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Editorial 09/2019

Das neue Heft ist da!

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An dieser Stelle veröffentlichen wir das Editorial der September-Ausgabe des kreuzer. Chefredakteur Andreas Raabe erzählt, warum es zu seinen Schulzeiten kaum eine schlimmere Schmähung als »Du Sachse!« gab.

Natürlich hatten wir in der kreuzer-Redaktion die Landtagswahl im Sinn, als wir die Themen für dieses Heft planten. Doch da man als Journalist lieber nicht über das Wetter (das überlassen wir den Meteorologen) oder Wahlergebnisse schreibt, bevor sie da sind, dachten wir uns, wir gehen mal proaktiv an die Sache und legen ein paar ganz vernünftig erscheinende Ideen vor, wie man dieses großartige Bundesland … blablabla.

Pssst. Jetzt, wo alle Leute weg sind, die sowieso keine langweiligen Editorials lesen, können wir beide, ja, Sie und ich!, mal Klartext reden. Ich verrate Ihnen was: Ich komme aus Mecklenburg, genauer gesagt Rostock, Freie Hansestadt und so – was eigentlich auch was anderes ist als Mecklenburg landein. Na ja, egal. Jedenfalls ist es so, dass wir als Jungs, wenn uns damals ein Sachse im Ostseeurlaub nach dem Weg fragte, grundsätzlich in die falsche Richtung gezeigt haben. Das gehörte einfach zum guten Ton. Wir waren dabei so unfreundlich wie immer, damit der Sachse keinen Verdacht schöpfen konnte. Hat jedes Mal gut geklappt.

Und als ich in der Schule war, da war »Du Sachse!« eine Schmähung, die wirklich traf und die man (im Schulhofstreitgespräch) eigentlich nur noch vergelten konnte mit: »Neee, DU bist n Sachse, Alter! Und deine Mudder auch!«
Außerdem war es so, dass alles südlich von Papendorf (Dorf bei Rostock, Heimatort des berühmten Radrennfahrers Jan Ullrich) bereits Sachsen war. Berliner waren Sachsen, Thüringer waren Sachsen, Magdeburger waren Sachsen und Sachsen sowieso. Das erzähle ich, um zu verdeutlichen, dass der Ruf des Sachsentums, lange bevor man das Wort »Bashing« kannte, irgendwie nicht so dolle war – und zwar im ganzen Land. Darum ist es ja auch so einfach, auf den Sachsen rumzuhacken. Und darum benehmen sich einige sächsische Bürger und Bürgerinnen auch so trotzig, was sollen sie sonst machen?

Lustig gemacht wurde sich vor allem über den Dialekt, der ja wirklich ganz charmant ist. Außerdem über das typisch sächsische Großtun, den trotzigen Stolz, den es schon zu DDR-Zeiten gab, und auch irgendwie darüber, dass die Sachsen einfach überall waren und überall hinkamen. Überall krabbeln sie rum, die Sachsen. Der etwas gebildetere Sachse ist als Streber verschrien, man erkennt ihn daran, dass er sich das Sächsisch-Sprechen abgewöhnt hat.

Doch man wusste in Mecklenburg auch ganz genau, dass wir ohne die Sachsen gar nichts wären und vermutlich noch in der Steinzeit leben würden. Wir wussten, dass so ziemlich alles Wichtige in Sachsen erfunden wurde, dass in Sachsen die ganzen Fabriken standen, dass da unser Strom herkam, dass es dort tolle Kunst gab und überhaupt, die Leute alles viel besser auf die Reihe kriegten als wir, die nicht viel mehr konnten als dicke Kartoffeln ernten und ganz gut angeln (außerdem: Seemannsköpper). Der Sachse ist derweil ins All geflogen, das muss man ja neidlos anerkennen.

Jetzt bin ich also selbst so ein komischer Sachse. Wer hätte das gedacht? Ich würde mir wünschen, dass wir, die Neu-Sachsen und die Bio-Sachsen, dieses schöne Land gemeinsam zu einem noch schöneren Ort machen. Denn als freier Mensch will ich irgendwann stolz darauf sein, sagen zu können: »Ich bin ein Sachse!«

Doch dazu braucht es noch ein wenig. Was genau das sein könnte (so für den Anfang), hat die ganze kreuzer-Redaktion in unserer Titelgeschichte ab Seite 16 aufgeschrieben. Sachsenmäßig-streberhaft haben wir sogar über eine solide Finanzierung der »19 Gebote für den himmlischen Freistaat« nachgedacht. Illustriert hat die Geschichte wie auch das Titelblatt der geniale Markus Färber, ein gebürtiger Franke. Mal schauen, welche unserer Gebote nach der Landtagswahl umgesetzt werden. Und weil wir gerade dabei sind: Gehen Sie bitte wählen!

Eine schöne Lektüre wünscht
Andreas Raabe

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