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Rammstein in der Höhle

Von Frauen und deutschen Träumen: die neuen Ausstellungen im Grassi-Museum für Völkerkunde

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Mit der Ausstellung »German Dream: Ütopien aus den Reihenhäusern« eröffnet Léontine Meijer-van Mensch ihre Amtszeit als neue Direktorin des Grassi-Museums für Völkerkunde. Angekündigt ist ein ironischer Zugang zur Ethnografie der Deutschen. Ein Ausstellungsbesuch.

Was erträumen sich »die Deutschen«? Können Utopien in Reihenhäusern entstehen? Wenn ja, wie sehen sie aus? Derartige Frage können beim Lesen des Ausstellungstitels »German Dream: Ütopien aus den Reihenhäusern« erwachsen. Mit dieser Ausstellung eröffnet Léontine Meijer-van Mensch, die neue Direktorin des Grassi-Museums für Völkerkunde, ihre Amtszeit.

Die Kuratoren sprechen von »den Deutschen«, beginnen den Parcours in der Zukunft und enden in der Vergangenheit – in der Höhle. Bevor sie betreten werden kann, wurde in den Sammlungsbeständen nach einer »Ethnografie der Deutschen« gesucht und Kunstschaffende eingeladen ihre Vorstellungen zur Zukunft zu zeigen. Wichtig dabei sei ein »ironischer Zugang«, denn schmunzeln – so die Museumsdirektorin – sei im Museum sehr wichtig. So ist unter anderem eine Fotodokumentation von Philipp Meuser zur Mitte Deutschlands zu sehen. Ganz außerhalb des Reihenhauses scheint sich ein Gemälde des Leipziger Künstlers Joachim Scholz von 1987 in die Ausstellung verirrt zu haben: »In der Ausbauwohnung«, die ein Paar beim notdürftigen Flicken einer Altbaudachwohnung abbildet, liefert wohl einen Verweis auf die DDR.

Die Höhle

Die Höhle darf erst ab 16 Lebensjahren betreten werden. Jungen Menschen entgeht daher »die dunkle Seite der Deutschen«, aber das Rammstein Video zum Song »Deutschland« erfordert eine Altersfreigabe. Die Museumsdirektorin wollte das Video unbedingt zeigen und die Band freute sich über ihre museale Zuordnung in der Höhle. Dass nicht noch ihre Version von »Stripped« mit Szenen aus Leni Riefenstahls Olympiafilm im Loop zu sehen ist, enttäuscht allerdings etwas. Es hätte vortrefflich in die Höhle gepasst. Hier im karg von einer Schachtlampe beleuchteten Cube hängen Fliegenfänger von der Decke, Geweihe an der Wand und Seite an Seite Fahndungsaufrufe zum NSU und den »Anarchistischen Gewalttätern Baader/ Meinhof-Bande«. Den unter 16-jährigen entgeht aber nicht nur das.

Neben einem Schlips mit Hunden, den AfD-Chef Gauland immer ausführt, darf der Struwwelpeter, das Eiserne Kreuz und Kriegsspielzeug nicht fehlen. Aber auch Franz Kafka schaffte es mit »Ein Hungerkünstler« in den dunkelsten Raum der Ausstellung, ebenso wie Goethes Farbenkreis.

Vor der Höhle breitet sich dezent kalter Nikotingeruch aus. Als vor wenigen Wochen das Lokal »Weißes Ross« in der nahegelegenen Auguste-Schmidt-Straße wegen Mieterhöhung schließen musste, wanderte die Einrichtung direkt in die Schau. Sie liefert jetzt diesen alten Rauchgeruch und über dem still gelegten Zapfhahn grüßt der ebenfalls historische Schriftzug »Bauer Bier«. Musealisierung der Gegenwart – davon ist Léontine Meijer-van Mensch begeistert. Gegenüber finden sich noch Spuren einer geschlossenen Leipziger Schrebergartenanlage. Fein stramm steht ein alter Gartenzwerg in der Glasvitrine und glotzt das Publikum an. Das kann sich viele Fragen stellen. Es erlebt so am eigenen Leib, wie sich in vergangenen Jahrhunderten die fernen Völker fühlten, deren Alltagsobjekte von europäischen Trophäensammlern auf deren Expeditionen gesammelt wurden, um sie in Museen auszustellen. Dieses Gefühl der Befremdung herzustellen ist die Meisterleistung der Ausstellung und die leistet sie mit Bravour.

Das ist wahrscheinlich auch unter dem Ansatz »Autoethnographie« zu verstehen, den Léontine Meijer-van Mensch hervorhebt, um ein innovatives Museumskonzept zu verfolgen.

»Woman to Go«

300 Postkartenmotive von Frauen aus Fotosammlungen befinden sich in Postkartenständern in der zweiten am Donnerstag eröffneten Ausstellung im Völkerkundemuseum. Die schwarz-weißen Karten zeigen Frauen aus unterschiedlichen Kulturkreisen, die die Künstlerin Mathilde ter Heijne samt Biografie auf der Rückseite recherchierte. Die Besucher können sich die Karten nicht nur ansehen, sondern mitnehmen. So soll das in Archiven schlummernde Wissen den Weg in das heutige Leben finden. Nicht umsonst lautet das Schlagwort des Museums »Museum – ein lebendiger Ort«.

Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden. Doch ermüdet mittlerweile der seit einigen Jahren in ethnologischen Museen zu besichtigende Trend, dass sie sich immer mehr als Kunsthalle mit angeschlossenen ethnologischen Sammlungen verstehen.

https://grassi-voelkerkunde.skd.museum/

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