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Vollgetaggt vor Erstbezug

Sachbeschädigung als Strategie gegen steigende Mieten im Leipziger Süden

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Am kommenden Samstag werden vermutlich hunderte Leipziger unter dem Motto »Gegen Verdrängung und Mietenwahnsinn« ihren Unmut über den aktuellen Wohnungsmarkt auf die Straße tragen. Im Süden der Stadt greifen mutmaßliche Gentrifizierungskritiker in den letzten Tagen zu anderen Mitteln, um ihren Protest auszudrücken.

Rote und schwarze Sprenkler ziehen sich bis zum Balkon im zweiten Stockwerk. Die gesamte Fassade des bis vor kurzem noch strahlenden Neubaus ist mit Farbe und Teer übersät. Es ist nicht das erste Mal, dass der Eckbau in Connewitz zum Ziel eines solchen Angriffs wurde, allein in der letzten Woche gab es drei derartige Farbattacken. In sozialen Medien werden die Aktionen unter dem Hashtag #kiezmiliz sowohl kritisch als auch ironisch kommentiert.

Sachbeschädigung als zweifelhafte Strategie

Ob es sich bei den Sachbeschädigungen tatsächlich um gezielte Gentrifizierungskritik handelt, kann man nur spekulieren. Auch der Erfolg solcher Aktionen scheint zumindest zweifelhaft. Als vor einiger Zeit nur wenige Meter entfernt in der Herderstraße eine Baulücke geschlossen wurde, sprühten Unbekannte großflächig Bitumen über die gesamte Gebäudefront und zerstörten mehrere Scheiben, noch bevor die ersten Bewohner eingezogen waren. Während der Bauphase stand nachts plötzlich ein Bagger in Flammen. Mittlerweile ist das Gebäude längst bewohnt und gehört zum vertrauten Bild im Straßenzug.

Nicht ganz so schnell werden die ersten neuen Bewohner des Eckgebäudes an der Kreuzung Stockartstraße und Bornaische Straße einziehen können. Am letzten Wochenende brach eine Person in das leerstehende Gebäude ein, drehte in allen acht Wohnungen die Wasserhähne auf und zerstörte die Abflussmöglichkeiten. Das Wasser lief mindestens zwei Tage lang und verbreitete sich im gesamten Haus. Schadenshöhe: rund 100.000 Euro. Das Gebäude sollte anscheinend demnächst saniert werden. Einem Geschäft im Erdgeschoss war vor rund einem Jahr gekündigt worden, leerstehende Wohnungen wurden nicht mehr neu vermietet. Auf Twitter wird auch diese Aktion in die Nähe der Kritik an steigenden Mieten gerückt.

»Können bemalte Wände Mieterhöhungen verhindern?«

Den Zusammenhang zwischen Graffiti und Mieterhöhung trug eine Veranstaltung im letzten Dezember bereits im Namen: »Graffiti, Mieterhöhungen, teure Neubauten – Connewitz, wir möchten miteinander reden«, hieß es damals. Eine der Fragen, denen man sich an dem Abend stellen wollte, lautete »Kann ein dreckiges Viertel mit bemalten Wänden teure Luxusbauten und Mieterhöhungen verhindern?«. Die konstante Beliebtheit des Leipziger Süden, die sich auch im Mietspiegel abzeichnet, scheint darauf eine klare Antwort zu geben.

Nicht ganz so eindeutig fällt hingegen die Antwort auf die Frage aus, wer eigentlich in all den hochpreisigen Neubauten wohnen soll, die aktuell im Süden der Stadt entstehen. Der Neubaukomplex »Thalysia-Höfe« am Connewitzer Kreuz bietet zwar 220 neue Wohnungen, von denen mittlerweile mehr als die Hälfte bezugsfertig sind, allerdings zu Kaltmieten weit im zweistelligen Quadratmeterpreis. Zuletzt standen 84 der bisher fertig gestellten 142 Wohnungen leer. Direkt gegenüber des Conne Island wird gerade ein »einzigartiges Neubau-Ensemble auf 5.600 Quadratmeter« gebaut. Eine Zweiraumwohnung ist dort für knapp 300.000 Euro zu haben, die teuerste Wohnung kostet mehr als das Doppelte. Laut Website des Bauträgers ist bisher lediglich eine einzige der 21 Wohneinheiten verkauft. Auch ohne Farbattacke.

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Ein Kommentar

  1. Benjamin | 4. April 2019 | um 08:22 Uhr

    Ich finde die Form des Protests sehr ärgerlich. In der Karl-Heine-Straße ging es sogar so weit, dass die Scheiben eines Architektur-Büros eingeschlagen und mit „gentrifizierungskritischen“ Sprüchen versehen wurde. Auch wenn der Inhalt ein anderer ist, erinnert mich die Art und Weise viel zu sehr an Hakenkreuz- und „Ausländer raus“-Sprühereien vor 20 Jahren. Hier werden eben auch sehr simple Feindbilder produziert.

    Was ist gemeint mit „weit im zweistelligen Quadratmeterpreis“? Auch Leute von der LWB sagen, dass Neubauten nicht unter 10 oder 11 € /qm mehr machbar sind. Das liegt u.a. auch an den immer strikteren Dämm- und Brandschutzvorschriften, die in der Mietpreisdebatte selten zum Thema gemacht werden. Genauso wie die Steigerung der Grundstückspreise. Da gibt es durchaus Stellschrauben in der Politik, die realisierbar sind. Aber stattdessen wird über Enteignung geredet. Es wäre schön, wenn sich Gentrifizierungskritiker auch mal mit realistischen Möglichkeiten zur Änderung der Mietpreise befassen würden. Die gibt es nämlich, eignen sich aber schlecht für Sprüche an Hauswänden.