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»Ein gewisser Luxus«

Die Leipziger Fotografin Karla Voigt über ihre historische Fotodokumentation zwischen Ostvorstadt und Grünau

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Eine eigene Toilette und Anschluss an das Fernheizungsnetz blieben für viele DDR-Bürger ein Traum. Zu denen, die mehr Glück hatten, gehörten die Bewohner eines abbruchreifen Hauses aus der Ostvorstadt – sie zählten 1981 zu den ersten, die in die heißbegehrte Neubausiedlung Grünau ziehen durften. Fotografin Karla Voigt begleitete sie damals über zwei Jahre zwischen altem und neuem Alltag. Im kreuzer-Interview spricht sie über ihre Arbeit, die Gefühle der porträtierten Menschen und das heutige Grünau.

kreuzer: Wie kam es dazu, dass Sie gerade diese Hausgemeinschaft aus der Kuchengartenstraße porträtiert haben? Es gab ja sicher viele Familien, die sich in einer ähnlichen Situation befanden.
Karla Voigt: Es gab sehr viele Leute, die in solchen unwürdigen Wohnhäusern lebten und die darüber auch nicht sehr glücklich waren. Das galt auch für diese beiden Jungfamilien. Zu diesem ganzen Problem bin ich gekommen, weil ich ein Fernstudium an der HGB gemacht habe und eine ganze Zeit beim Rat der Stadt im Stadtarchiv gearbeitet habe. Ich hab dort viel Stadtdokumentation fotografiert, so dass ich auch schon die Grundsteinlegung in Grünau 1976 begleiten konnte. Ich suchte dann Kontakt zum Büro des Chefarchitekten Professor Siegel. Er war mir behilflich darin, mich an verantwortliche Institutionen zu vermitteln, die zusammen mit der Wohnungswirtschaft die entsprechenden Familien kannten, deren Häuser abgerissen werden sollten. Für die war dann eine Neubauwohnung in Grünau vorgesehen. Insgesamt war es schon schwierig, eine solche zu bekommen, das war schon ein gewisser Luxus. Wenn man sieht, wie schlimm die Wohnungen hier aussahen und es dann mit Grünau vergleicht – Fernheizung, eigene Toilette in der Wohnung, eine Dusche.

kreuzer: Hatten Sie eine bestimmte Strategie, um das Vertrauen der Hausgemeinschaft zu erlangen?
Voigt: Nein, ich hab einfach nur gefragt, ob sie bereit wären, sich fotografieren zu lassen. Ich sagte, dass ich eine Diplomarbeit mache und dass ich diese ganze Sache auch in Grünau fortführen möchte. Einige der mir vermittelten Familien wollten, andere nicht. Hier funktionierte es, dass das ganze Haus einverstanden war: diese drei Familien, die harmonisch miteinander zusammengelebt haben. Ich habe mich dann da ziemlich eingenistet (lacht) und bin sehr häufig bei denen gewesen. Wir haben auch ein sehr freundschaftliches Verhältnis entwickelt, was sehr günstig war. Sie wussten dann, dass sie aufgrund meiner Arbeit auch in Grünau in ein Haus ziehen würden. Der Erhalt der Hausgemeinschaft war ihnen sehr wichtig.

kreuzer: Welche Gefühle herrschten bei den Familien vor, als es auf den Auszug zuging? War auch eine gewisse Traurigkeit dabei, weil man gewohnte Verhältnisse aufgeben musste?
Voigt: Nee, also Traurigkeit gar nicht. Die haben sich richtig danach gesehnt, eine komfortable Wohnung zu haben und waren richtig glücklich, dass das geklappt hat. Sie waren alle sehr froh, wobei die Bilder ja zeigen, dass das bauliche Umfeld noch sehr chaotisch war. Es war für die Kinder ein Abenteuerspielplatz, und die Mütter hatten schon manchmal Bedenken, ob die Kinder heil in der Schule ankommen. Sie waren glücklich und auch gewillt, viele Dinge zu tun, damit ihr Wohnumfeld in diesem Baugebiet angenehm wurde, zum Beispiel durch viel Eigenleistung und Subbotnik.

kreuzer: Der Ruf von Grünau hat nach der Wende gelitten. Wie ist das für Sie, diese Leute erst in den Aufbruch ins Neue, in die Verheißung, zu begleiten, und dann den heutigen Ruf von Grünau mitzubekommen?
Voigt: Viele Leute sind weggegangen oder haben andere Wohnungen bekommen. Diese Schwierigkeiten der Wohnungszuteilung über das Wohnungsamt waren dann nicht mehr so stark, es gab viele Eigentümerwechsel, die Gebäudewirtschaft hat vieles auch abgegeben. Man kam dann zum großen Teil wieder einfacher an Wohnungen, in die man gern ziehen wollte. Aber natürlich waren dann auch schon die Mieten höher. In der DDR war alles noch sehr preiswert.

kreuzer: Macht Sie das manchmal traurig, wenn heute abschätzig über Grünau gesprochen wird?
Voigt: Das kann ich eigentlich so nicht bestätigen. Ein Beispiel: Eine Studentin von mir, die 2011 an der Hochschule Giebichenstein ihr Diplom gemacht hat, hat vor einigen Jahren auch wieder Familien aufgesucht und fand die Idylle im Neubaugebiet. Antje Stumpe hat daraus ihr Buch »Paradise lost? Auf der Suche nach dem Paradies im Neubaugebiet« gemacht. Und es gibt so viele Leute, die Erstmieter waren und die jetzt noch da sind, die sagen: »Ich würde hier nie ausziehen«. Die haben sich das so hübsch gemacht. Vieles, wenn auch nicht alles, funktioniert da noch. Aber so eine Hausgemeinschaft wie diese wird man sicherlich nicht mehr finden.

»Aus der Kuchengartenstraße nach Grünau. Eine fotografische Dokumentation von Karla Voigt«: bis 10.6., Stadtgeschichtliches Museum

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