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Weiße Schuhkartongebäude an jeder Ecke

Der Bund der Deutschen Architekten sorgt sich um die zeitgenössische Architektur in Leipzig

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Leipzig wächst und braucht Wohnungen, Schulen und Kindergärten. Stellt sich die Frage: Wie ist die Gemütslage von Architekten? Sind sie nicht die glücklichsten Menschen in der Stadt, weil sie nach der Zeit der Schrumpfung nun endlich bauen können?

Ein Treffen mit den Vertretern des Bundes Deutscher Architekten (BDA) bringt andere Erkenntnisse zutage. Uwe Brösdorf, Landesvorsitzender Sachsen, der Stellvertreter Kai Irlenbusch und der Regionalgruppensprecher Leipzig Wolf-Heiko Kuppardt konstatieren Qualitätsverlust und die Angst vor Visionen.

Der Nachteil des Booms ist beim Bummel durch die Stadt erkennbar. An allen möglichen Ecken stehen in der Mehrzahl weiße Schuhkartongebäude. Experimentelle Formen sind dort ebenso wenig zu finden wie nachhaltige Fassadengestaltung. Die Architekten sind sich einig: Das muss sich grundlegend ändern.

Uwe Brösdorf weiß aber auch um den vermeintlichen Widerspruch: »Man ist einem Druck unterworfen, der die Vision nach vorn nicht zulässt. Eigentlich müsste man jetzt innehalten. Es ist Zeit für Visionen.« Wolf-Heiko Kuppardt erinnert allerdings daran, dass dies nicht allein die Aufgabe der Architekten sei. Vielmehr stellten sich die Fragen: Was will die Stadt, was die Gesellschaft und wie kann so eine Bauaufgabe – eine Stadt für alle – überhaupt aussehen?

Die heutige Schnelllebigkeit führt dazu, dass vom »alten Raster« des Bauens kaum abgegangen wird. »Im Moment gibt es überhaupt keinen Anspruch, etwas kreativ und neu zu machen. Es ist zwar schön, dass wir alle viel zu tun haben, aber wir sind insofern alle etwas unglücklich, als die Ergebnisse nicht dem entsprechen, was es eigentlich hätte sein können«, erklärt Kuppardt. Und Brösdorf fragt: »Wann kann man Qualität erzwingen, wenn nicht jetzt, wo der Druck da ist?«

Allein ein Blick auf den Burgplatz und das Hotel samt Figurenparade an der Fassade, die einem Stil längst vergangener Zeiten nachhängt, vermittelt keine Vision für zukünftiges Bauen. Daher macht sich der BDA ernsthaft Sorgen um die Leipziger Baukultur.

»Die guten Beispiele sind alle aus Wettbewerben entstanden«

Auf die Frage nach guten Beispielen folgt eine längere Denkpause in der Gesprächsrunde. Wolf-Heiko Kuppardt nennt das KPMG-Haus (Beethovenstraße 1, 
1996/97 von Schneider + Schumacher Frankfurt/Main) oder den Neubau der Propsteikirche St. Trinitatis gegenüber dem Neuen Rathaus von den Leipzigern Schulz und Schulz Architekten und hält fest: »Die guten Beispiele sind alle aus Wettbewerben entstanden.« Daher mahnt der BDA Wettbewerbe und Prozesskultur an. Denn allein im Stadtzentrum existieren noch einige Flächen, die gestaltet werden können.

Da wäre zum Beispiel der Matthäikirchplatz, auf dem sich derzeit noch das Gebäude der ehemaligen Stasi-Bezirksverwaltung befindet. Hier stellen sich Fragen zur Nachverdichtung und einer städteräumlichen Neufassung ebenso wie die Sichtbarmachung der letzten Geschichtsschicht. Dazu bedarf es einer breiten gesellschaftlichen Debatte.

