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Im Zeichen des Drehspießes

Dönerdialoge 1 bis 4: Für mich bitte mit alles – Ich ohne Tomate, bitte.

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Ein Streifzug durch Leipzig

1. Gang: Dönerstag, 4. April 2019, Shahia II

»Sag mal, sind wir hier wirklich in Connewitz?«
»Ja, Wolfgang-Heinze-Straße, Shahia.«
»Weil der Junge dort ein Lok-Trikot anhat.«
»Na und? Lass ihn doch. Schau dir lieber mal die Auslage hier an. Die hamm Rucola!«
»Weiß ich doch. Ich hab hier mal nachts ’n Dürüm gegessen, nur mit Halloumi, Rucola und Sesamsauce. Ein Fest!«
»DER NÄCHSTE, BITTE!«
»Zwei Döner, bitte. Ich mit Fleisch, Halloumi und Falafel.«
»Ich normal.«
»Okay. Normal – Salat: Alles?«
»Ja.«
»Und Sauce?«
»Knoblauch und Hummus, bitte. Ich geh schon mal raus.«
»Und bei dir? Salat: Alles?«
»Nee, nur Rotkraut und Rucola. Und Hummus – und scharfe Sauce, bitte. Dazu zwei Flaschen Mischmasch aus dem Kühlschrank.«
»Zehn Euro siebzig.«
»Elf.«

A sucht in der Besteckbox, findet aber nicht das Richtige.

»Brauchen Sie eine Gabel?«
»Ja, genau.«
»Moment.«
Während des Gabelabwaschens geht die Geschichte weiter.
»Und das ist ein Döner?«, fragt der Übernächste in der Schlange, ein 
Pizzabesteller.
»Sieht gut aus!«

A geht zu B nach draußen aufs Holzpodest direkt auf dem Fußweg.

»Weißt du, was hier richtig gut ist, mal abgesehen vom Rucola und dass sie nur Limo in Glasflaschen haben? Die Leute hier im Viertel. Was die sich so erzählen in der Schlange. Sind auch viele Vegetarier dabei, dadurch hat man immer knuspriges Fleisch, obwohl so viel Begängnis ist.«
»Stimmt. Das ist ein Problem beim Döneressen. Zu Stoßzeiten kriegste nur labbriges Fleisch. Und dann musst du antizyklisch essen. Das ist nicht gut.«
»Ich find die Hummussauce zu dick.«
»Wie, zu dick?«
»Ja, ich weiß. Aber die verläuft dadurch nicht so gut. Und die Knoblauch­sauce kommt mir ein bisschen schmalbrüstig vor.«
»Ich insistiere!«
»Oh, der feine Herr insistiert!«
»Ja, weil die Hummussauce herrlich schmeckt und weil ich es begrüße, wenn da nicht so eine alles volltriefende und übertünchende Knoblauch-
Joghurtsauce alles volltrieft und übertüncht. Und kuck doch mal, wie schön das Rotkraut aussieht und wie gut es schmeckt.«
»Da ist Zitrone dran.«
»Ich schaff meinen Döner nicht.«
»Ich meinen auch nicht.«

2. Gang: Montag, 8. April 2019, Ischtar

»Schreibt man Rotkraut eigentlich mit h?«
»Was? Nee, mit R.«
»Ich meine hinterm O – kommt da ein H?«
»Nein, da kommt ein T. Rot-kraut. 
Da ist kein H.«
»Genau! Und ich glaube, dass uns das Rotkraut damit etwas sagen will.«
»Das Rotkraut? Uns was sagen?«
»Ja, aber die Menschen hören dem Rotkraut nicht zu.«
»Aha.«
»Die Rohkostauslage ist nicht das natür­liche Habitat des Rotkrauts.«
»Aha.«
»Es fühlt sich dort nicht wohl. Klar, im 
Zusammenspiel mit Möhren sieht es hübsch aus, so lila-orange. Komplimentfarben, oder wie man sagt. Aber das ist nicht der richtige Platz fürs Rotkraut.«
»Aha.«
»Rotkraut möchte viel lieber zwischen 
einer Roulade und Klößen liegen oder neben einer Ente in einem kleinen Teich aus brauner Sauce. Schön weich gekocht, mit Schmalz und Nelke. 
Das ist seine natürliche Umgebung, da sind seine Freunde. Dort ist es zu Hause.«
»DER NÄCHSTE, BITTE!«
»Wir hätten gern zwei Döner und einen Dürüm.«

Personal und Kunden wickeln das übliche Salat-alles?-Sauce?-Spiel ab.

