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Ab durch die Mittagspause

Kantinen-Check: Diese öffentlichen Mittagstische können wir wärmstens empfehlen

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Wenn im Kloster das Refektorium zur buchstäblichen Wiederherstellung der Gottesanbeter diente, so ist die Kantine der Mittagstisch für Arbeiter und Angestellte. Schlange stehen und Selbstbedienung sind die Kernelemente dieser preiswerten Ernährungsmöglichkeiten. Doch die Einrichtungen widerlegen das Klischee: Gelassenheit statt Hektik und durchweg freundliches Personal waren es, die uns auf den Streifzügen zur Speisung der Pausierenden begegneten. Und das Beste: Diese Kantinen bedienen nicht nur die Mitarbeitenden, sondern auch die Allgemeinheit.

Die Bürger-Burg
Wo einst die Pleißenburg stand, wartet das Neue Rat­haus mit der Bürgerspeisung auf. Trotz einer gewissen Biederkeit hat der Raum etwas von Exklu­sivität, wenn Politik und Öffentlichkeit hier beim Mahl zusammentreffen. Die Rathauskantine bietet die größte Auswahl im Check. Auch wenn es mal ein Chili con Carne sein darf, ist die Küche bürgerlich und bietet drei Hauptgerichte (4 bis 5 Euro), mehrere Nachtische, belegte Brötchen, Salatbar, Obst und drei Mal pro Woche einen Wok. Vegetarische Hauptgerichte gibt es nicht immer. Groß ist meine Portion marinierter Apfel-Zwiebel-Hering an Kartoffeln (4,50 Euro), die den Kalorienbedarf von Kopfarbeitern klar übersteigt. Schmackhaft, aber nicht pikant ist die Speise. Feiner leert sich das Mascarpone-Becherchen (1 Euro). Von den kalten – auch Bier gibt es – und warmen Getränken lasse ich mir eine rote Fassbrause (1,30 Euro) schmecken. Am besten meidet man die Kernzeit zwischen 12 und 13 Uhr, in der die Stadtangestellten ihre Mahlzeit einnehmen – und damit langes Anstehen. Mit seiner Stuckdecke, alten Stadtansichten an den Wänden und bemüht heimeliger Innenraumgestaltung ist die Kantine auch optisch eine nette Alternative zur durchkommerzialisierten Innenstadt.

Speisen unterm Lastkran
Ist die Rathauskantine klassisch gestaltet und nostalgisch durchsetzt, so gibt sich die Kantine des Kranherstellers Kirow modern und klar, transparent und robust. Im hohen, hellen Raum zeugen Leitungen, T-Träger und ein Transportkransystem an der Decke vom Industriezeitalter. Werksarbeiter sowie in der nahen Spinnerei Ansässige können zwischen einem vegetarischen und einem Fleischgericht wählen 
(7 Euro). Brötchen mit Belag, eine Suppe und eine Salatbar versorgen den kleinen Hunger. Zusätzlich kann man sich wie ich eine Bowl (5 Euro) mit allerlei Gemüse, Nudeln, Reis, Obst und Hühnchen in Tandorimarinade (plus 2 Euro) zusammenstellen. Das ist pikant, aber im Preisleistungsvergleich teuer. Auf den blass aussehenden Pudding (2 Euro) ver­zichte ich.

Gemütlich verwinkelt
Leicht zu übersehen ist die Kantine in der Volkshochschule. Die verwinkelten Räume im Erdgeschoss mit schlichter Holzbestuhlung und wechselnder Fotoausstellung sind ganz gemütlich. Aber hier kann es schnell eng werden. Alle Zeichen stehen auf Fleisch, es gibt kein Obst, keinen Nachtisch – außer Schokoriegel –, kein Beiwerk. Auch die Getränke sind übersichtlich; ich zische eine Cola (1,50 Euro). Bockwurst und andere Imbissangebote stillen den kleinen Hunger. Statt Spätzle an Huhn (4,90 Euro) nehme ich Scholle mit Schwenkkartoffeln (5,20 Euro). Der Fisch ist gut, die Panade etwas zu dick. Dafür überzeugt mich der Gurkensalat mit viel Dill in seiner Knackigkeit. Der ist frisch gemacht, keine halbe Stunde alt. Und seine Würze hallt noch lange angenehm in meinem Mund nach.

