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»Tschuldigung, wir SIND ganze Wesen!«

Interview mit der Autorin Gunda Windmüller

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Im März erscheinen gleich zwei Bücher zum Thema »Singlism« – oder im Neusprech auch »Single-Shaming«. Hinter diesen Begriffen verbirgt sich die Annahme, dass insbesondere alleinstehende Frauen unter der Zuschreibung alter Rollenbilder, etwa dem der »alten Jungfer«, für ihre fehlende Paarbindung öffentlich gescholten werden. Der kreuzer sprach mit der Autorin Gunda Windmüller über die Ursprünge dieser gesellschaftlichen Haltung, Datingplattformen und die Macht der Sprache.

kreuzer: Ein Buch über Singles, das scheint ja nichts Ungewöhnliches zu sein – warum sollten wir Ihres aber unbedingt lesen?

GUNDA WINDMÜLLER: Weil es in den Singlebüchern, die ich kenne, eben meistens darum geht, wie man ihn doch noch kriegt. Selbst wenn sie mit viel Self-Empowerment um die Ecke kommen, heißt es dann meistens: »Wenn du dich selbst genug liebst, dann wird es passieren«, »Du musst dich nur locker machen, dann bist du bereit.« Es ist eigentlich immer eine versteckte Betriebsanleitung vorhanden. Die gibt es bei mir nicht. Bei mir kommt kein Märchenprinz vor. Weil er nicht vorkommen muss.

Silvia Follmann: A single woman

kreuzer: Nun erscheinen im März gleich zwei Bücher zu diesem Thema. Ihres und das von Silvia Follmann bei Goldmann. Was ist passiert, dass Singlism gerade jetzt so ein Thema ist?

WINDMÜLLER: Ich freue mich sehr, dass Singlism jetzt so Thema wird. Es ist längst überfällig, denn wir reden ja nun schon seit einiger Zeit über offene und versteckte Benachteiligung von Frauen und Singlism ist in dem Zusammenhang eine Art Brennglas, welches viele dieser Benachteiligungen deutlich machen kann. Denn es geht dabei nicht »nur« um Dating oder Liebe, sondern auch um Ego, Mutterschaft, Selbstzweifel und Care Arbeit.

kreuzer: Welchen Ansatz haben Sie bei der Bearbeitung dieses Themas verfolgt?

WINDMÜLLER: Dinge sind nicht da, weil sie vom Himmel gefallen sind, sondern weil sie gemacht wurden. Die romantische Liebe, so wie wir sie heute verstehen, ist ein relativ junges Gebilde. Ich habe mir also angeschaut, wie sie entstanden ist, wie sie bebildert wurde, in der Literatur beschrieben und auch in Gesetzestexte gegossen. Wie sie wurde, was sie ist. Mit soziologischer und kulturwissenschaftlicher Schützenhilfe.

Gunda Windmüller: Weiblich, ledig, glücklich – sucht nicht

kreuzer: Im Buch arbeiten Sie sich viel an Bridget Jones und Sex and the City ab – ist das noch zeitgemäß?

WINDMÜLLER: Aber ja. Sowohl Bridget Jones als auch Sex and the City haben eine Blaupause dafür abgegeben, wie wir Singlefrauen sehen. Das ist nach wie vor total wirkmächtig und fest verankert in der Popkultur. Der letzte Bridget Jones-Film erschien vor drei Jahren, über einen dritten Film von Sex and the City wurde zumindest noch letztes Jahr gesprochen. Sex and the City, die Serie, gucke ich immer noch, und finde sie im Übrigen auch sehr famos.

kreuzer: Ist »Single Shaming« tatsächlich ein Genderproblem, denn trifft es nicht auch Frauen und Männer zugleich? Ist es vielleicht eher ein Generationenproblem?

WINDMÜLLER: Ja, es ist ein Genderproblem. Auch wenn ich nie absprechen würde, dass es auch Männer betrifft und Männer sicherlich auch darunter leiden. Aber im Single Shaming zeigt sich eben ein sehr bemerkenswertes Beispiel für die immer noch sehr unterschiedlichen Rollenerwartungen an Frauen und Männern. Für die fehlende Gleichberechtigung. Es betrifft Frauen deutlich mehr. Ein Generationenproblem ist es vielleicht nur insofern, als dass ich den Eindruck habe, dass es für jüngere Frauen sogar schlimmer wird.

kreuzer: Für das Buch waren Sie auch in Deutschland unterwegs, um Interviews zu führen. Mit welchen Menschen haben Sie sich getroffen?

