mit den Regisseuren

28.3., 18 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Filmriss Filmquiz
Ihr wisst, welche Farbe Marty McFlys Jacke hat? Wer zuerst schoss, Han Solo oder Greedo? Wie die ersten Worte von »Apocalypse Now« oder die letzten von »2001« lauten? Dann seid ihr hier genau richtig. Die beliebte Leipziger Rateshow mit André Thaetz und Lars Tunçay rund um alles, was flimmert, an jedem vierten Donnerstag im StuK.
28.3., 20.30 Uhr, StuK Leipziger Studentenkeller

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