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Im Dunst der Erinnerung

Die Kinostarts der Woche im Überblick

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… und was sonst so Filmisches in der Stadt passiert.

Der britische Fotograf Richard Billingham ging in seinem Werk schon immer offensiv mit seiner Herkunft um. Bereits in seinen ersten öffentlich ausgestellten Bildern porträtierte er seine Eltern, den hageren Ray und die übergewichtige Liz, in einem Dunst aus Zigarettenqualm, der die Tapetenfetzen an der Wand und die Vorhänge am Fenster gleichermaßen gelb färbte. Das Kapitel seiner Vergangenheit konnte der heute gefeierte Künstler nie schließen. In seinem Regiedebüt kehrt er nun viele Jahre später zurück in die Wohnung in Birmingham. In drei verschiedenen Zeitebenen rekonstruiert er die Erinnerungen. Dabei nimmt er die Perspektive des Beobachters ein, ein Protagonist seiner Erzählung schält sich aber kaum aus der episodenhaften Handlung heraus. Es sind eher die wiederkehrenden Elemente, die bleiben: Armut, Alkohol, Katharsis und eine völlige Abwesenheit von Liebe. »Ray & Liz« ist ein hässlicher Film und man merkt, dass dem Fotografen das Medium nicht so vertraut ist. Die Einstellungen sind schmerzhaft lang. Die Episoden lose miteinander verknüpft. Und doch brennen sich die Bilder ins Gedächtnis wie die Zigaretten in die fleckige Couch. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Ray & Liz«: ab 9.5., Luru Kino in der Spinnerei

Martin Behrens (Ronald Zehrfeld) ist überzeugt davon, das Richtige zu tun. Zumindest in seinem Job als Zentralasien-Experte beim Bundesnachrichtendienst. In der Liebe ist es etwas anderes, begeht er doch die Dummheit, an der Beziehung zur Journalistin Aurice Köhler (Antje Traue) festzuhalten. Kurz darauf wird sie Opfer eines Anschlags und Martin in eine Verschwörung bis in die höchsten Ebenen der Behörde hineingezogen. Philipp Leinemann (»Wir waren Könige«) weiß offenbar, wovon er schreibt. Zumindest wirkt »Das Ende der Wahrheit« bis ins Detail gut recherchiert, ist in sich schlüssig und passt perfekt in die Post-Snowden-Ära der Ungewissheit. Er entwirft ein realistisches Szenario, das nachwirkt. Darüber hinaus ist der Politthriller hervorragend in Szene gesetzt und mit Alexander Fehling, Claudia Michelsen und Axel Prahl bis in die Nebenrollen exzellent besetzt. Ob er allerdings auch beim Publikum zünden kann, bleibt abzuwarten.

»Das Ende der Wahrheit«: ab 9.5., Passage Kinos

Mitten in Berlin wird Aynur von ihrem Bruder Nuri auf offener Straße erschossen. Wenige hundert Meter entfernt in der Wohnung schläft ihr fünfjähriger Sohn Can. »Ein Ehrenmord«, wird die Zeitung am nächsten Tag titeln. Doch wie ist es zu dieser Tat gekommen? Sherry Hormann erzählt, wie es gewesen sein könnte. Es ist die Geschichte einer selbstbewussten jungen Frau, die der Gewalt in ihrer Ehe entflieht und sich auch von ihren Brüdern und Eltern nichts vorschreiben lässt. Sie sucht sich und Can eine eigene Wohnung, macht eine Lehre, geht aus und lernt neue Freundinnen und Männer kennen. Damit stellt sie sich gegen die Traditionen ihrer Familie, wird zur Ausgestoßenen. Entgegen jeder Vernunft hält sie an ihrer Familie fest. Dafür zahlt sie irgendwann den Preis. Zumindest könnte es so gewesen sein. Basierend auf Recherchen in Aynurs Umfeld, Gerichtsakten und Gesprächen entwerfen Hormann und Drehbuchautor Florian Öller ihre Sicht der Ereignisse, die 2005 zum Tode Hatun Aynur Sürücüs führten. Mit dokumentarischen Mitteln suggeriert der Film Authentizität. Hormann lässt ihre Figur 20 Minuten aus dem Off erzählen, statt die Figuren über ihre Handlungen zu erklären. Die bedeutungsschwangeren Standbilder tragen nichts zum Film bei. Der Film verliert sich immer mehr in Klischees und macht dabei nichts verständlich. Aynur hätte sich wahrscheinlich über den Film geärgert. Aber das ist ebenso Mutmaßung. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Nur eine Frau«: ab 9.5., Passage Kinos

