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Die Grube, das Gedenken

Ein Dorf erinnert sich an den Holocaust

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Unzählige Bücher überfluten den Markt. Linn Penelope Micklitz und Josef Braun helfen einmal wöchentlich auf »kreuzer online« bei der Auswahl. Diesmal hat sich Literatur-Redakteurin Linn Penelope Micklitz in Florjan Lipuš »Schotter« eingelesen.

Florjan Lipuš´ Roman Schotter beginnt mit einem Baum. Dem Baum, in dem »die menschlichen Seelen« wohnen, »bevor sie ihre Bleibe in dem zwei Spannen langen Striezel aus Fleisch und Knochen finden«. Einem Baum, der gefällt wird, und der dabei kein Geräusch macht – vielleicht, weil niemand wirklich hinsieht, als »der Stamm vom Stumpf brach«. Es sind die Dörfler, die nicht wahrhaben wollen, was geschieht. »Sie haben die Prophezeiung nicht ernst genommen, dass die Zeit kommt, wo auch der letzte Baum ausgerissen wird und kein einziger Baum mehr im Hof stehen wird.« Aus dem Holz der Bäume sind Bretterbuden geworden, »in Reihen aufgestellt und durchnummeriert«. Mit dieser Parabel umreißt der Autor auf wenigen Seiten das Trauma eines ganzen Ortes.

Nach dem Krieg macht sich eine Gruppe aus dem namenlosen Dorf auf den Weg zum namenlosen Frauen-KZ und begibt sich wortwörtlich auf die Spuren der Ermordeten: Kein Fleck des schlammigen Bodens, welcher nicht von einem nackten, frierenden Fuß begangen worden wäre. Wie Pilger begehen sie diesen Ort des Verbrechens: »Der Berg war nicht zu ihnen gekommen, daher waren sie zum Berg gegangen.«

Der Schmerz kriecht in den Körper

Was sie erleben, gleicht der Ahnung einer Hölle, mitten auf der Erde. Vom ewigen Fegefeuer ist beißender Rauch geblieben, der Asche aus Knochen umherwirbelt. Auf den Spuren ihrer Ahnen wandelnd, überschneiden sich die Ereignisse – die Kinder gehen dieselben Wege wie die Großmütter, und der Schmerz kriecht ihnen in die Körper. Lipuš schreibt von der ewigen Verdammnis, und geht doch darüber hinaus. Nicht nur Hölle ist dieser Ort, sondern auch eine »fabrikmäßige Gewinnung des Produkts.« Die Hölle, von der Lipuš spricht, ist durch und durch real und menschengemacht.

Die Sätze, die der Autor wählt – Wort für Wort scheint es – sind so sorgfältig gebaut, bringen nicht nur eine mal klingende, mal schneidende Sprache hervor, sie schaffen auch einen Rahmen für die Bilder, die Lipuš zeichne, um einen Ort wie diesen zu beschreiben: »In die Mitte treten sie ein, die rundum und überall Mitte ist, ausschließlich Mitte ohne Ränder, Mitte ohne Begrenzung.«
Ewig könnte man damit fortfahren, diese Sätze wieder zu lesen, wieder zu schreiben. Und so schreibt sich dieser Text ein, er wird zur Erinnerung an eine Erinnerung und an die slowenische Sprache, und schafft so einen Raum des Gedenkens. Immer wieder schreibt der Schriftsteller aus Österreich über diese Erinnerungen: Seine eigene, an die Deportation seiner Mutter; unsere Erinnerung heute, und wie wir sie bewahren können. Dem Dorf gelingt es nicht, seine Geschichte aufzuarbeiten. Bei der Rückkehr der Gruppe bleibt ein jeder mit seiner Erinnerung allein, das Gedenken wird aggressiv verdrängt, für Fortschritt und einen vorgeschobenen, bröckeligen Frieden, der in sich schon das Potential einer neuen Hölle birgt.


> Florjan Lipuš: Schotter. Aus dem Slowenischen von Johann Strutz. Salzburg und Wien: Jung und Jung 2019. 139 S., 20 €

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