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Kleine Typologie der Parkbevölkerung

Im Stadtpark tummeln sich doch immer nur dieselben – ein Überblick

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Man kennt diese Art Mensch nur allzu gut. Sympathisch, lächelnd, gut gelaunt, immer in kleinen Gruppen unterwegs – in einem Wort: Freunde. Und genau die eifern jedes Jahr mit dem Heuschnupfen um die Wette, einem zu verklickern, dass wieder Frühling ist. Stichwort: »Lass mal wieder im Park treffen!« Und das nur, weil es mal drei, vier Wochen warm und sonnig ist! Aber gut, man ist ja kein Unmensch, geht man halt hin. Und da sind sie wieder versammelt, all die Typen der Stadtparkbevölkerung in einem riesigen Wimmelbild mit Ton.

Der Jongleur

Dem Jongleur ist nichts zu schwör, sagt ein altes Sprichwort. Drei Bälle, vier Bälle, fünf Bälle – macht er doch mit links! Keulen gehen auch. Wenn er doch nur die Fackeln nicht zu Hause vergessen hätte … Das Sprichwort stimmt aber trotzdem nicht ganz, denn eine Sache ist auch dem Jongleur zu schwör: ein T-Shirt oder Hemd anzuziehen. Er m u s s oberkörperfrei jonglieren, das muss irgendwo in den Internationalen Jonglier-Statuten oder im Jonglier-Knigge oder so stehen. Damit eng verbunden ist auch die relativ geringe Zahl von Jongleu – ja, was eigentlich: Jongleusen? Jongleurinnen?

Der verhinderte Angler

Der verhinderte Angler lehnt die Decke oder gar Wiese als Sitzunterlage ab. Auch die Band ist seine Sache nicht. Denn er hat einen faltbaren Stuhl dabei, auf dem er satt und zufrieden thront. In einer Armlehne steckt ein Bier, in der anderen auch. Der verhinderte Angler sitzt also nie auf dem Trockenen. Traditionell sucht er die Nähe zum Grill und hegt Sympathie für schwarz-rot-gelbe Plaste-Blumenkränze.

Die Sonnenanbeterin

Die Sonnenanbeterin ist schon seit Februar hier, als an diesem einen Nachmittag mal 17 Minuten die Sonne schien. Da hat sie sich sofort ausm Büro geschlichen, ein Buch geschnappt und sich in der Sonne geaalt, ohne Bluse (Hose oder Rock und Schuhe hatte sie aber schon an). Sie ist entsprechend seit März schon so schön braun, wie unsereins es zuletzt als Kind war. Apropos:

Das durchgedrehte Kind

Man kennt diesen Typus eigentlich nur von zu Hause, aus der Wohnung direkt oben drüber, wo das durchgedrehte Kind zu allen Tag- und Nachtzeiten (vor allem zu denen, die manche für Tag- und andere für Nachtzeiten halten) wie angestochen durch die Bude renntspringtbrüllt, was man gerne darauf schiebt, dass das durchgedrehte Kind mal an die frische Luft müsste. Es gehört im Park immer – immer! – zu den Leuten auf der Nachbardecke. Das durchgedrehte Kind jagt gern im Rudel und schießt einem den Ball wieder und wieder ins Picknick, weil es nicht gern auf der freien Wiese spielt, sondern lieber da, wo andere Menschen sind.

Das Kind im Manne

Das Kind im Manne gibts in allen Altersausführungen. Es hofft darauf, dass in der Freundesgruppe jemand Kinder mitbringt, weil dann normalerweise auch ein Ball mit dabei ist. Wenn die Kinder dann anfangen zu spielen, verabschiedet sich das Kind im Manne unauffällig aus der Unterhaltung der Erwachsenen. Die Unterart »Das schüchterne Kind im Manne« überlegt dann zunächst kurz, ob die neuen Schuhe und/oder Hosen die richtige Kleidung sind, vernachlässigt diesen Gedanken aber schnell und zeigt, dass es doch eigentlich noch genauso gut Fußballspielen kann wie frühe – »Oh, Entschuldigung! Ja, das ist unser Ball. Da hat der kleine Linus hier nicht richtig aufgepasst!«

Die Galerie Kubb

War die Galerie Kubb lange Zeit nicht nur an ihren Holzklötzchen, sondern auch an ihrer scheißegalen Kleidung zu erkennen, speist die Wikinger-Schach-Kultur mittlerweile ihre Mitglieder aus allen Mode- und überhaupt Typen. Stöckchen werfen scheint im Menschen einfach irgendwie angelegt zu sein.

Die Geburtstagsrunde

Die Geburtstagsrunde ist ganz leicht daran zu erkennen, dass in ihrer Nähe keine Sonnenanbeterin liegt. Weil die heute nämlich zu Hause geblieben ist, wegen Regens in wenigen Minuten. Die Geburtstagsrunde weiß davon nichts und hat deshalb eine riesige Fuhre Zeug angekarrt, von gefrorenen Bratwürsten bis zu warmer Limo. Und nu hatse den Salat!

Der Storch

Der Storch hat alle Hände voll zu tun. Denn sieben Becher Kaffer oder eine Kiste Bier wollen zwischen all den Decken der anderen hindurch zur eigenen Peergroup gebracht werden, möglichst noch warm oder noch kalt und nicht schon kalt oder schon warm. Klappt nie, sieht aber immer schön staksig aus.

Der Hund

Ein Hund ist ein Hund ist ein Hund. Das ist ja sein Wesen, einfach nur Hund zu sein und sich daran zu erfreuen. Das ganze Leben ein einziges Schwanzwedeln. Ein Besuch im Park am Nachmittag ist dabei für den Hund das reinste Paradies. Überall riechts nach Würstchen; Stöckchen und Bälle fliegen durch die Gegend, und es gibt noch zig andere Hunde, die genauso gut gelaunt sind wie er. Einfach nur wau!

Die zufällige Band

Ganz zufällig hat jemand eine Gitarre dabei und jemand anderes – leider, leider – genauso zufällig eine Cajon. Was soll man da schon groß machen? Natürlich! »Hotel California« singen! Oder »Wonderwall«! Dabei ganz wichtig: immer eine Tonlage zu hoch anfangen, damit man sich später in höchste Höhen vortasten kann, die nur noch die Hunde hören.

Der oder die Suchende

Der oder die Suchende steht eher am Rand des Geschehens, mit zusammengekniffenen Augen. Von allen gesehen, nicht nur den fünf Freunden, die sich die Seele aus dem Leib winken und rufen, nein. Alle auf der Wiese sehen die Winkenden, sehen die suchende Person, sehen, wie sie nach ihrem Telefon greift, hören, wie es bei den Winkenden klingelt, wie sie erklären, wo sie sitzen (»Bei den Bäumen!«), wie die suchende Person, die ganze Zeit schon in die richtige Richtung kuckend, sich daraufhin in die entgegengesetzte Richtung dreht – und nach einigem Hin und Her doch noch zum Storch wird und unter großem Hallo die Zieldecke erreicht. Puh, hoffentlich hat jemand einen Ball dabei!

Dieser Text stammt aus dem Spezial »Draußen und unterwegs« in der April-Ausgabe des kreuzer.

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