Zudem gibt es noch andere Entwicklungen, die große Areale betreffen, zum Beispiel um den Bayerischen Bahnhof. Hier wurden in der Vergangenheit seitens Politik und Stadt grobe Fehler verursacht, die jetzt nur schwer wieder zugunsten einer qualitätsvollen Stadtentwicklung korrigiert werden können. So hält Kuppardt klar fest: »Die Stadt muss die Hoheit über die Planung besitzen. Sie darf sich nicht von Privatinvestoren die Stadt planen lassen. Das ist das A und O für uns. Dort hat man aus einer falsch verstandenen Sparpolitik nicht sein Vorkaufsrecht wahrgenommen. Das muss man politisch hinterfragen und auch die Tätigkeit des Finanzbürgermeisters in Frage stellen. Wie ist das zu rechtfertigen?« Wenn nämlich die Stadt vom Investor Land rückkauft, um Schule und Kitas zu errichten, und dafür so viel zahlt wie der Investor (Stadtbau AG) für das gesamte Gelände, dann gerät vorauseilende Sparpolitik zur Farce. Es ist aber nicht die Aufgabe der Architekten, auf diese Missverhältnisse allein hinzuweisen, wie Kuppardt weiter ausführt, denn die Stadtgesellschaft muss fragen: »Wie geht ihr mit unserer Stadt um?« Das sind alles keine Einzelbeispiele, die zufällig geschahen oder geschehen.

»Die Stadt darf sich nicht von Privatinvestoren die Stadt planen lassen«

Vielmehr sehen die Architekten eine »traurige Entwicklung«: Rendite, Effektivität, keine Gedankenverschwendung zur Nachhaltigkeit – wie an den allgegenwärtigen Wärmedämmverbundsystemen an den Fassaden zu beobachten ist. Daher gibt Kai Irlenbusch zu bedenken: »Stadt ist nicht nur, dass ich einfach Wohnungen schaffe, sondern ich muss in der Verdichtung der Stadt überlegen – wie öffentliche Räume entstehen, damit die Stadt lebendig bleibt.«

Wie kann die Stadt diesem traurigen Trend entgegensteuern? Zuerst gehört Boden dazu, um den privaten Bauherrn eine Kultur vorzuleben, die als Maßstab für die gesamte Stadt gesehen wird. Die Stadt kann so als Moderatorin und Vorbild für gutes Bauen ebenso auftreten wie als Wettbewerbsausrichterin, um möglichst die besten Formen und Inhalte für die Funktionen von Raum und Fläche zu finden. Genau dort sieht der BDA seit den 2000er Jahren Rückschritte.

Wie wird über Bauaufgaben gesprochen?

Wie wird beispielsweise über Bauaufgaben gesprochen? Werden Debatten mit offenem Ergebnis geführt oder zeigen sie als Scheindebatten ein Desinteresse am kreativen Streit?

Wie würden beispielsweise Schüler und Lehrer ihre Schule bauen? Was brauchen sie? Welche Formen ergeben sich aus dem Alltag und/oder der Schulumgebung? Ein offenes Denken jenseits von Fördermittelvorgaben würde wahrscheinlich schon eine Wende in der herkömmlichen Schularchitektur hervorbringen. Darüber nachzudenken und zu sprechen gemeinsam mit Bauträgern, Nutzern und Architekten, kostet zwar etwas Zeit, die allerdings nicht verplempert wäre, wenn die Gebäude aufgrund ihrer nachhaltigen Ausrichtung auch über einhundert Jahre erhalten bleiben. Dem Argument, dass die Schulen und Kitas jetzt benötigt werden, entgegnet der BDA, dass parallel Debatten geführt werden können.

Es sind nicht nur die gerade so intensiv in der Öffentlichkeit diskutierten Bildungseinrichtungen – auch Brücken stellen Baukultur dar. Die Rolle der 
Architekten besteht dabei in der Aufschmückung von bereits feststehenden Konstruktionen.
Was muss geschehen, um diesen Abwärtstrend aufzuhalten und damit sich die Stimmung aufhellt? Ein Schritt wäre bereits getan, wenn die Stadt wieder Wettbewerbe für öffentliches Bauen initiiert, wenn Politik, Verwaltung und eine Fachjury um eine Lösung im Sinne einer vorzeigbaren Baukultur streiten. Oder wie es Uwe Brösdorf zusammenfasst: »Wir wünschen uns Offenheit in der Stadtgesellschaft auf demokratischer Basis, mit professioneller Moderation, ergebnisoffen, ohne Befindlichkeiten, variable Ansätze, um sie wirken zu lassen. So kann die Essenz herausgefiltert werden, die in der Gesamtgesellschaft tragbar ist und die auch die Lebendigkeit der Stadt widerspiegelt.« Klingt machbar.

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