»Kuckt euch das an! Drei Sorten Spezi hamm die hier im Kühlschrank! 
Sogar die von Paulaner in der guten, alten braunen Bierflasche mit 
Kronkorken.«
»Ich nehm einen Ayran.«
»Mhm! Wie dieser Dürüm duftet! Schmeckt wie ein Döner, riecht aber wie ’ne Waffel!«
»Da sind auch paar Sesamkörner mit im Teig, oder?«
»Ja, stimmt. Wie der duftet!«
»Also, ich würde sagen: Hier im Bistro 
Ischtar, wo die Kunstblume nicht nur von den Tischen, sondern auch in 
beachtlicher Blüte aus dem Schaufenster strahlt, ist das Verhältnis von Fleisch zu Salat zu Sauce in Perfek­tion geraten. Man hat am Ende weder ein durchweichtes noch ein furz­trockenes Brot.«
»Das im Übrigen sehr schön knuspert.«
»Und wie dieser Dürüm duftet!«
»Und dann hab ich noch eine These zur Geheimzutat.«
»Zitrone.«
»Äh, ja, menno. Genau. So ein bisschen Zitrone im Döner bewirkt Wunder.«
»Wenn das Leben dir Zitronen schenkt, mach Döner dazu.«
»Oh, das Licht geht aus. Vielleicht wegen des Typs in den weißen Fahrrad­klamotten an der Theke. Von wegen Diskretion?«
»Nee, die machen hier immer schon früh zu. Am Wochenende ist gar nicht erst offen.«
»Plagwitz halt. Ich geh mal zahlen.«
»Ein Döner normal mit Ischtar-, Kräuter- und scharfer Sauce, ein vegetarischer mit Falafel und Halloumi, scharfer und Sesamsauce und ein Dürüm mit Sesam- und Kräutersauce.«
»Und zwei Paulaner-Spezi und ein Ayran.«
»18,50 Euro, bitte.«
»Stimmt so, danke!«

3. Gang: Mittwoch, 17. April 2019, Habibi

»Ich sags dir gleich: Du kannst heute nicht wieder einen großen Teller mit Baba Ghanoush, Halloumi, Falafel und Salat bestellen. Heute ist 
Dönerstag!«
»Ist ja gut. – Einen Döner mit Fleisch und Halloumi und Hummus und scharfer Sauce, bitte!«
»Scharfe Sauce? Schade, wieder ein 
Kunde weniger …«
»Ich hätte gern einen Dürüm mit Falafel und Schafskäse. Und mit Hummus und Kräutersauce, bitte.«

A und B machen es sich in einem der großen Schaufenster bequem, lassen die Blicke über eine alte Standuhr und den formidablen Zuckerstreuer auf dem Tisch schweifen. Es gibt keinen Flachbildschirm, dafür ein paar alberne Blechschilder. Doch zurück zu unseren Freunden, denen soeben serviert wird.

»Ui, der Döner reißt aber extrem den Schnabel auf, kuck mal.«
»Stimmt, proppevoll. Und hier, mein Dürüm, wie immer in der Mitte schräg durchgeschnitten. Sieht einfach schön aus. Hmm, und wie 
der schmeckt! Fast wie in Paris.«
»Weil man auch hier um die Wirkmacht von Minze und Petersilie in orientalischen Speisen weiß.«
»Ja, ja, ja! Wenn man bedenkt, wo Menschen überall Petersilie drauf tun, wo sie gar nicht hin gehört …«
»Kartoffeln.«
»Spaghetti Bolognese.«
»Ich hatte diese – ja zu allem Überfluss auch unmöglich zu entfernenden – grünen Schnipsel neulich sogar auf einem Ragout fin.«
»Ganz schlimm, der schöne Käse! Aber zum Döner, da passt die Petersilie wieder richtig gut!«
»Absolut. Aber was mir grad einfällt: Weißte, was ein gutes Vergleichs­kriterium für Dönerläden wäre?«
»Na, die Döner.«
»Nee! Also doch, klar. Aber man muss ja auch mal ein bisschen übern Tellerrand kucken. Und da dachte ich mir: Man könnte doch mal stoppen, wie lange man beim Döneressen sitzen muss, bis man Tee serviert bekommt. Weil den kriegt ja nicht jeder.«
»Ja, das machen wir nächstes Mal. Orr, herrlich – im letzten Bissen noch ’ne Olive. Das sind einfach Profis hier.«
»Die würden auch in den Erdbeereisbecher ganz unten ’ne Erdbeere legen. Wenn sie Eisbecher hätten.«
»Oder Erdbeeren. Oh, kuck, da kommt 
der Tee! Vielen Dank!«

