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Neue Publikationen zur Leipziger Moderne vor und nach dem Nationalsozialismus

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Gleich mehrere aktuelle Publikationen beschäftigen sich mit der Leipziger Moderne vor und nach dem Nationalsozialismus. Zusätzlichen Einblick in diese Architekturepoche liefert ab Samstag die Ausstellung »Unterbelichtete Moderne« in der Galerie Aspn auf dem Spinnereigelände.

Auf der Karl-Heine-Straße über einem Biosupermarkt sind grau-weiße Streifen zu sehen. Was der hastige Passant in Anlehnung an die Rolltreppenstreifen auf der Neuen Messe als Daniel-Buren-Gag abtun könnte, stammt vom Projekt Kaufhaus Joske. Es begann 2008 und hat den Zweck, sowohl an die jüdischen Besitzer als auch an den Architekten, der die Streifen entwarf, zu erinnern.

1929 gestaltete der Architekt Wilhelm Haller (1884–1956) das Plagwitzer Kaufhaus Joske um. Wie Schwarz-Weiß-Fotografien von damals zeigen, ordneten die Streifen die Fassade. 1934 musste die Familie Joske das Kaufhaus aufgeben, 
Teile der Familie wurden deportiert und anderen gelang die Flucht. Der Architekt war bereits 1933 nach Palästina emigriert.

Im Passage Verlag ist nun ein Buch zu Haller erschienen, der seit 1911 in Leipzig tätig war. Es erzählt von seinen Bauten vor 1933, was mit ihnen passierte und stellt seine Gebäude in Tel Aviv vor, mit denen er sich dem Neuen Bauen zuwendete. Ganz prominent ist auf dem Cover die Innenaufnahme der Trauerhalle auf dem Neuen Israelitischen Friedhof abgedruckt. Sie wurdeam 9. November 1938 von Faschisten angegriffen und später abgetragen. Ein Stück expressionistische Architektur von Leipzig verschwand. Andere von ihm entworfene Ensembles – wie der Ehrenhain für die jüdischen Gefallenen des Ersten Weltkrieges auf dem Alten Israelitischen Friedhof – sind kaum bekannt.

Die unbekannten Seiten der Moderne zeigt die Leipziger Fotografin Margret Hoppe in der Galerie Aspn. In ihrer Fotoserie »Unterbelichtete Moderne« in Thüringen und Sachsen sind bekanntere Bauten wie das Haus Schminke von Hans Scharoun für den Nudelfabrikanten Fritz Schminke in Löbau zu sehen. Es zählt zu den vier wichtigsten Wohnhäusern der Klassischen Moderne. Zu DDR-Zeiten 
beherbergte es das Haus der Pioniere. Andere Gebäude wie die von Thilo Schoder in Gera oder dem Zwenkauer Krankenhaus entziehen sich oft dem detaillierten Blick.

Von der Moderne nach 1945 in Leipzig handelt die fast noch druckfrische Publikation »Plan! Leipzig, Architektur und Städtebau 1945–1976«. War die Ausstellung im Stadtgeschichtlichen Museum 2017 schon überwältigend, finden sich nun zwischen den Buchdeckeln jede Menge Fotografien, wundervolle Architekturzeichnungen und Pläne, die das Leipziger Baugeschehen nach 1945 bis zur Grundsteinlegung in Grünau schildern. Das Cover zeigt eine Zeichnung aus dem Jahr 1968 von Robert Rehfeldt, ein Berliner Künstler, der heute vor allem durch seine Mail-Art-Projekte in der DDR-Kunstgeschichte einen festen Platz einnimmt. Er griff die Ideen zum damaligen Karl-Marx-Platz von Hermann Henselmann auf. Damals stand fließender Autoverkehr für Fortschritt.

Zu Beginn des Buches steht der Schadenplan von Leipzig und Wiederaufbau. So modern – wie beispielsweise die Industriehalle im heutigen Westwerk aus dem Jahr 1951 – wurde nicht überall gebaut. Eher unbekannte Projekte wie das Bach-Mausoleum stehen neben dem Messehof, dem Zentralstadion. Mit dem industriellen Bauen entstanden um 1965 im Zentrum eine Reihe von Bauten, die heute unter den Begriff Ostmoderne fallen.

Die Autoren und Ausstellungsmacher Christoph Kaufmann, Peter Leonhardt und Anett Müller schauen durchaus skeptisch auf das Baugeschehen unter dem Stichwort »Revision der Moderne nach 1990«. Die Wohnhausscheiben am Brühl, das Messeamt, der Sachsenplatz oder das Robotron-Gebäude verschwanden. Andere Bauten wurden grundlegend überformt, so dass die ursprüngliche Gestalt fast nicht mehr sichtbar ist. Wer allerdings durch die Stadt schlendert, sieht noch einiges aus der damaligen Zeit – wie etwa den Schriftzug »Messehaus am Markt« in seiner elegant-modernen Form.

Dieser Text erschien zuerst im kreuzer 05/19.

■ Wilhelm Ze’ev Haller: Modern Architecture Leipzig/Tel Aviv. Leipzig 2019, 120 S., 25 €

■ Stiftung Sächsischer Architekten (Hg.): Plan! Leipzig, Architektur und Städtebau 1945–1976. Dresden 2018, 168 S., 20 €

■ Margret Hoppe, »Unterbelichtete Moderne«: 18.5.–22.6., Galerie Aspn

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