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Etwas Eigenes

One Music Productions veröffentlicht auf eigene Faust Musik ohne Grenzen

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Independent ist nicht nur möglich, sondern kann sich auch finanziell lohnen. Das zeigt der Werdegang von One Music Productions. Das Label veröffentlicht unter der Verantwortung von Andreas Schulz seit Oktober Musik auf eigene Faust.

Was haben Literaturzeitschriften, Off-Theater und unabhängige Musiklabels gemeinsam? Einerseits, dass sie eine umweltschonende Alternative zum buchstäblichen Geldverbrennen darstellen, sofern denn überhaupt welches da ist, andererseits, dass es in Leipzig trotzdem erfreulich viele davon gibt. Trotz sich manifestierendem Mietenwahnsinn, steigenden Sternburgpreisen und ewig klammen Kassen drehen Kunstschaffende hier nach wie vor im Zweifelsfall lieber ihr eigenes Ding.

Das Label One Music Productions ist ein solches, frisches Ding, ausgeheckt und verantwortet vom Wahlleipziger Andreas Schulz. Als studierter Jazzschlagzeuger mit langjähriger Tourerfahrung, einigen Kontakten und musikalischen Plänen kann man das Glück haben, sondierende Gespräche mit einem Majorlabel führen zu können, wie er im Gespräch mit dem kreuzer durchblicken lässt. Im Fall von Schulz, so lautet seine Selbsteinschätzung, führen diese musikalischen Pläne aber ohnehin nicht auf Wege, die mit Zaster gepflastert sind. Da kann man es auch gleich selbst machen, das bisschen Kohle, schließlich das, was kommt, ganz für sich behalten und unerquickliche künstlerische Kompromisse von vornherein ausschließen.

Gespräche unter Eingeschworenen

Dank dieser Chuzpe liegt auf One Music Productions nun die ungestreckte Schulz’sche Vision vor, empfangen auf einer ausgedehnten Weltreise, verteilt auf drei Alben, seit Oktober nach und nach veröffentlicht: »Jazz In Der Pupille« mit seiner alten Band Watten, »Kilometres« zusammen mit der Sängerin und Songwriterin Thea Soti sowie »Yellow«, allein eingespielt. So unterschiedlich und in sich abgeschlossen sie sind, so viel Spaß macht es auch, die drei Platten als zusammenhängendes künstlerisches Statement zu hören: »Die Inspiration, zu spielen, zu schreiben, mich auszudrücken kam in ihrer Gesamtheit von der Reise als Ganzem«, sagt Schulz passend dazu.

Über New York, den Mittleren Westen, die Wüste von Nevada, die Westküste, Vietnam, Thailand, Dubai führte es ihn zunächst musikalisch zurück nach Hannover. Dort spielten Watten einst drei Jahre lang jede Woche den »Jazz in der Pupille«, Letzteres eine Jazzbar. Gewinnend gewagt haben sie für die allererste gemeinsame Session nach drei Jahren Pause entschieden, es einfach laufen zu lassen und das Band gleich mit, ohne vorherige Proben, im ersten Take. Betrachtet man Jazz als musikalische Form der Konversation, ist es hier eine unter den alten Freunden Paul Engelmann (Altsaxofon), Michael Hoppe (Flügel), Clara Däubler (Kontrabass) und Schulz am Schlagzeug »über die alten Zeiten«, verbunden mit der Erkenntnis, dass man sich ungebrochen viel zu sagen hat. Mal vorsichtig tastend, mal direkt nachfragend, mal beflügelt vom Wiedersehen und -hören und dann wie auf einen Insider hin verschmitzt zurückgenommen loten Watten aus, was geht. Das Album ist unberechenbar und ganz eigen. Zweifellos muss man dem folgen wollen, wie das bei Gesprächen unter Eingeschworenen nun mal so ist, dann macht es aber umso mehr Spaß.

Fünfzehn Minuten Wüstenmusik – ohne jedes Geräusch

Ebenfalls eingeschworen, aber deutlich zugänglicher im Schaffen sind Schulz und Thea Soti auf »Kilometres«, dessen Musik, bis aufs Intro, Soti geschrieben hat. Das Material gibt es schon länger, war aber laut Schulz noch nie in einer reduziert-kargen, man möchte meinen: Watten’schen Ästhetik zu hören. Statt mit Bigband macht man alles zu zweit. Sie spielt Keyboard und singt, gleichzeitig ätherisch wie kraftvoll, Schulz spielt Schlagzeug und Marimbafon dazu. An Jazz gestählten Pop könnte man das nennen, weil einem nach »Jazz in der Pupille« alles mit Melodie irgendwie poppig vorkommt. Dramatischer Höhepunkt ist der Titeltrack: An die fünfzehn Minuten Wüstenmusik, das heißt ohne jedes Geräusch.

Ganz groß in der Kunst des Reduzierens ist dann auch »Yellow«, sozusagen der pure Schulz: Allein am Klavier entfaltet er zarte, zerbrechliche, wunderschöne Melodien. Diese gewinnen ihre Spannung auch gerade durch sein behutsames Spiel, das ihnen viel Luft lässt, Spannung durch Pausen aufrechterhält. Wer da Kitschgefahr wittert, den führt er durch Passagen auf eine andere Fährte, in der Schulz mit gezupften Klaviersaiten experimentiert.

Als roten Faden der Reise durch den One-Music-Productions-Katalog kann man die Zurücknahme zur rechten Zeit ausmachen. Genretechnisch lässt sich das alles nicht wirklich auf einen Nenner bringen. Soll es auch gar nicht: »Die Platten sind nicht eindeutig einzuordnen. Ich hab mir vor längerer Zeit abgewöhnt, mit Genrebegriffen überhaupt zu arbeiten. Ich habe beim Major mitbekommen, dass damit gearbeitet wird, dass das auch vielleicht notwendig ist, wenn man die Musik im großen Stil monetarisieren will. Ich für mich arbeite eigentlich nicht mit Genrebegriffen. Es gibt gute Musik und schlechte Musik. Ich möchte gute Musik machen. Wenn jemand damit arbeiten will, um seine Musik zu monetarisieren, soll er das tun, ich hab da nichts gegen. Aber ich kann damit schlicht nicht arbeiten.«

Kann dass so weitergehen?

Umso mehr freut es, von ihm zu hören, dass »Yellow« seinen Weg in eine Playlist für zeitgenössische Klassik beim Streamingdienst Apple Music gefunden und so tatsächlich etwas Geld gebracht hat. Kohle, von der er mit einem Majorvertrag mutmaßlich deutlich weniger behalten hätte. Das zeigt: Independent ist nicht nur möglich, sondern kann sich auch finanziell lohnen. Konkrete Zahlen will er nicht nennen, nach allen, die so in Bezug auf Streaming kursieren, mit ihren Bruchteilen von einzelnen Cents pro gespieltem Song, wird es in der Praxis nicht genug sein, um damit  Gewinn zu machen. Kann das so weitergehen?

»Ich bin zuversichtlich und glaube, dass sich langfristig Qualität und echte Emotionen in der Musik durchsetzen und faire Bezahlmodelle kommen werden. Ich kann nicht sagen, wann. Ich glaube es, ich hoffe es, und ich kann mir nichts Gegenteiliges vorstellen. Der Zustand der Vergütung, wie er jetzt ist, kann nicht bleiben«, sagt Schulz. Zumindest das mit der Qualität und den Emotionen, das eigene Ding, ist schon da.

Dieser Text erschien zuerst im kreuzer 05/19. 

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