Der Stern von Oliver Hardy und Stan Laurel ist anno 1953 ziemlich verblasst und abgesehen von dem französischen Flop »Atoll K« hat es acht Jahre lang kaum Lebenszeichen von ihnen gegeben. Eine Bühnentournee durch Großbritannien soll der Karriere wieder auf die Sprünge helfen und zudem einen neuen Film anstoßen. Doch die gebuchten kleinen Theater sind bestenfalls halb voll. Eine Enttäuschung, die die einstigen Showbizgrößen sich zumindest vor Publikum nicht anmerken lassen und gegen die sie angehen – mit Humor, versteht sich. Eine bessere Besetzung als den Briten Steve Coogan und den Amerikaner John C. Reilly hätte man kaum finden können: Neben der physischen Ähnlichkeiten gelingt es den beiden auch, sich die Manierismen Laurels und Hardys zu eigen zu machen und den Zuschauer mit auf eine melancholisch-beschwingte Zeitreise in eine vermeintlich unschuldigere Ära zu nehmen. Ausführliche Kritik von Peter Hoch im aktuellen kreuzer.

»Stan & Ollie«: ab 9.5., Passage Kinos, Schauburg

Weitere Filmtermine der Woche

Democracy, im Rausch der Daten
Der Dokumentarfilm schildert den langwierigen und schwierigen Prozess einer Überarbeitung des europäischen Datenschutzrechts im Angesicht der Lobbyisten. Ein spannender Parlaments-Thriller, der einen faszinierenden Blick in die europäische Gesetzgebung bietet.
9.5., 18 Uhr, Schaubühne Lindenfels

Herausforderung Geburtshilfe
Am 5. Mai wird seit 1991 der Internationale Hebammentag in mittlerweile mehr als 50 Ländern begangen, um Hebammen und ihre Arbeit zu ehren und auf die Bedeutung der Hebammen für die Gesellschaft hinzuweisen. Mit Einführung.
9.5., 19 Uhr, Frauenkultur

Der Palast der Republik 
Fimpräsentation, mit Einführung von Christoph Liepach (HGB), anschl. Gesprächsrunde
10.5., 19 Uhr, KOMM-Haus

Ink of Yam
Ein Tätowierstudio in Jerusalem. Am 10.5. mit anschl. Gespräch mit dem Regisseur Tom Fröhlich.


10.5., 19 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei

Jomi – Lautlos, aber nicht sprachlos
Biografie des Künstlers Josef Michael Kreutzer, der nach einer Meningitis als Kind gehörlos wurde und später entgegen allen Widrigkeiten bei Marcel Marceau in Paris studierte. – im Rahmen der Aktionswoche zur Gleichstellung von Menschen mit Behinderung


10.5., 20 Uhr, Cineding

Jonas in the Jungle
Eine essayistische Filmwanderung mit Jonas Mekas, der lebenden Legende der Filmavantgarde. Mit 90 Jahren ist er nach wie vor drahtig und fidel, stets ein Lächeln auf den Lippen und zu einem Tänzchen aufgelegt. Sein Sohn Sebastian zitiert Voltaire und liest Dante vor. – Jonas Mekas-Retrospektive mit anschl. Gespräch mit Regisseur Peter Sempel
11.5., 19.30 Uhr, Cineding

Reminiszenzen aus Deutschland / Outtakes from the life of a happy man
Jonas-Mekas-Retrospektive mit »Reminiszenzen aus Deutschland«, gedreht 1971 und 1993, und der Doku »Outtakes from the life of a happy man« (im Foto) zum 90. Geburtstag des Avantgarde-Künstlers.
11.5., 22 Uhr, Cineding

Milosic i milosierdzie
Love and Mercy: Spielfilmbiografie über die Nonne Faustyna Kowalska, eine Mystikerin, die für ihre Verkündigung der Barmherzigkeit Gottes bekannt ist. – Polnisches Kino
11.5., 17.30 Uhr, 12.5., 20 Uhr (OmeU)

4 Gesellen
Deutsche Liebeskomödie mit Ingrid Bergman, die hier ihre erste deutschsprachige Filmrolle übernahm.

12.5., 18 Uhr, Grassi-Museum für Angewandte Kunst

Gundermann
Wundervolle Spielfilmbiografie über den ostdeutschen Sänger und Musiker Gerhard Gundermann. Deutscher Filmpreis 2019.
12.5., 19.30 Uhr, Schauburg

