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The day after

Festivaltagebuch: Metal satt und Kaffee und Kuchen obendrauf servierte das In-Flammen-Open-Air

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Nur noch die umgedrehten Holzkreuze ragen aus dem Boden. Sie sind verkohlt und blutverschmiert. Ansonsten ist die Wiese so gut wie sauber, der Entenfang fast besenrein. Am Sonntag Mittag konnte man kaum noch erahnen, was sich hier am Rande Torgaus die letzten drei Tage ereignete; einen derartigen Abriss sowieso nicht.

Noch Stunden zuvor zerschnitten Schlagzeugdonner und Gitarrensägen, Bassgewummer und Lichtblitze die Luft. Nachdem der letzte Life-Act verklang, saß ich noch bis vier Uhr an der Bar mit dem strangen Namen Froschkotze herum. Und beobachtete, wie viele Männer um die Handvoll Frauen buhlten. Und das Personal begann sich auch massiv zu betrinken. War ja der letzte Abend. Außerdem drückte die Musik gerade so gut.

Um die 1.000 Menschen kamen seit Donnerstag zusammen, um Metal satt zu hören. Immer wieder traf ich neben vielen bekannten Gesichtern auf Menschen, die das erste Mal hier waren. Längst hat sich das Festival vom Geheimtipp zu einem wichtigen Undergroundfestival in Ostdeutschland entwickelt. Wo früher die sächsischen Herzöge ihre Entenbraten züchteten, kocht Thomas Richter jährlich sein höllisches Süppchen. Zum 14. Mal lud er ins Naturschutzgebiet namens Entenfang. Ziel ist das dreitägige zwanglose Zusammenkommen bei guter Musik. Dann das ist die Grundidee: Jeden Schnickschnack weglassen und sich aufs Wesentliche zu konzentrieren. Statt Wettbewerben ums kurvenreichste nasse T-Shirt oder das geschickteste Luftgitarrenspiel wie auf anderen Festivals geht es hier nur um die Musik.

Da war einiges dabei im Booking, das die verschiedenen Metal-Geschmäcker erfüllte. Einziger Minuspunkt war für mich der Auftritt von Mgla: Die Band aus Polen ist umstritten, unter anderem weil ihr Frontmann ein Soloprojekt mit neonazistischen Inhalten betreibt. Man darf auch darüber streiten, ob sich eine Band, die noch dazu auf einem einschlägigen Label veröffentlicht, als unpolitische Band durchgehen darf – wie sich Mgla bezeichnen. Zugegeben, ihr Auftritt bestand nur aus Musik – im Übrigen keiner schlechten, was ja nichts heißt. Einige, mit denen ich sprach, fanden den Umstand des Gigs ungut, aber dabei blieb es. Ein kollektives Wegbleiben eines Großteils des Publikums wie bei Nargaroth vor vielen Jahren, blieb aus. Da könnte man mal nachsteuern beziehungsweise vielleicht einfach nur auf safe Bands setzten. In der Zwischenzeit kann man drüber schnacken, was das eigentlich sein soll, eine unpolitische Band. [Hint, gibt das so‘n Song von … But alive.]

Das zum Gemecker. Denn das Festival hinterließ darüberhinaus nur einen überwältigend positiven Eindruck. Vielleicht lag es an mir oder ist Zufall, aber ich habe nur nette Menschen getroffen. Die Friede-Freude-Eierkuchen-Stimmung war schon hippiesk, gelassen-sympathisch war die Atmosphäre. Ohne lästige Zwischenkontrollen konnte man übers Gelände schlendern, das sowohl Bühne wie Campingareal war. Seinen eigenen Alk durfte man mitnehmen, was zur Stimmung beitrug. Leer waren die Bierstände trotzdem nie. Auch Kaffe-und-Kuchen-Tafel wurde wieder aufgebaut. Weil der Festivalbetrieb nicht stressig genug ist, servierte die Crew den Metal-Fans Selbstgebackenes – gratis.

Bandtechnisch war für mich einiges dabei. Den Donnerstag musste ich leider skippen, aber ich habe mir sagen lassen, dass er sich von Vorglühtag zum eigenständigen Festivaltag entwickelt hat. Am Freitag groovten mich nach ersten Soundproblemen am Drum Misery Index gut ein. Das ging einfach hübsch nach vorn und ließ schon mal blicken, was Dying Fetus am nächsten Tag abfackeln sollten. Klarer Abräumer am Freitag waren Wandar: Aufgrund eines technischen Defekts (Regen war wohl Schuld) spielten sie erst spät auf der Nebenbühne in direkter Konkurrenz zum Black-Metal-Pendant 1349. Ihr hoch melodiöses Schwarzgebräu lullte mich herrlich ein. Die Hallenser zeigten sich mit reifen Kompositionen, deren überraschende Wendungen stets durchdacht klangen, nicht nur auf Effekt aus waren.

Als ähnlich versiert entpuppten sich Chapel of Disease mit einem sehr melodischen Death-Metal. Trotz aller Harmonien fielen ihre Songs nicht im Druck ab oder wurden zu seicht. Am meisten überzeugte schließlich der Samstag-Headliner: Dying Fetus peitschten ihre Songs nur so ins Publikum. Ihr hochtechnischer Death-Metal wurde von Drums in Hochgeschwindigkeit vorangeschoben. Ständige Rhythmuswechsel den Melodien, triumphierende Gitarren und allerlei Brüche in den Songstrukturen machten ihren Auftritt zu einem abwechslungsreichen Schweißtreiber, der mir auch ein paar Tränchen rausdrückte. Das war einfach euphorisierend überschießend, so dass am Tag danach Augenreiben anstand. Habe ich das wirklich über- ähm erlebt?

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