WINDMÜLLER: So viel unterwegs war ich gar nicht. Wenn ich mal jemanden in einer anderen Stadt getroffen habe, war das eher ein glücklicher Zufall. Die meisten Interviews habe ich per Skype geführt. Abgesehen von den Autorinnen und Wissenschaftlerinnen, mit denen ich gesprochen habe, habe ich 14 Singlefrauen interviewt.

kreuzer: Ihr Buch trägt den Untertitel »Eine Streitschrift«. Was verstehen Sie darunter und womit füllt Ihr Buch diesen Untertitel?

WINDMÜLLER: Der Begriff wird ja oftmals etwas unscharf verwendet – aber eine Streitschrift ist mein Buch insofern, als dass es sehr engagiert argumentiert und ein Tabu angeht. Die stillschweigende Abmachung, dass romantische Liebe und eine exklusive, heterosexuelle Partnerschaft für Frauen das Nonplusultra ausmacht, sie zu ganzen Wesen macht. Ich sage: Tschuldigung, wir SIND ganze Wesen!

kreuzer: Im Buch schreiben Sie auch über den Liebesmarkt. Wie ist Ihr Verhältnis zu Datingplattformen?

WINDMÜLLER: Ich finde Datingplattformen gruselig. Erst gestern Abend hat mir wieder eine Freundin erzählt, dass sie Tinder wieder löschen wird. Zuviel nerviges man-schreibt-sich-tagelang-nett-und-wird-dann-geblockt. Einfach so.

kreuzer: Tindern Sie?

WINDMÜLLER: Ich habe selber mal vor drei Jahren ein bisschen getindert, das aber dann auch schnell wieder sein lassen. Zum einen finde ich diese Selbstverkaufe dabei unangenehm und zum anderen suche ich eben auch wirklich nicht.

kreuzer: In Ihrer Arbeit bei watson.de engagieren Sie sich viel für Aufklärung, Gleichberechtigung und gegen die Sexismen des Alltags. Was ist Ihnen an dieser Arbeit besonders wichtig?

WINDMÜLLER: Mir ist es wichtig, den Alltag zu durchleuchten und Geschichten zu finden, an denen sich Ungleichheit möglichst gut zeigen lässt. Das liebe ich auch so an meiner Arbeit, ich kann immer und überall Beobachtungen dafür machen. Nachts in der Kneipe, beim Roman lesen, in wissenschaftlichen Studien. In meiner Redaktion selbst werde ich dafür sehr unterstützt, Reibungspunkte gab es bislang höchstens über das »wie« und nicht das »ob«. Ich habe schon wirklich viel positives und berührendes Feedback von Leserinnen bekommen. Hass-Kommentare gibt es auch immer mal wieder, aber ich habe ganz gute Coping-Mechanismen.

kreuzer: Zuletzt haben Sie unter großer Medienaufmerksamkeit eine Petition zur Änderung eines Eintrags im Duden gestartet – worum geht es?

WINDMÜLLER: Ich habe eher zufällig festgestellt, dass es im Duden keine Alternative zum Wort Schamlippen gibt. Da habe ich dann sehr spontan beschlossen, das ändern zu wollen. Aus einem ganz einfachen Grund: Es gibt an unseren Körpern nichts, für das wir uns schämen sollten, aber wenn wir so quasi gezwungen werden, das Wort Scham zu verwenden, wenn es um unsere Genitalien geht, dann macht das auch was mit uns und unserer Einstellung zur Sexualität. Weil Sprache Welt schafft. Die Petition, die ich gemeinsam mit Mithu Sanyal auf den Weg gebracht habe, läuft sehr gut, wir haben bislang knapp 36.000 Unterschriften gesammelt – der nächste Schritt wird sein, an Verlage und Redaktionen heranzutreten und sie zu bitten, ab jetzt nicht mehr von Scham- sondern von Vulvalippen zu schreiben.

kreuzer: Welchen Stellenwert hat Ihr Buch im Kontext Ihrer weiteren Arbeiten?

WINDMÜLLER: Das wüsste ich auch gern! Für mich persönlich ist das Buch einfach eine Herzensangelegenheit, weil es so vieles zusammenfasst, über das ich mir schon lange Gedanken mache und auch weiter Gedanken machen möchte: Sexualität ist mir zum Beispiel auch ein ganz wichtiges Thema. Dazu gibt es ja auch ein Kapitel im Buch, aber dazu arbeite und schreibe ich jetzt auch schon weitergehend

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