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»Sprungbrett in den Büchermarkt«

Verleger Karsten Möckel über den Leipziger Independent-Verlag »Liesmich«

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2013 wurde der Liesmich-Verlag in Connewitz gegründet. Im Gespräch berichtet der Verlagschef von den letzten sechs Jahren, einem ungewöhnlichen Versprechen und warum Herzblut vor Umsatz kommt.

kreuzer: Seit vielen Jahren führen Sie und Ihr Team nebenberuflich den Liesmich-Verlag. Warum nehmen Sie diese zusätzliche Arbeit auf sich?

KARSTEN MÖCKEL: Die Grundidee war, völlig unbekannten Autorinnen mit Geld und Expertise eine Chance auf die Erfüllung ihres Traumes zu geben, nämlich, ihr Buch zu veröffentlichen. Es hat uns sehr glücklich gemacht, dass wir unsere Autorin Thekla Kraußeneck samt ihrer Lektorin an einen großen Hamburger Verlag vermitteln konnten.

kreuzer: Will man die Autorinnen nicht im Verlag halten?

MÖCKEL: Es stand von Anfang an im Vordergrund, ein Sprungbrett in den Büchermarkt zu sein.

kreuzer: Läuft die Verlagsarbeit bei Ihnen darum auch anders ab?

Möckel: Wir treffen uns monatlich in einer WG oder im Park, organisieren uns größtenteils elektronisch und haben extrem flache Hierarchien, wenn davon überhaupt die Rede sein kann. Jeder darf sich in allen Bereichen ausprobieren. Natürlich haben sich im Laufe der Zeit bestimmte Abläufe etabliert und Zuständigkeiten gefestigt. Statt mündlicher Absprachen gibt es mittlerweile einen gut durchdachten Projektplan.

kreuzer: Sie bitten auf Ihrer Website um Einsendungen und versprechen, jedes Manuskript zu lesen und eine Rückmeldung an dessen Autorinnen zu senden. Haben Sie so Ihre bisherigen Autoren gefunden?

MÖCKEL: Ganz genau! Uns erreichen jede Woche neue Manuskripte, entweder per E-Mail oder ganz klassisch in einem großen Brief.

kreuzer: Selbst manche Literaturzeitschriften können die Zeit nicht aufbringen, begründete Absagen an Autoren zu schicken, geschweige denn alle Einsendungen zu lesen. Wie gelingt Ihnen das?

MÖCKEL: Es war unsere Grundidee und ist zu einem Prinzip geworden, dass jede Einreichung beantwortet wird. Natürlich gibt es nicht immer ein richtiges Gutachten, aber wir versuchen, auf Standardabsagen zu verzichten. Wir finden, es ist ein Gebot der Höflichkeit und der Anerkennung. Bei ein bis zwei Publikationen pro Jahr liegt es nun mal in der Natur der Sache, dass die meisten Antworten leider Absagen sind. Zugegeben, das macht natürlich einen recht großen Aufwand. Da wir nicht rein profitorientiert arbeiten, sondern uns auf die Fahnen geschrieben haben, in erster Linie für die Autorinnen da zu sein, leisten wir uns diesen Luxus gern.

kreuzer: Für einen so kleinen Verlag ist Ihr Konzept sehr weit gefasst. Das Stichwort ist hier »Herzblut« – Sie wollen von den Geschichten begeistert werden. Kommt es da zu Schwierigkeiten, wenn nicht alle Mitarbeiter gleichermaßen überzeugt sind?

MÖCKEL: Die Entscheidungsfindung verläuft bei uns demokratisch, aber nicht unbedingt einstimmig. Natürlich gibt es hin und wieder kontroverse Diskussionen. Es muss schon ein Konsens vorhanden sein, eben damit dann auch alle mit Herzblut an dem Projekt arbeiten, ihre Energie und freie Zeit dafür verwenden. Natürlich hat der Verleger letztlich ein Veto-Recht, aber er lässt sich sehr gern von guten Argumenten überzeugen. In letzter Zeit achten wir neben der literarischen Qualität und Einzigartigkeit der Geschichte aber auch mehr darauf, ob es eine definierte Zielgruppe für das Buch geben könnte. Wenn eine klare Zielgruppe ausgemacht werden kann, auch wenn sie nicht besonders groß ist, wie zum Beispiel die Ultra-Fanszene des FC St. Pauli, dann kann es auf einmal richtig abgehen. Ein Alleinstellungsmerkmal ist Gold wert.

kreuzer: Was wünschen Sie sich für die nächsten sechs Jahre?

MÖCKEL: Wenn Sie jetzt hören wollen, dass wir unseren Umsatz verdoppeln und immer mehr Bücher machen möchten, dann muss ich Sie leider enttäuschen. Wir wären froh, wenn die wenigen Romane, die wir veröffentlichen, noch mehr Leser erreichen und begeistern würden. Das wollen wir durch konstante Image-Pflege, liebevolle Gestaltung und natürlich durch besondere Bücher erreichen. Schön wäre, wenn der Stamm der Limis einigermaßen stabil bliebe, weil wir uns auch als Gruppe von Freundinnen verstehen.

kreuzer: Limis?

MÖCKEL: So nennen wir Liesmich-Macherinnen uns selbst gern. Und einer unserer größten Wünsche ist, dass unser Debüt »Pedalpilot Doppel-Zwo« tatsächlich bald verfilmt wird. Die Zeichen stehen sehr gut, und das würde unserem kleinen Verlag wirklich gut zu Gesicht stehen.

Dieser Text erschien zuerst in der kreuzer-Ausgabe 06/19. 

> Bisher bei Liesmich erschienen: Toni Gottschalk: »Konfetti im Bier«, Thekla Kraußeneck: »Cronos Cube«, Philippe Smolarski: »Faywel der Chinese«, Wolf Schmid: »Pedalpilot Doppel-Zwo«

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