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Bewegtes Selbst im Postfordismus

Bis Mittwoch lädt die HGB zum ersten Diplom-Rundgang ein

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Die Hochschule für Grafik und Buchkunst lädt zum Diplom-Rundgang: Crossmediale Arbeiten, »entstellte Kunst« und Präsentationen bis unters Dach. Noch bis Mittwoch sind die Abschlussarbeiten von über fünfundsiebzig Studierenden zu sehen.

Auf einem weißen Sockel stehen Kunstblumen in einer Vase arrangiert. Der Empfang in der Hochschule für Grafik und Buchkunst in der Wächterstraße wirkt gediegen.

Erstmals lädt die HGB zum Diplom-Rundgang ein. Zur Premiere sind die Abschlussarbeiten von über fünfundsiebzig Studierenden in fast dreißig Räumen zu sehen. Nach dem Protestrundgang gegen die Sparpolitik des Freistaates im leeren Akademiegebäude zum Ende des Wintersemester bietet sich nun die Chance die Ergebnisse des Winter- und Sommersemesters gleichzeitig zu betrachten. Wurden in den Jahren zuvor die Diplome in der Galerie und im Festsaal präsentiert, können nun in vielen Klassenräumen die Arbeiten in einem größeren Umfang beurteilt werden. Die Zusammenstellung in den Räumen orientiert sich nicht an den Fachbereichen, sondern mehr an Inhalten und Materialien. Dieses von der HGB-Galeristin Ilse Lafer verantwortete Programm führte dazu, dass sich die Diplomanten mit ihren Studienkolleginnen und -kollegen in den Räumen arrangieren müssen. Für die Besucher besteht der große Vorteil vor allem darin, mehr von den Diplomen zu sehen. Ein kleiner Katalog bietet ein handliches Erinnerungsstück und erklärt die Ansätze der künstlerischen Arbeiten.

Das Erbe der Faschisten

Die Heimeligkeit im Foyer wird bereits in der Galerie gebrochen. Hier finden sich neben Diplomen auch erste Ergebnisse des Projekts »Entstellte Kunst«, das Adam Szymczyk mit Studierenden organisiert. Von der Decke hängen Recherchen zur Ausstellung »Entartete Kunst«. Dabei geht es um die »Dekonstruktion totalitärer historischer und zeitgenössischer Sprache«, wie die Initiatorin Ilse Lafer beim Presserundgang am Freitag erklärte. So finden sich auf Folien Zitate, die die Nationalsozialisten zur Ausstellung 1937 auswählten, um die künstlerische Avantgarde zu diskreditieren. Die ebenfalls in jenem Jahr an den Wänden zu lesenden Adolf-Hitler-Zitate zur Rolle der Kunst im Nationalsozialismus sind allerdings kaum zu entziffern. Die Präsentation bildet den zweiten von vier Teilen einer Recherche, die im Herbst zu einer Ausstellung führen.

Bewegtes als Trend

Anders als in den Jahren zuvor wurde kein »Kinosaal« eingerichtet, um die Bewegtbilder im dunklen Raum zu projizieren. Stattdessen verbinden sich nun Schrift, Grafikdesign, Malerei mit Filmarbeiten, die im Abschlussjahr 2019 eine große Zahl einnehmen. Daher ist etwas Zeit für den Rundgang auf jeden Fall zu empfehlen. Die Filmarbeiten reichen vom Musikclip, der sich auf Youtube bewähren soll, über eine filmische und auditive Recherche zum Lumumba-Denkmal, bis zu Berichten von Sexarbeiterinnen.

Aber auch Installationen finden sich in vielen Ausstellungsräumen. Dabei werden wie in den bewegten Bildern die unterschiedlichen Auseinandersetzungen um das Selbst im Postfordismus thematisiert – wenn es beispielsweise mit der Entspannung einfach nicht mehr klappt, weil die Arbeitsmoral stetig nagt.

Bis unter das Dach reichen die Präsentationen. In der Lichtkuppel sind die Requisiten für ein Singspiel ausgestellt. Die Texte stammen unter anderem aus dem HGB-Alltag. So ist vom Aktionstag #wessenfreiheit zu lesen. »Ich wünsche mir mehr weibliche Lehrende gerade im Grundstudium Buchkunst« samt der Beobachtung, dass die Debatten von männlichen Studierenden geführt werden.

Lafer nannte am Freitag den Rundgang ein »gewagtes Format«. Das Wagnis ist auf jeden Fall aufgegangen und kann sich gern als Sommerstück zum Winterrundgang weiterentwickeln.

Und noch ein Reisetipp über den Tellerrand:
Auch im benachbarten Halle können die Diplome von der Burg Giebichenstein noch bis zum 28. Juli angesehen werden.

Hochschule für Grafik und Buchkunst, bis 17.7., 14 bis 20 Uhr
http://www.hgb-leipzig.de

Burg Giebichenstein Halle, 19.-21. und 26.-28.7. 14 bis 19 Uhr
http://www.burg-halle.de

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