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Die zehn Gebote

Die Gottheit spricht: Zehn Gebote für die Festivalsaison (eins ist von Goethe, dem alten Rocker)

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Husch, husch, raus aufs Feld, die Festivalsaison ist da. Damit die Lust jedoch nicht zum Frust wird, hier der offizielle Verbraucherguide in Sachen Party unter freiem Himmel

1 Die Nachbarn kennen
Kram hinwerfen, Dose knacken, vor dem Aufbau aber unbedingt nach links und rechts schauen. Natürlich stehen auf einem Festival Peace, Love and Unity an erster Stelle, an zweiter die Mutter der Porzellankiste. Unbedingt zu meiden sind Hippieschnorrer (»… auf La Gomera haben wir immer alles geteilt, weißte, ich bin hier ohne Kohle hingekommen …«) und besonders wahre Metaller (»Komm, nimm dir was vom Met, und ich erklär dir die nordischen Götter«).

2 Genug schlafen
Mag der Geist noch so willig sein, dem Körper hat die Natur perverserweise gewisse Grenzen gesetzt. Der professionelle Festivalgänger besitzt deswegen einerseits die Eskalationsfreudigkeit eines irischen Punkers, andererseits die fanatische Self-Care-Attitüde eines Kreuzberger Schwaben im Vorruhestand: Mittagsschlaf muss sein, und Schlag drei Uhr nachts ist Ruhe im Zelt!

3 Dosenravioli und Klopapier sind deine Freunde
Nimm ausreichend davon mit. Frag nicht, mach es einfach. Kommt der Moment, dann wirst du für den Rat sehr dankbar sein. In der Not frisst der Teufel Dosenravioli auch kalt.

4 Auf den Boden schauen
Die Gottheit des Gemetzels fordert nicht nur Tribut in Form von Blutergüssen im Moshpit. Manchmal gibt sie auch. Wer jemals »Diablo« gespielt hat, ist bestens vorbereitet: Erst einmal alles mitnehmen, was auf dem Weg liegt und gerettet werden muss – Tabak, Papers, Matratzen, Tabak mit Gras drin, Wasserpistolen, Getränkemarken oder auch mal den Nachbarn, der allein nicht mehr zum Zelt findet.

5 Tanz- und Spielbein bedienen
Wichtiger, als zu wissen, wann man aufhören muss, ist zu wissen, wann man tanzen muss! Also, rein in Moshpit, Hüpfgruppe und Swing-Crew. Zu viel bloßes 
Herumstehen macht nur Rücken. Bei den Moves hat man die Wahl des Trainingsziels: Der Teigrührer macht wirbelschonend beweglich, Krebs und Maurer sind gut für den Bizeps. Und Headbangen macht die Haare schön.

6 Meide lange Wege
Du wirst sie ohnehin gehen müssen, darum plane Umwege nicht extra ein. 
Neben Tanzen und Abhängen besteht die Hauptaufgabe auf einem Festival darin, den eigenen Körper hin und her zu schleppen. Alkoholnachschub will transportiert, der Leib entleert werden. Immer ist es zu warm oder zu kalt, zu trocken oder nass, so dass die Klamottenfrage der Motor langer Wege wird.

7 Treibstoffhaushalt
Plane den Festivalaufenthalt wie eine Antarktisreise. Nimm also genügend Alkohol, Tabak und Blättchen, Akkus und alles andere mit, das ballern soll. Man weiß nie, ob man was vor Ort nachkaufen kann. Mit Vorräten ausgestattet, brauchst du dich nicht zu sorgen, hast den Kopf frei fürs – Ballern.

8 Love the Red Herring
Es gibt kein unnützes Festival-Tool, solange es Spaß bereitet oder das Zelt verstärkt. Alles ist mit allem kombinierbar, denn Festivals sind wie Abenteuer auf der Affeninsel. Alles ist machbar, nur nicht immer zielführend. Festivals stellen kleine Ausnahmezustände dar, sie sind Auszeiten zum Toben, Hüpfburgen mit Promillezuschlag. Und irgendwo lauert immer der Brückenwächter.

9 Nicht einschlafen
Es gibt immer etwas zu sehen oder zu hören oder zu trinken oder zu fühlen, und das muss man mitnehmen. Schlafen kann man den ganzen Winter über und sollte das auch tun, damit man auf dem Gelände drei Tage stehen und tanzen kann. Wenn dann ab Stunde 50 diese lustigen bunten Störungen im Sichtfeld eintreten, will die Gottheit des Gemetzels dir damit sagen, dass du auf dem rechten Weg bist.

10 Sich an die richtigen Momente erinnern
Wie schrieb schon Goethe über diesen Moment beim Set der Chemical Brothers auf dem Glastonbury 1997, als seine Pille knallte: »Verweile doch, du bist so schön.« Den langen Marsch der Mühsal zum Zeltplatz, das missglückte große Geschäft auf der Klobrille vom Dixi, die Bierpreise: Kann man getrost vergessen. Aber dieser Flug durch die Luft überm Moshpit, nachdem dich dieser belgische Hüne zwei Meter weit getackled hat, der wird bleiben. Das ist die Ewigkeit.

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