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»Die Frage ist, wer spricht«

Sandra Berndt über Ost- und West-Feminismus

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Dieses Wochenende veranstaltet die Louise-Otto-Peters-Gesellschaft eine Feministische Sommeruni, die im Zeichen der Wende und neuer Perspektiven aus Ostdeutschland steht. Der kreuzer hat mit der Vereinsvorsitzenden Sandra Berndt über die Unterschiede zwischen ost- und westdeutschem Feminismus gesprochen.

kreuzer: In den Infos über die Feministische Sommeruni heißt es, die Geschichte des Feminismus sei eine westdeutsche Erzählung. Inwiefern prallten bei der Wiedervereinigung zwei feministische Welten aufeinander?

SANDRA BERNDT: Vor dreißig Jahren sind das Frauen gewesen, die mit grundsätzlich unterschiedlichen Lebens- und Berufserfahrungen aufeinandergeprallt sind. Die Frauen aus dem Osten hatten vollkommen andere Forderungen als die aus dem Westen. Zur Feministischen Sommeruni werden viele Zeitzeuginnen von den damaligen Umbrüchen und feministischen Auseinandersetzungen berichten.

kreuzer: Hatten Frauen in Ostdeutschland gegenüber westdeutschen Frauen einen emanzipatorischen Vorsprung?

BERNDT: Das kann man so pauschal nicht sagen. Aber ostdeutsche Frauen hatten beispielsweise einen Vorsprung, was Gleichstellung betrifft. Das war so in der DDR-Verfassung festgeschrieben. Paragraf 218 beispielsweise legte die freie Bestimmtheit über den Körper fest, mit Paragraf 24 gab es ein verbrieftes Recht auf Arbeit. Für ostdeutsch sozialisierte Frauen fiel all das mit der Wiedervereinigung weg.

kreuzer: War Emanzipation für Frauen aus der DDR überhaupt Thema? Sie lebten ja bereits emanzipiert – hatten Berufe, verdienten eigenes Geld, ließen sich scheiden, wenn sie nicht mehr glücklich waren.

BERNDT: Was es im Osten nicht gab, war eine emanzipatorische Struktur, aus der sich eine Frauenbewegung wie in Westdeutschland herausgebildet hat. Gruppen haben sich erst spät gegen Ende der achtziger Jahre gebildet, durch eine jüngere Generation, die sich vorrangig für das Klima und den Umweltschutz, für Abrüstung und Frieden, aber auch für mehr Emanzipation zusammengeschlossen hatte. Die Auseinandersetzung mit den Rechten von Frauen und emanzipatorischen Gedanken fand in der DDR vor allem in Literatur und Kunst statt. Es gibt eine Reihe bekannter Autorinnen, die sich dem Thema in ihren Werken gewidmet haben, wie zum Beispiel Maxie Wander mit ihrer Protokollliteratur. Darüber hinaus hat die Auseinandersetzung mit feministischen Themen auch in der Literatur von Brigitte Reimann, Christa Wolf oder Irmtraud Morgner stattgefunden.

kreuzer: Wo hat Ihrer Meinung nach die stärkste Annäherung zwischen Frauen aus Ost- und Westdeutschland stattgefunden?

BERNDT: Ich denke, die stärkste Annäherung war direkt während der Umbruchszeit, als Paragraf 218 verhandelt wurde. Die sehr liberale Gesetzgebung der DDR wurde zurückgenommen, der Paragraf in die Form reformiert, die bis heute in der Verfassung niedergeschrieben ist. Für westdeutsche Frauen war das ein Fortschritt. In diesem Punkt sind Frauen aus unterschiedlichen Erfahrungsräumen aufeinander zugegangen und haben voneinander gelernt.

kreuzer: Der Begriff der »Ostfrau« ist umstritten. Warum?

BERNDT: Diesen Begriff zu benutzen, ist vor allem dann kritisch, wenn man diese Sozialisation nicht erlebt hat, denke ich. Besonders, weil das Bild der Ostfrau ein bestimmtes Frauenbild transportiert – eine toughe Frau, die selbstbewusst Familie und Beruf unter einen Hut bekommt, die sich selbstständig gemacht hat, ihre Forderungen in politische Räume getragen hat. Ein positives Bild, mit dem sich aber auch nicht zwingend alle ostdeutschen Frauen identifizieren wollen.

kreuzer: Würden Sie sogar so weit gehen, zu sagen, das ist ein antifeministischer Begriff?

BERNDT: Wenn er diffamierend benutzt wird, ja. Die Frage ist immer, wer spricht.

> Feministische Sommeruni, 28./29.6.
> https://http://www.feministische-sommeruni.de/

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