4. Gang: Mittwoch, 24. April 2019, Tamers

»Also, ich sags gleich mal vorneweg. Von mir gibts hier sofort einen Zusatzpunkt, wenn ich diese herrlichen, im Grunde genommen ja tischtennisballgroßen Oliven sehe.«
»Ja, dann solltest du den Antipasti-Döner nehmen.«
»Sowieso.«
»Und ich nehme einen Döner mit Kalbsfleisch und Halloumi. Mhm, und mit gegrillter Aubergine und Paprika!«
»Jetzt kuck dir das an! Wir können uns das Zeitstoppen sparen. Hier is 
All-you-can-Schwarztee für alle von Anfang an.«
»Und Bier steht auch im Kühlschrank.«
»Also das mit den Antipasti im Döner ist schon eine sehr, sehr gute Sache.«
»So wie Zitrone und Minze.«
»Ja, genau. Und was mir hier auch sehr gut gefällt, ist der ausgeschaltete Fernseher an der Wand, in dem sich das ja nicht unwesentliche Treiben aufm Waldplatz spiegelt und be­obachten lässt.«
»Weil du grad Fernseher sagst. Hab ich das schon erzählt? Pass mal auf. Ich 
war letztes Jahr, oder vorletztes, mal in dem Dönerladen schräg gegenüber vom Reudnitzer Kaufland.«
»Du meinst aber nicht Habibi, wo wir letztens waren?«
»Ist Habibi schräg gegenüber vom Reudnitzer Kaufland?«
»Nee, aber in der Nähe vom Kaufl –«
»Es war nicht dort! Also jedenfalls bin ich in dem Laden gewesen. Der Döner war jetzt nicht berühmt, aber im beinahe schon obligatorischen Fernseher an der Wand lief eine Dokumentation über wilde Tiere. Hatte auch einen gewissen pädagogischen Anspruch. Also fragte der Sprecher irgendwann: ›Was tun, wenn man 
einem Krokodil in der Wildnis begegnet?‹«
»Gute Frage!«
»Ja, jedenfalls gabs dann so Antwortmöglichkeiten wie: Wegrennen. Ganz ruhig stehen bleiben, nicht bewegen. Dem Krokofanten das Maul stopfen. Und so weiter. Jetzt saßen da am Nachbartisch ein vielleicht vierjähriges Mädchen und seine Mutti. Und die Kleine piepste die Lösung der heiklen Krokodil-Frage in den Raum: ›Ich würde mich anfreunden!‹«
»Hach! Da gewinnt man doch glatt den Glauben an die Welt zurück.«
»Ja, aber das Gespräch ging ja noch weiter. Die Mutti also so: ›Na ja, Wegrennen ist schon besser. Kuck mal, was das Krokodil für messerscharfe Zähne hat. Das kann dich ja jeden Moment beißen!‹«
»Hattse nicht unrecht, die Mutti.«
»Ja, und das Mädchen hat dann auch kurz überlegt, aber wirklich nur ganz kurz. Und dann hat es gesagt: ›Aber nicht, wenn man angefreundet ist!‹«

> Bistro Shahia II, Wolfgang-Heinze-Str. 20, 04277 Leipzig, tägl. ab 10 Uhr
> Bistro Ischtar, Könneritzstr. 85, 04229 Leipzig, Mo–Fr 11–20.30 Uhr
> Habibi – Orientalische Spezialitäten, Dresdner Str. 56, 04317 Leipzig, Mo-Sa 11–23, So 15–23 Uhr
> Tamers Bistro, Jahnallee 31, 04109 Leipzig, Mo–Do 11–23, Fr 11–0, So 12–23 Uhr

Dieser Text erschien zuerst im kreuzer-Gastroführer Leipzig Tag & Nacht 2019/2020.

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