Portavoce
Politische Protestkultur in Rumänien. Am 13.5. mit anschl. Gespräch.
13.5., 20 Uhr, Cineding

Anderswo – Allein in Afrika
Anselm ist mit dem Fahrrad durch den afrikanischen Kontinent gefahren. 15.000 Kilometer, 414 Tage, 15 Länder. Er hat während der kompletten Reise darauf verzichtet, Trinkwasser zu kaufen. Ein etwas anderer Reisebericht. – anschl. Filmgespräch mit Regisseur Anselm N. Pahnke
14.5., 18 Uhr, Kinobar Prager Frühling
14.5., 20.30 Uhr, Sommerkino auf der Feinkost

Eine Geschichte von Liebe und Finsternis 


Natalie Portman hat sich für ihr beachtliches Regiedebüt den autobiografischen Roman von Amos Oz vorgenommen. Geschildert werden darin das Heranwachsen eines verträumten Jungen im neu zu gründenden Staat Israel in den Vierzigern sowie die immer schwerer werdende Depression seiner Mutter. 71 Jahre – Gründung des Staates Israel und zur Erinnerung an Amos Oz
14.5., 16 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Tage der Finsternis
Ein Kinderarzt, ein Geologe und ein Ingenieur arbeiten in einer Stadt in der zentralasiatischen sowjetischen Provinz Balkan und begegnen jeweils sehr unterschiedlichen Menschen und Schicksalen. – Reihe KosmOst
14.5., 19 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei (OmU)

Von Bienen und Blumen
Lola Randl will einfach nur raus. Die Künstlerin zieht in die Uckermark und findet dort Raum für gemeinsame Abenteuer, Utopien und neue Freiheiten – auch in Beziehungsmodellen. Am 14. mit anschl. Gespräch mit der Regisseurin


14.5., 19 Uhr, Cinémathèque in der Nato

Achternbusch-Werkschau-Finale
Bierkampf 

Während des Münchner Oktoberfests schlüpft der Trinker Herbert in eine gestohlene Polizeiuniform. Um sich seiner neuen Position zu vergewissern, fängt er an, Besucher des Oktoberfests zu maßregeln. – Achternbusch-Werkschau-Finale


15.5., 21 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei

Der Neger Erwin
Ein kürzlich aus dem Gefängnis entlassener Mann hat den Wunsch, aus der Wirtin der Kneipe »Zum Neger Erwin« einen Filmstar zu machen. Er kehrt in den Gasthof ein und behauptet, er sei der berühmte Filmemacher Herbert Achternbusch. – Achternbusch-Werkschau-Finale


15.5., 19 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei

Die Kinder der Utopie
Ein Film über Inklusion und Erwachsenwerden. Sechs junge Erwachsene, drei mit und drei ohne Behinderung, treffen sich wieder. Vor zwölf Jahren wurden sie schon einmal dokumentiert – für den Film »Klassenleben«. – Aktionsabend Inklusion mit anschl. Gespräch im Cineplex und in den Passage Kinos

15.5., 19.30 Uhr, Cineplex, 18:30 Uhr, Passage Kinos

Gestorben wird morgen
Sun City liegt in der Wüste Arizonas und ist die erste Stadt für (Un)Ruheständler weltweit. Hier reihen sich blaue Swimmingpools unter Palmen an Golfplätze, Apotheken und Bestattungsdiscounter. Auf dieses sonnige Altenparadies fallen die sehr unterschiedlich gefärbten Schatten des Alterns. Was die Menschen hier eint, ist ihre »Attitude!« – eine sehr inspirierende Haltung dem Leben gegenüber. Am 16.5. anschl. Gesprächsrunde mit der Regisseurin Susan Gluth und Martin Gey (Pressesprecher der Volkssolidarität Leipzig).


16.5., 19 Uhr, Passage Kinos

Kiki
Dokumentation über eine Gemeinschaft junger Menschen aus einer schwarzen LGBTQ-Gemeinschaft in New York City. – anlässlich des Internationalen Tages gegen Homo-, Inter- und Transfeindlichkeit (IDAHIT*) am 17. Mai

16.5., 19 Uhr, Cinémathèque in der Nato

Maquia – Eine unsterbliche Liebe
Eine geheimnisvolle Parallelwelt jenseits des Menschenreichs: Die Maquia erhalten sich ihr Leben lang ein jugendliches Aussehen und erreichen ein übermenschlich hohes Alter. Als die Sippe eines Tages von einer Armee angegriffen wird, wird der bisher friedliche Alltag gewaltsam zerschlagen.


16.5., 20 Uhr, Cineplex

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