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Analyse hilft mehr als bloße Vermutung

Die Pkw-Brille verwässert den klaren Blick auf den Straßenverkehr – ein Kommentar

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Bei einigen Stadtrat-Fraktionen sitze die Pkw-Brille zu fest, als dass sie sich Alternativen vorstellen könnten. Das würden die Diskussionen um den Mittleren Ring und die Jahnallee zeigen. Dabei würde Nüchternheit nicht nur im, sondern auch beim Blick auf den Straßenverkehr helfen, findet Tobias Prüwer.

Leipzig wächst. In elf Jahren werden 722.000 Einwohner prognostiziert. Das muss zwangsläufig zu anschwellendem Autoverkehr führen, könnte man meinen. Also muss man dem motorisierten Verkehr mehr Platz einräumen und alle Maßnahmen verhindern, die andere Fortbewegungsarten fördern. Dieser logische Schnellschuss ist immer wieder in Verkehrsdebatten zu erleben. Jüngst hat ihn Frank Tornau (CDU) wiederholt, der in der Diskussion um das Straßenbauprojekt Mittlerer Ring der LVZ diktierte: »Wir wünschen uns eigentlich, dass die Bürger weniger Auto fahren. Doch das findet im wahren Leben bisher nicht statt. Die Zahl der Autos in Leipzig steigt schneller als die der Einwohner. Sie nimmt also pro Kopf sogar noch zu. Das können wir nicht ignorieren. Wenn es eine Gesamtentlastung für die Stadt bringt, dann muss man über neue Trassen nachdenken und es zur Not auch tun.«

Mit dieser Argumentation wollte Tornau einen Straßenneubau durch Parks, Wohngebiete und Schrebergärten im Leipziger Osten rechtfertigen. Allerdings stecken darin gleich zwei Fehler: Erstens muss man vor Gegebenheiten – die Leute fahren halt Auto – nicht resigniert den Kopf in den Sand stecken. Politik hat eine Gestaltungsaufgabe, warum also nicht die Verkehrssituation so regeln, wie es für ein

Tobias Prüwer ist Theaterredakteur des kreuzer.

lebenswertes Zusammenleben zu wünschen ist? Zweitens hat Tornau einfach unrecht, was die Zahlen angeht. Denn obwohl die Stadt wächst, ist der Kfz-Verkehr in den vergangenen Jahren insgesamt um 15 Prozent gesunken. Das steht im integrierten Verkehrsmodell der Stadt. Weil die Karte sehr detailliert, aber etwas unübersichtlich ist, hat der Fahrradfahrverband ADFC die Zählungen aus 240 Straßen des Hauptnetzes in eine Liste überführt und zusammengerechnet. »Leipzig hat es geschafft, trotz des Bevölkerungszuwachses von ca. 90.000 Menschen im Zeitraum von 2002 bis 2017, die Kfz-Verkehrsbelastung zu senken.« Damals war eine Kfz-Verkehrsbelastung von 3,35 Millionen Kraftfahrzeugen am Tag festzustellen, 2017 betrug die Belastung 2,88 Millionen – eine Verringerung von mehr als 450.000 Kraftfahrzeugen jeden Tag.

Das ist ebenso erstaunlich wie begrüßenswert. Und zeigt: Menschen können umdenken und Verkehrsgestaltung bewirkt etwas. Noch etwas macht die Statistik klar: Die nüchterne Lagebetrachtung ist erkenntnisreicher, statt bloße Vermutungen als »gesunden Menschenverstand« auszugeben und auf dessen Grundlage dann Kahlschlag und Vorfahrt fürs Auto zu fordern. Bei einigen Fraktionen sitzt die Pkw-Brille einfach zu fest, als dass sie sich Alternativen vorstellen könnten. Das zeigen die Diskussionen um den Mittleren Ring oder die verkehrsberuhigte Jahnallee.

Natürlich muss man die Situation der Händler und Gewerbetreibenden bedenken. Aber auch hier hilft eine sachliche Analyse statt des Schnellschusses: Kunden kommen mit dem Auto, kein Parkplatz, kein Kunde. So hat die Stadt Madrid damit experimentiert, die Innenstadt für motorisierten Verkehr zu sperren. Das führte laut einer Analyse der Banco Bilbao zu einem Anstieg der Einkäufe im Einzelhandel um fast zehn Prozent. Und auch die Luftqualität stieg mess- und spürbar – sogar in den Stadtbereichen, die nicht mit dem Fahrverbot belegt waren. Unglaublich, aber wahr.

Dieser Text erschien zuerst im kreuzer 06/19. 

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