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Raumkunst

Ein unbekannter Planer bekannter Leipziger Gebäude: Der Architekt Otto Fischbeck

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Manch ein Gebäude in Leipzig ist weitaus bekannter als sein Planer. Was den Architekten Otto Fischbeck angeht, soll sich das nun ändern. Dank der Leipziger Projektgruppe Zeitraumort und einer Ausstellung , die ab dieser Woche in der Südvorstadt zu sehen ist.

Der 100. Geburtstag des Bauhauses kann zu großen Überraschungen fernab von Weimar und Dessau führen, wenn nämlich gefragt wird: Wer hat eigentlich dieses heute noch so funktional wirkende Haus in der Zschocherschen Straße 14 errichtet? Zwischen altem und neuem Felsenkeller befindet sich seit 1929 eine Bibliothek, und vor allem nach der jüngst absolvierten umfangreichen Sanierung sind die vielen modern-funktionalen Elemente samt ihrer besonderen ästhetischen Wirkung wieder erfahrbar. Dazu zählen das sowohl im Inneren wie auch Äußeren zu erlebende Licht- und Farbkonzept, der große Balkon im obersten Stockwerk – wie gemacht dafür, Wissen und frische Luft zu genießen. 1929 wurde das Haus als IV. Städtische 
Bücherhalle nach den Plänen des Leipziger Architekten Otto Fischbeck mit einigen Neuheiten im Bibliothekswesen eröffnet. Im Erdgeschoss gab es eine Aufbewahrungsstätte für Fahrräder, die Garderobe und Toiletten sowie erstmals in Leipziger Bibliotheken ein Kinderlesezimmer. In der ersten Etage waren der Bücher- sowie der Zeitschriftenlesesaal und die Ausleihe zu finden. Darüber befand sich der Vortragssaal.

Ein Jahr später folgte der Neubau der II. Bücherhalle in der Steinstraße, Südvorstadt ebenfalls nach Fischbecks Plänen. Wer vor dem Gebäude steht, dem fällt sofort das stimmige Ensemble zwischen der Bibliothek und den seitlich angrenzenden Wohnhäusern vom Leipziger Architekten Johannes Koppe auf. Die Fachpresse urteilte, dass es sich hier um ein »elegantes städtebauliches Ensemble« handle, und dem kann das heutige Publikum zweifelsohne zustimmen. Wer dagegen im aktuellen Architekturführer von Leipzig nachschlägt, findet weder den Namen des Architekten noch die Bibliotheksgebäude, trotz ihrer vielfältigen Neuerungen.

So steht der Wiederentdeckung des Architekten nichts im Wege. Die Leipziger Projektgruppe Zeitraumort beginnt mit einer Ausstellung auf 16 Foto-Text-Tafeln, die bis Herbst zuerst in der Bibliothek in Plagwitz und im Anschluss in der Südvorstadt zu sehen ist.

Otto Fischbeck wurde 1893 in Leipzig geboren. Über seinen Ausbildungsweg ist bisher nichts bekannt. Er arbeitete in verschiedenen Architekturbüros – in Leipzig »eventuell« bei Emil Franz Hänsel. 1925 eröffnete Fischbeck sein eigenes Büro in der Pfaffendorfer Straße 12 und warb auf der Visitenkarte mit »Raumkunst«.

Die Kunst des Raumbildens in Verbindung mit Vorstellungen zur Volksbildung unter kargen finanziellen Voraussetzungen in der Weltwirtschaftskrise führte so zu den ersten kommunalen Bibliotheksneubauten in Leipzig. Im Gegensatz zur 1891 nach den Plänen von Arwed Roßbach errichteten repräsentativen Universitätsbibliothek, in der unzählige Stufen überwunden werden müssen, um im Lesesaal anzukommen, fällt dem Besucher in der Steinstraße der am rechten Seiteneingang noch vorhandene Schriftzug »Kinderlesezimmer« auf. Wie auch in Plagwitz findet sich diese neue Bibliotheksabteilung ohne räumliche Hemmschwelle ebenerdig, in einem farbfrohen Raum. Niedrigschwelliger kann ein Angebot nicht sein. Die Ideen stammen – wie eine Tafel in der Steinstraße erinnert – vom Gründer der Leipziger Bücherhallen Walter Hofmann. Die aus dem Jahr 1996 stammende Tafel vergisst sowohl seine Ehefrau Elise Hofmann-Bosse als auch den Architekten, der dem neuen System von Volksbildung ein zeitgemäßes Raumkonzept verpasste.

Hofmann hatte zuvor mit seiner Frau in Dresden-Plauen eine freie öffentliche Bibliothek organisiert und empfahl sich mit der Errichtung von vier Stadtteilbibliotheken, damals noch Bücherhallen genannt, als Reformator des öffentlichen Leipziger Lesens. Das Paar gestaltete das Bibliothekswesen samt Einrichtungen und Lehre neu. Dazu gehörten eine Forschungsstelle, Erhebungen zur Leserschaft – beispielsweise zu den Goethe-Lesern. Bücherhallen sollten erzieherisch wirken, sinnvolle Nutzerstrukturen aufweisen, über Vortragsraum, Kinderlesezimmer sowie Zeitungslesesaal verfügen und Öffnungszeiten haben, die allen eine Nutzung ermöglichen. Außerdem realisierte Fischbeck 1931 in Wahren den Wohnblock Rohlandseck an der Kirschberg-/Seelenbinderstraße. In der Siedlung für Kriegsblinde in Großzschocher und in Dölitz finden sich noch Siedlungshäuser von ihm.

1934 emigrierte er mit seiner zweiten Ehefrau Margarete Friedland, die er in Leipzig kennengelernt hatte, nach Palästina und vier Jahre später nach Südafrika. Mitte Oktober 1939 erfolgte seine Ausbürgerung aus Deutschland, 1942 eröffnete er sein eigenes Büro in Südafrika, kehrte 1968 nach Deutschland zurück und starb zwei Jahre später in München.

■ Otto Fischbeck. Ein Architekt aus Leipzig: ab 22.7. Bibliothek Südvorstadt

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