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»Vielfalt ist unsere Stärke«

Queerfeministische Debatte über die Perspektiven und Folgen der Landtagswahl

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In der vergangenen Sonntagsfrage lagen CDU und AfD mit jeweils 24 Prozent gleichauf. Was heißen solche Prognosen für den Lebensalltag und die Projekte von Frauen und Queers in Sachsen? Um Antworten auf diese Frage zu finden, fand am Dienstag erstmals eine »queerfeministische Vollversammlung« statt. Ein Besuch.

250.000 Menschen haben vergangenen Oktober in Berlin eine zentrale Botschaft auf die Straßen getragen: »Wir halten dagegen, wenn Grund- und Freiheitsrechte eingeschränkt werden sollen. Unsere Vielfalt ist unsere Stärke. Wir sind #unteilbar für Gleichheit und soziale Rechte«. Der 4,5 Kilometer lange Demonstrationszug des #unteilbar-Bündnisses war der Höhepunkt eines so genannten Herbstes der Solidarität.

Drei Aktivistinnen haben dieses Konzept am Dienstagabend nach Leipzig exportiert. Für gut zwei Stunden haben sie #unteilbar auf ein Thema und die lokale Ebene heruntergebrochen und unter der Parole »Wir lassen uns nicht teilen« über Formen von rechtem Antifeminismus und die lokalen Auswirkungen des Rechtsrucks auf queerfeministische Projekte gesprochen. Während draußen bei weit über dreißig Grad Celcius der Sommer brutzelte, sprach die freie Journalistin und ehemalige kreuzer-Politikredakteurin Sarah Ulrich in den Räumen der Galerie Kub vor gut 100 Leuten mit den beiden Referentinnen Hannah Eitel und Manuela Tillmanns über den Status quo und Perspektiven in Sachsen.

Antifeministische Positionen haben Hochkonjunktur

Rechte Frauenmärsche, Homo- und Transfeindlichkeit, die Instrumentalisierung sexualisierter Gewalt, reaktionäre Geschlechterrollen, die Illegalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen – antifeministische Positionen haben Hochkonjunktur und stellen sich gegen alles, wofür emanzipatorische Kräfte seit Jahrzehnten kämpfen. Dass dies in Anbetracht der Prognosen zur Landtagswahl brandgefährlich werden könnte, wurde an diesem Abend deutlich.

Während rechte Kräfte in Ungarn bereits eine Gebärprämie für »mehr ungarische Kinder« einführten sowie die Gender Studies aus den Universitäten des Landes verbannten, wirbt auch die AfD in ihrem Programmentwurf mit einem »Baby-Begrüßungsgeld« und droht damit, Fördermittel für die Genderwissenschaften zu entziehen.

»Meine Stelle wäre dann eine der ersten, die wegfallen würden«, sagte Manuela Tillmann vom Verein Rosalinde. Die studierte Sexualwissenschaftlerin leistet mit dem Projekt Queer durch Sachsen queerfeministische Arbeit im ländlichen Raum. Was sie an diesem Abend berichtet, macht die Stigmatisierungen und den Hass deutlich, mit denen queere Menschen besonders in ländlichen Gegenden zu kämpfen haben. »Es gibt Klientinnen, die gerne auch zu Treffen nach Leipzig kommen würden, aber aus Angst vor Angriffen weder Bus noch Bahn betreten wollen. Die sind vollkommen isoliert.«

Tillmanns: AfD hat immense Wirkmacht

Im so genannten Vielfaltsbarometer der Robert-Bosch-Stiftung etwa haben knapp 30 Prozent der Sachsen auf die Frage, ob es ekelhaft sei, wenn Homosexuelle sich in der Öffentlichkeit küssen, mit »Ja« geantwortet – Sachsen belegt im bundesweiten Vergleich damit den letzten Platz.

»Solche Studien zeigen, dass noch viel mehr Arbeit zur Akzeptanz von Vielfalt geleistet werden muss«, sagte Tillmanns. Mit kleinen Anfragen, was »Pädagogik der Vielfalt« überhaupt sei, würde die AfD jedoch in die entgegengesetzte Richtung preschen. »Die AfD muss noch nicht einmal in Regierungsposition kommen, ihre Wirkmacht ist trotzdem immens«, so Tillmanns. Im selbsterklärten Kampf gegen den »Gender-Gaga« und eine angebliche »Frühsexualisierung« wittere die AfD Anknüpfungspunkte an antifeministische Debatten und Akteure außerhalb der eigenen Reihen.

Hannah Eitel vom Verein Weiterdenken der Heinrich-Böll-Stiftung gab einen Abriss über Antifeminismus, Frauenverachtung und Homo- und Transfeindlichkeit als Teil rechter Strategien. Immer wieder sei bei Pegida-Aufmärschen sexualisierte Gewalt gegen Frauen instrumentalisiert worden – als Schlachtross der einen gegen die anderen, fremden Männer. »Sie propagieren dann, dass ›ihre Frauen‹ vor Männerhorden, Messerstechern und Vergewaltigern geschützt werden müssten.« In solchen Aussagen stecke meist jedoch nicht das Recht auf sexuelle Selbstbestimmung der Frau, sondern vielmehr die beschmutzte Ehre des Volkes. »In verbalen Angriffen auf Gegendemonstrantinnen wird sexualisierte Gewalt außerdem häufig als Züchtigung formuliert«, sagte Eitel.

Sommer der Solidarität

Wie also kann ein queerfeministischer Zusammenhalt ermöglicht werden, der über die Grenzen der eigenen Komfortzone hinausreicht? Was braucht es, um Projekte im Hinblick auf die möglichen Folgen der Landtagswahlen vorzubereiten? In Kleingruppen konnten sich die Besucherinnen und Besucher darüber im Anschluss an das Gespräch austauschen und verschiedene Ideen und Projekte wie etwa den Feministischen Streik Leipzig und den queeren und feministischen Block für die geplante #unteilbar-Demo am 6. Juli in Leipzig miteinander vernetzen.

»Wir haben mal wieder gemerkt, wie gut es tut, zu sehen, dass man Viele ist«, sagte Hannah Trautmann, eine der drei Organisatorinnen der Vollversammlung. » Natürlich haben wir mit dem Titel ›Queerfeministische Vollversammlung‹ den Mund sehr voll genommen, denn es sind lang nicht alle Akteure gekommen, die für so eine Vernetzung wichtig wären. Aber wir finden es war ein guter Anfang und für die Zukunft wollen wir versuchen, noch mehr Leute zu erreichen.«

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