Freiluft und Alternativdesign
Einen Schwenk ins Postmoderne, hinein in den Mix der Stile, macht die Kantine im Tapetenwerk. Auf Gäste aus dem Werkstatt-Atelier-und-Galerie-Komplex aus­gelegt, bildet das wie aus Haushaltsauflösungen zusammengewürfelte Interieur das, was gemeinhin als alternativ gilt. Hölzern ist die Bestuhlung, auf den Tischen stehen frische Blumen in kleinen Vasen. Im freundlichen Raum, an der Decke 
abgekratztes Mauerwerk, erstrahlen die Wände in Gelb-Orange. Auch ein luftiger Freisitz steht zur Verfügung. Es gibt täglich wechselnde vegetarische oder vegane Suppen (4 Euro) und jeweils ein vegetarisches und ein Fleischgericht. Meinen 
Spinatteller (7 Euro) hätte ich auch mit Bratwurst (plus 1,50 Euro) bestellen können. Die Portion ist üppig, leider werden ungeschälte Pellkartoffeln statt der angepriesenen Salzkartoffeln serviert. Sie sind lauwarm und ungewürzt. Dafür mundet der Spinat delikat und jenseits aller Tiefkühlangebote. Das sowie der ausgesuchte, als Riesenbouquet gereichte Wildkräutersalat versöhnen. Das Joghurt-Honig-Gläschen (1 Euro) schmückt eine Blaubeere.

Hell mit Blick ins Grüne
Aufgeräumt, hell und klar erstrahlt das Bistro in der Bio-City. Für das viele Licht im in Anthrazit gehaltenen Raum sorgen die großen Fensterfronten. Der Blick geht aufs Grün, im Hintergrund grüßt der Russische Pavillon. Zwischen Forschern und anderen Natur­wissenschaftlern isst man hier. Auch ein paar Besucher der Nationalbibliothek kommen rüber, denen ihr Speiseangebot dort ein bisschen zu deftig ist. Die vegetarische Auswahl ist zwar nicht üppig, aber vorhanden. Die Rezepte sind oft mit einem Dreh ver­sehen – und es gibt Eis. Mehrere Mate-Sorten (2,50 Euro) lagern im Kühlschrank. Mein Hackfleisch-Wrap (5 Euro) mit Käse, Tomatensauce und roten Zwiebeln ist gut abgeschmeckt und die Größe genau richtig. Zu seiner runden und fruchtigen Gesamtnote passt prima der mitgereichte Apfel-Chicorée-Salat. Er bringt eine herb-süße Komponente hinein. Die abschließende Panna cotta mit Beerenmus (1 Euro) macht das Mahl Kompott, ähm: komplett.

Vielfalt im Neunziger-Ambiente
Casino im Hause der AOK: Vorm Art-déco-Ensemble lädt ein herrlicher Freisitz ein. Drinnen beherrscht den großen Saal eine für die Neunziger typische 
Innenarchitektur aus Bordeaux und Lila. Kunstdruck-Lampen-Spiegel besorgen eine merkwürdige Ornamentik, die Technikträger an der Decke sehen nach Disko aus. Neben Kunden und Angestellten der Krankenkasse sind Reha-Patienten aus dem Haus Gäste. Die Kantine überzeugt in ihrer üppigen Speiseauswahl. Man kann sich die Gerichte einzeln zusammenstellen, etwa zum Mozzarellaschnitzel Nudeln, Mischgemüse oder Reis nehmen. Ich wähle Kohlrabi-Finger (0,95 Euro) zur selbstgemachten, lockeren Bulette (3,95 Euro), die unter Messer und Gabel fast zerfällt. Sie ist gut gewürzt, schön kommen die Zwiebeln heraus. Die sind auch in der Sauce enthalten, die der Kartoffelbrei (0,95 Euro) gut bindet. Weich und knackig zugleich, auf den Punkt statt zerkocht begeistert der Kohlrabi. Während die Getränkekarte klein ausfällt (0,33 Liter Cola: 1,50 Euro), stehen mehrere Desserts auf dem Plan. Ich erhasche den letzten Erdbeerbecher (1,50 Euro) – allein dafür lohnte sich der Besuch. Die Creme ist mit den dazwischen eingezogenen Markschichten sehr fruchtig. Eine Yogurette schmückt das Gedicht in Optik und Geschmack. Diese Kantine ist mein Favorit.

Dieser Text erschien zuerst in Leipzig Tag & Nacht 2019/20. 

> Kantine der Stadt Leipzig, Martin-Luther-Ring 4–6, Mo–Fr 11–14 Uhr,
http://www.kantine-leipzig.de

> Kirow, Spinnereistr. 13, Mo–Fr 11–13.30 Uhr, http://www.kirow-kantine.de

> Kantine im Tapetenwerk, Lützner Str. 91, Mo–Fr 12–14.30 Uhr, http://www.tapetenwerk.de/aktuelles/speiseplan-kantine

> Bistro IQ in der Volkshochschule, Löhrstr. 3–7, Mo–Fr 11–14 Uhr,
http://www.vhs-leipzig.de/service-und-kontakt/bistro-iq.html

> Bistro in der Bio-City, Deutscher Platz 5, Mo–Fr 11.30–14.30 Uhr,
bio-city-leipzig.de/bio-city/bistro-cafeteria

Casino in der AOK, Willmar-Schwabe-Str. 2, Mo–Fr 11.30–14 Uhr,
http://www.casino-restaurant.de

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