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Im Visier

Leipzig muss Kunst, Kultur, Wissenschaft und Sport stärker für Gäste bewerben

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Hoteleröffnungen en masse: Soll dem Boom keine Pleite folgen, braucht die Stadt eine neue Marketingstrategie, kommentiert Gastro-Redakteurin Petra Mewes.

Steigende Gästezahlen in Leipzig sind zunächst eine frohe Botschaft. Im vergangenen Jahr lag die Zahl mit 3,4 Millionen Übernachtungen über der von 2017 mit 3,17 Millionen. Das weckt Begehrlichkeiten der Finanzbranche. Kurz auf den Nenner gebracht: Wenn Geld auf der Bank keine Zinsen mehr bringt, wird in Betongold investiert, am liebsten in solches, mit dem sich anschließend weiter Geld verdienen lässt. Genau deshalb steht der Hotelmarkt stark im Visier nationaler und internationaler Investorengruppen. Die Baukräne drehen sich. Dabei sind hier bereits knapp 19.000 Hotelbetten vorhanden: ein Mix vom Low-Budget- bis zum Fünf-Sterne-Haus, konzipiert für Individual- wie Geschäftsreisende.

Doch es sind bereits weitere 3.000 Zimmer mit 6.000 Betten im Bau oder in Planung. Wenn die Kapazitäten bis 2021 auf 22.000 Betten steigen, wird es schwer, diese zu füllen. So will zum Beispiel im Oktober die Wiesbadener Investorengruppe Fibona mit ihrer Marke Charly’s House starten. Am Burgplatz eröffnete die NH-Gruppe ein Vier-Sterne-Hotel mit 197 Zimmern. H-Hotels bauen am Hauptbahnhof gleich zwei Häuser und bieten dann an drei Standorten in der Stadt knapp 1.000 Betten. Mit dem Astoria wird gerade ein altes Grandhotel wiederbelebt. Wettbewerbsdruck in einem überhitzten Markt führt meist unweigerlich dazu, dass die Hotels zum Billigheimer werden. Unrentable Betriebe gucken über kurz oder lang in die Röhre. Die Immobilienbranche schielt zwar auf die Messe, weil dort gesagt wurde, wir brauchen mehr Betten, um größere Events zu bekommen.

Petra Mewes ist Gastro-Redakteurin des kreuzer.

Doch das reine Messegeschäft geht zurück. Internationale Zugpferde wie die Automobilmesse oder die Games Convention finden nicht mehr statt. Die Besucherzahlen der Buchmesse sind mit rund 286.000 zwar 15.000 höher als im Jahr zuvor. Aber die Hotellerie kämpft dennoch mit Einbußen bei Auslastung und RevPar, dem Erlös pro verfügbarem Zimmer, denn gleichzeitig ging die durchschnittliche Auslastung an den Buchmesse-Tagen um 4,1 auf 80,3 Prozent zurück. Der Blick auf die Kennzahlen von 2018 zeigt nach Recherchen des Branchenblatts Allgemeine Hotel- und Gastronomiezeitung, dass diese schon das zweite Jahr in Folge im Vergleich zum Vorjahr rückläufig waren.

Zusätzlich müssen die Hotels seit Januar 2019 eine Gästetaxe an die Stadt abführen. Bei den Spielen der Profis von RB Leipzig sind die Übernachtungseffekte noch gering, weil die Besucher selbst bei internationalen Spielen meist aus der Region kommen und zu Hause schlafen.

Was Leipzig jetzt braucht? Eine starke Marketingstrategie, um Kunst und Kultur, Wissenschaft und Sport stärker zu bewerben. Laut LTM-Chef Volker Bremer erhöhte sich die Anzahl der Tagungen und Kongresse bereits »signifikant«. Doch für viele ausländische Besucher ist der Osten Deutschlands noch immer ein weißer Fleck. Dort gilt es, weiter anzusetzen. Das Spinnereigelände, die Freie Szene, kreative Ausstellungsformate im Kunstkraftwerk, aber auch die Musikstadt sind verwertbare Themen. Ob das Clara-Schumann-Jahr 2019 nachhaltig strahlt, muss sich zeigen. Zusätzliche positive Effekte erhofft sich Bremer vom aktuellen Bauhausjahr, 2020 vom Jahr der Industriekultur. Auch das Neuseenland und dessen Bergbaufolgelandschaft sowie die Entwicklung des Zoos bergen Potenziale, neue Zielgruppen anzusprechen. Nur: Wenn Leipzig wirklich »boomen« will, bedarf es zusätzlicher Infrastruktur, mehr öffentlicher Verkehrsanbindungen und vor allem eines neuen Verkehrskonzepts.

Dieser Text erschien zuerst im kreuzer 08/19. 

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