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Drei Mal Carlo

Warum ein Naturschützer und Flüchtlingshelfer aus Sehlis jetzt die AfD wählt

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Schwierige Logik: »Ich will nichts von dem, was die AfD will«, sagt Carlo Bergmann – er wählt sie trotzdem.

Auf seinem Hof in Sehlis klettert das Thermometer an diesem Nachmittag auf 30 Grad. Carlo Bergmann bittet in seine Wohnung – drinnen ist es kühl, die 90 Zentimeter dicken Wände sperren die Hitze aus. Wir trinken kalten Lidl-Orangensaft und besichtigen seine Grabungsfunde aus Ägypten. In der Wüste verbrachte er viele Monate allein mit seinen Kamelen. Er ist damals einfach losgegangen, stolperte über bedeutende Artefakte, schrieb Artikel für die Geo und Bücher über seine Reisen. Nun lebt er wieder auf dem Hof, der sich seit 400 Jahren in Familienbesitz befindet. 2013 gründete er die Stiftung Partheland Sehlis, die sich für regionalen Naturschutz einsetzt.

Über der Treppe zum ersten Stock hängen zwei gerahmte Porträts: Erich Honecker und Georgi Dimitroff. Im Kindesalter, in den fünfziger Jahren, musste Bergmann mit seinen Eltern den Hof verlassen. Als Großbauern hatten sie dort kein Bleiberecht, erzählt er, der sich selbst als »Roten« bezeichnet. Als er schließlich nach Sehlis zurückkehrt, bekommt er Probleme mit den Nazis aus dem Dorf, den »rechten Socken«, wie er sie nennt. 1996 dann der Überfall: In der Nacht brechen Neonazis bei ihm ein, schlagen ihn zusammen, brechen ihm mehrere Knochen. Er zieht sich zurück, geht weg aus Sehlis, versucht, gesund zu werden, körperlich und seelisch. Doch Bergmann kommt wieder. Eine Pferdepension zieht in die Räumlichkeiten des alten Hofs ein, über seiner Wohnung sitzt die Stiftung. Von der Veranda hinterm Haus sieht man auf die Parthe und den alten Spargelgarten der Familie.

2015 sieht Carlo Bergmann seine Chance, etwas zu bewegen

Als 2015 Geflüchtete in Europa Schutz suchen, sieht er eine Chance, endlich etwas zu bewegen. Er beschließt, eine syrische Familie aufzunehmen auf seinem Hof. Als kurz darauf das jährliche Hoffest stattfindet, bei dem sich auch die »braunen Socken« des Dorfes einfinden, fragt Bergmann seine Gäste, was sie von seiner Idee halten.

»Die haben gesagt, das kannst du gerne machen, aber dann zünden wir deinen Hof an.« Carlo Bergmann schläft schlecht in den Nächten danach, sucht Rat beim Bürgermeister von Taucha, der die Drohung nicht ernst zu nehmen scheint und Bergmann nicht helfen kann. Er entschließt sich, von seinem Vorhaben abzurücken. Vielleicht denkt er an 1996.

2019 wählt er zum ersten Mal die AfD

Carlo Bergmann hat dieses Jahr zum ersten Mal die AfD gewählt. Auf die Frage, warum, gibt er zwei Antworten. Als er im Winter vor der Wahl mit seinem Auto im Schnee stecken bleibt, geht er zum Grundstück von Karl (Name geändert). Eine Deutschlandfahne ist im Vorgarten aufgestellt. Bergmann klingelt, Karl stellt kurzerhand den Herd aus und hilft ihm, das Auto freizuschaufeln. »Zum Dank wollte ich dem 50 Euro geben, aber die wollte er nicht annehmen. Da hab ich gesagt, dass ich dafür, dass er mir geholfen hat, ausnahmsweise für ihn die AfD wähle.« Karl habe Tränen in den Augen gehabt.

Später aber erzählt Bergmann noch eine andere Geschichte. Dass er die AfD gewählt habe, weil er versuchen wolle, etwas zu verändern. Dass die Parteien alle so profillos seien, der AfD glichen, nur anders heißen würden. Und dass er glaube, dass, wenn die AfD an die Macht käme, sich alle anderen Parteien an ihre Ursprünge erinnern und wieder richtige Politik machen würden. Dass dann SPD und Linke wieder an Einfluss gewännen. »Man kann nie wissen, was kommt. Aber nicht wählen, das wäre für mich nicht in Frage gekommen. Ich will was bewirken, Einfluss nehmen. Aber ob mein Plan aufgeht, das kann ich nicht sagen.«

Wenn man auf den Hügel klettert, der ganz in der Nähe seines Hofes liegt und dank Bergmann zum Naturschutzgebiet erklärt wurde, kann man bis zum Völkerschlachtdenkmal sehen. »Ich will nichts von dem, was die AfD will«, sagt er noch, »nur die Rundfunkbeiträge gehören abgeschafft.« Er sieht sich um, seinen Hut zum Schutz vor der Sonne tief im Gesicht. »Wölfe waren auch schon wieder hier.«

Dieser Text stammt aus dem kreuzer-Heft 09/19.

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Dein Kommentar

2 Kommentare

  1. Joachim Datko | 29. August 2019 | um 16:17 Uhr

    Ich wähle die AfD, seit es die junge Partei gibt!

    Für mich ist insbesondere wichtig, dass sie sich gegen die massive Einwanderung aus Afrika und dem Nahen Osten stemmt. Wir müssen eine Völkerwanderung aus Afrika nach Deutschland vermeiden.

    Joachim Datko – Ingenieur, Physiker
    Regensburg

  2. Martin | 2. September 2019 | um 20:52 Uhr

    Erfreulicher Artikel,

    gut vom Kreuzer, endlich mal mehr den Austausch zwischen den Lagern anzugehen, wurde aber auch Zeit. Nur so kann es letzten Endes mit einer Gesellschaft ohne Blutvergießen weitergehen – über den Dialog.

    Weiter so.