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Natur forsch!

Science-Fiction: Es regt sich was im Naturkundemuseum. Faultier und Co. gehen theatral

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Ab dem Freitagabend wird ein Kubus vor dem Naturkundemuseum zum Schauplatz artenvielfältiger Naturdramatik

Farnumrankt steht der verlassene Schreibtisch im Grün. Käfer krabbeln auf aufgequollenem Holz. Einem Einweckglas entflieht eine Eidechse. Irgendwas zirpt, scharrt, quakt im südamerikanischen Unterholz. Vieles ist zu entdecken im Geistercamp des Leipziger Naturforschers, das seit 200 Jahren kein Mensch mehr betreten hat. Nun wird es in einem Kubus vorm Naturkundemuseum zum Schauplatz artenvielfältiger Naturdramatik.

Kubus, da war doch was? Richtig, vor zwei Jahren bespielte die Schaubühne Lindenfels einen Kubus auf dem Marktplatz mit Woyzeck-Motiven. Nun ist der Würfel zurück. Das Projekt »Expedition 4×6« macht das Eintauchen in die Welt von Zweifingerfaultier und Vampirtintenfisch möglich. Manchmal ist es ganz simpel: Schaubühnenchef René Reinhardt und Museumsleiter Ronny Maik Leder trafen auf einer Veranstaltung zusammen, schnackten und beschlossen die Zusammenarbeit. Sucht die Schaubühne, die gerade 25-jähriges Bestehen feiert, wiederholt nach Möglichkeiten, in den Stadtraum hineinzuwirken, so will sich auch das Museum öffentlich wahrnehmbarer positionieren. Win-win, besonders fürs Publikum: Was kann es Besseres als die Verbindung von Theater und Wissenschaft geben? Science-Fiction eben.

Den Aufschlag macht die mehrjährige Südamerikaexpedition, die der Leipziger Forschungsreisende Eduard Friedrich Poeppig um 1830 unternahm. Exponate von dieser Reise sind zu sehen, eine botanische Trommel, Pflanzenzeichnungen in heller Farbigkeit. Ein etwas drolliges Bild zeigt ihn, wie er mit seinem Hund in der Botanik steht. »Den nahm Poeppig immer auf Reisen mit«, sagt Yola Herold, die Museumszuständige für Bildung und Vermittlung. »Es geht natürlich nicht nur um ihn als Person, auch wenn wir es wichtig finden, ihn als lokalen Protagonisten ins Bewusstsein zu holen.« Denn die Schätze des Naturkundemuseums werden nicht genug gewürdigt, wie Poeppig nahezu unbekannt ist – grundlos. »Er bereiste als Naturforscher die Welt, war so bedeutend wie Wilhelm von Humboldt; vielleicht aber nicht so kommunikativ wieder dieser. Aber er sammelte tolle Exponate, seine Beschreibungen sind exzellent.« Besonders hat es Herold ein ausgestopfter Kurzlappenschirmvogel angetan, dessen schwarze Federtolle sie einfach »cool« findet.

So wird der Kubus zur verlassenen Forschungsstation des sächsischen Abenteurers – Teile seiner Sammlung werden im Haus gezeigt. Im Quader gibt es einiges zu entdecken: Was hat sich die Natur zurückgeholt? Welchen Sound hat der Dschungel? Wie riecht es dort, wer lauert im Schatten? »Wir wollen jenseits trockener Wissenschaftsvermittlung das Interesse der Menschen wecken«, sagt Herold. Der Kubus hole die Menschen im Stadtraum ab, ziehe sie ohne Schwellenangst ins Thema Flora und Fauna. Genau diesen Ansatz vertritt auch die Schaubühne, die Theater gern an andere Orte bringt, erklärt Pressemitarbeiter Axel Kunz. »Das unterstützen unter anderem Hörspaziergänge, die hier und in Lindenau stattfinden.« In der Schaubühne thematisiert »Das Herz der Finsternis« (Joseph Conrad) auch den mit den Forschungsreisen verquickten Kolonialismus. Beiden Institutionen ist die Rückkopplung an die Gegenwart und heutige Debatten wichtig. »Was lernen wir für die Zukunft?«, fasst Kunz zusammen. Man könne schlecht über Natur sprechen und Artenverlust, Meervermüllung und Klimakrise ausblenden.

Der Kubus ist frei begehbar, Soundinstallationen, haptische Elemente und theatrale Schwenks schaffen sinnliche Erfahrung. Workshops zu Naturselbstdruck oder dem Herstellen eines Biotops im Glas werden angeboten. Darin kann man ein Stück Dschungel zu Hause bewahren, wenn der Kubus das nächste Kapitel aufschlägt. Vier davon sieht das Konzept vor. Nach Poeppigs Nabelschau naht mit der Polarzeit der Winter, es geht in katastrophale Sperrgebiete und hinab in die Tiefsee – und greift die in Leipzig initiierte Valdivia-Expedition auf. Dann senkt sich die Taucherglocke hinab, pingt das Echolot, winkt oder wringt der Krake. »Bis alles final im Kubus steht, sind wir selbst also Forschungsreisende«, sagt Herold. »Was passiert, wenn sich zwanzig Kids im Kubus austoben?«, fragt Kunz. Der offene Raum sei ohnehin selbst den Naturunbillen ausgesetzt: »Es wird reinregnen, wer weiß, was die Natur damit anstellt.«

■ Eröffnung des Kubus: 6.9., 18 Uhr, danach Di–So,10–18 Uhr, Naturkundemuseum

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