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Acht Dinge, die ich auf der Republica gelernt habe

Bei Nummer Vier musste ich weinen

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Die Republica ist längst keine kleine Bloggerkonfenrez mehr, sondern ein Meet & Greet von jedem, der was mit Internet zu tun – also quasi allen. Selbst der Bundespräsident kam zur Eröffnung und sagte ein paar warme Worte darüber, dass die Debattenkultur besser werden muss und Facebook endlich mal Steuern zahlen soll. Aber es gab auch ein paar neue Erkenntnisse.

Taiwan hat wahrscheinlich die coolste DigitalministerIn der Welt
Audrey Tang schmiss mit 14 Jahren die Schule, brachte sich wichtige Dinge wie Programmieren im Internet bei, war aktiv in der Hackerszene und Open-Source-Bewegung, mit 16 gründet sie ihre eigene Firma (eine Suchmaschine für chinesischsprachige Songtexte), später arbeitet sie für Apple und die Wikimedia Foundation, mit 33 Jahren hat sie genug von der Arbeitswelt und geht in den Ruhestand. Zudem hat sie zwei Geschlechter oder eins dazwischen. Den Ruhestand sie nun verlassen, weil sie fürs Digitalministerium angefragt wurde. Auf der Stage 1 der Republica ist sie per (ruckelndem) Videochat zugeschaltet und schlägt vor: »When we see internet of things, let’s make it an internet of beings. When we see virtual reality, let’s make it a shared reality. When we see machine learning, let’s make it collaborative learning. When we see user experience, let’s make it about human experience.« Vielleicht ist das Internet doch gar nicht so ein schlechter Ort, wie man meinen mag, wenn man sich dort oder auf der Republica aufhält.

Rechte Popkultur ohne Popstars
Um die Rechten und Populismus ging es auch dieses Jahr immer wieder. Die bekannte Beobachtung: Die neuen Rechten können auch hip und schön und Influencer auf Instagram. Martin Sellner hat sogar Kochvideos, in denen er über die Kartoffel, die er kochen will, schimpft dass sie ausländisch sei. Manche Rechte rappen auch – aber dennoch ist die neue rechte Popkultur mit all ihren von Kubitschek verlegten Büchern, modernen Klamotten und ehemals linken Protestformen eine Popkultur ohne Popmusik. Hat zumindest Musikjournalist Jens Balzer beobachtet. Die Identitären singen wohl gerne Wanderlieder.

Irgendwas ist falsch
Das findet zumindest Sascha Lobo, der traditionell seine Rede zur Lage der Nation hält, die diesmal vielmehr eine Rede zur Lage der Welt ist. Von der könne man nämlich das Gefühl bekommen, sie sei aus den Fugen geraten. Der Brexit, Trumps Wahl zum US-Präsidenten, Rechtsruck oder Klimawandel sind nur einige dieser Anzeichen dafür, die der Blogger aber umdeutet zu der These, die Welt gerate derzeit IN die Fugen. Denn er hat einen Realitätsschock ausgemacht: »Unser Bild der Welt war viel zu oft eine kollektive Illusion.« Vor allem die westlichen Industrieländer hätten seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts in einer Art Filterblase gelebt, dass die Welt in Ordnung sei. Diese Blase platze nun an vielen Stellen auf.

Karl der Käfer
Das grandiose Anti-Baumfällen-Lied »Karl der Käfer« ist von einer Band namens Gänsehaut. Nilz Bokelberg stellt in einer kleinen Unterhaltungsshow Protestsongs vor, aber weigert sich trotz lauter Rufe, dieses Lied auszuspielen. Aber hier jetzt:

Im All schmeckt kein Salat
Astro-Alex kam auch und zeigte Fotos aus dem All. Kurz gefasst: Die Erde sieht nicht gut aus, wenn gerade Dürre ist, und erschreckend leuchtend, wenn Krieg ist. Wer allerdings vorhat, Salat im All zu züchten – lieber nicht. Viel zu bitter, sagt der Astronaut.

Musik in Gebärdensprache
Musik macht auch Spaß, wenn man sie nicht hören kann. Nach Spaß sah es jedenfalls aus, als Gebärdendolmetscherin Laura M. Schwengber das Konzert von tubbel live übersetzte. Tanzend, gestikulierend, emotional, klug – und vor allem sehr inklusiv.

Europa ist richtig geil
Auf jedem Panel und jeder Session sagen es alle, von Sybille Berg bis zu Markus Beckedahl: Leute, geht wählen! Skurrile Züge nimmt die Werbung für die Wahl an, als auf einer Bühne gemeinsam Rapper Eko Fresh, CSU-Ex-Chef (und jetziger Pro-Sieben-Beiratsvorsitzender) Edmund Stoiber, Galileo-Moderatorin Funda Vabroy und FDP-Mitglied Ann Cathrin Riedel sitzen und unter der anstrengend guten Laune von Moderator Cherno »jetzt klatscht mal alle ganz laut« Jobatey eine Stunde lang sponsored by Pro Sieben erzählen, wie geil Europa ist (keine Passkontrolle, billiges W-Lan, etc) Nach einer Stunde mit Fragen wie »Wenn Europa ein Gericht wäre, welches wäre es?« (Stoiber: »Gemüseeintopf«, Fresh: »Griechischer Salat«), ist man kurz davor, zur Nichtwählerin zu werden.

Baden-Württemberg ist nicer als Thüringen
Sie verschenkten nämlich #freubier (also Bier umsonst). Was am Thüringenstand los war, weiß ich nicht, da es da kein Bier gab. Schön auch: Die Amadeu-Antonio-Stiftung verschenkte Eis. Sachsen war nicht vertreten.

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