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Editorial 08/2019

Das neue Heft ist da!

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An dieser Stelle veröffentlichen wir das Editorial der August-Ausgabe des kreuzer. Weil Chefredakteur Andreas Raabe Urlaub macht, hat Theater-Redakteur Tobias Prüwer das Ruder übernommen.

Zauberwort Zwischennutzung: Alle, die einst an dessen Magie glaubten, singen heute den ZZ-Top-Blues. Denn die Zwischennutzung (Stichwort: Wächterhäuser) hielt nur, was sie versprach: Bausubstanz eine Zeit lang zu sichern, bis ein Investor Interesse und Scheckheft zeigte. Und doch träumten viele davon, auf diese Weise für immer eine billige Bleibe gefunden zu haben, ein Provisorium von Dauer zu bewohnen. Hoffnung gab ihnen das Soziologenwort Schrumpfende Stadt.

Das Motto galt noch vor zehn Jahren, aber ist lange perdu. Seitdem schlumpft Leipzig unaufhörlich und im Schlumpfdorf werden die Pilzhütten knapp. Wie umkämpft der Wohnungsmarkt ist, können Sie in unserer Titelgeschichte nachlesen. Obwohl es sich hier im bundesweiten Städtevergleich noch relativ günstig wohnt, steigt der Druck. Und steigt. Und steigt. Wenig- und Unvermögende leiden schon länger am Wohnungsmarkt. Verdrängung, die Trennung sozialer Gruppen, findet statt und nimmt zu. Neben der Lageanalyse haben die kreuzer-Autorinnen Lösungsmöglichen zusammengestellt. Kaufen oder besetzen, in die Peripherie ziehen oder doch Mieter bleiben: Unsere kleine Handlungsanleitung berät Sie je nach individueller Situation. Alles muss man halt selbst machen, solange die Politik nicht endlich durchgreift. (S. 14-22)

Ach ja, die Politik. Über zu geruhsame Zeiten kann man sich gegenwärtig nicht beschweren. Besonders nicht bei der SPD. Wie es für sie nach den Verlusten der Kommunalwahlen in Sachsen weitergehen soll, verraten einige Leipziger Mitglieder (S. 12-13). Wie brauner Ungeist in Kunst und Kabarett herumspukt und was man davon halten soll, mussten wir auch einmal mehr notieren. (S. 48 u. S. 58) Im Grunde ist es ja gut, wenn diskutiert wird – wenn diskutiert wird, statt bockig aufzustampfen. Daher beherzigen Sie bei der nächsten Diskussion Hans-Georg Gadamers Worte, der war immerhin mal Rektor der hiesigen Uni: »Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte.«

Als Gadamer in der Stadt weilte, war an die Seenlandschaft noch nicht zu denken. Sie ahnen bereits die Pointe. Ein großer Teil dieses Heftes ist wieder am Cospudener See entstanden. Selbe Stelle, selbe Welle: Wer sich an das Foto im Editorial des letzten August-kreuzer erinnert, weiß, was ich meine. Darum will ich Sie hier gar nicht weiter aufhalten (liest eigentlich jemand Editorials?) – was im Heft steht, erfahren Sie ja im famosen Inhaltsverzeichnis. Wenn es eine solche Übersicht nicht schon gäbe, müsste man es erfinden. Ich möchte Sie daher lieber ermuntern, rauszugehen. Genießen wir alle die Natur, solange wir noch können.

In diesem Sinn, komm ins Hoffende, Freund!

PS: Noch ein Philosophen-Rat gefällig? Leipzig-Hasser Friedrich Nietzsche zeigt, dass man nicht immer brillant sein kann:
»Der Sonne fluchen alle Matten;
Der Bäume Werth ist ihnen – Schatten!«

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