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Editorial 10/2019

Das neue Heft ist da!

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An dieser Stelle veröffentlichen wir das Editorial der Oktober-Ausgabe des kreuzer. Chefredakteur Andreas Raabe erzählt, was es 30 Jahre nach den Ereignissen des Herbstes 1989 alles im kreuzer zu lesen gibt.

Jetzt ist es fast da, das Jubiläum 30 Jahre nach den Ereignissen des Herbstes 1989, als Leipzig im Zentrum der großen Weltpolitik stand. Wir haben aus diesem Anlass eine der längsten kreuzer-Titelstrecken aller Zeiten erstellt – und sie zu einem großen Teil illustriert mit bisher unveröffentlichten Fotos der Leipzigerin Maria Notbohm. Sie war im Herbst 89 unterwegs auf den Straßen und den Demos dieser Stadt und hat, da sie kein Profi war, einen etwas anderen Blick auf die Ereignisse festgehalten als denjenigen, den man so kennt.
Unter den Bildern haben wir uns Gedanken gemacht über die bisher noch undeutlichen Aspekte der Herbstrevolution und sie ins Verhältnis zum Heute gesetzt. Aber lesen und schauen Sie einfach selbst: ab Seite 16.

Auf den Seiten 36 bis 39 erzählt die Journalistin Heike Kleffner die Geschichte von Stefan Tabor, der 1983 während des Leipziger Dok-Filmfestivals gegen das Wettrüsten protestierte und festgenommen wurde. Es ist ein frühes Beispiel für den Protest junger Leute in Leipzig gegen das SED-Regime. Und es ist auch ein frühes Beispiel für die Wirkung, die solcher Protest gerade in Leipzig hatte, wenn internationales Publikum anwesend war. Die Festnahme von Tabor und seinen Freunden, darunter eine schwangere Frau, machte im Westen Schlagzeilen, weil internationale Besucher der Dok-Filmwoche den Zugriff beobachteten. Eine ähnliche Situation führte sechs Jahre später zum Beginn der Montagsdemonstrationen, als am 4. September 1989 der Protest kleinerer Oppositionsgruppen an der Nikolaikirche von Stasi-Leuten unterbunden wurde. Wegen der Leipziger Messe aber westdeutsche Kameraleute anwesend waren und fotografierten. Diesmal konnte der Staat die Protestierenden nicht mehr ruhigstellen. Im Jahr 1983 dagegen war er noch erfolgreich: Tabor saß ein Jahr in Haft, bevor er quasi zur Ausreise gezwungen wurde und somit aus Leipzig verschwand.
Der Text ist ein Vorabdruck aus dem Sammelband »Ständige Ausreise«, herausgegeben von Jana Göbel und Matthias Meisner. Das Buch erschien im August 2019 im Christoph-Links-Verlag und erzählt eine ganze Reihe Geschichten von Menschen, die die DDR per Ausreiseantrag verließen oder verlassen mussten.

Von verschwindenden Freunden erzählt auch Gesine Oltmanns im großen Interview auf den Seiten 32 bis 34. Oltmanns wurde berühmt als eine der ersten Protestierenden des Leipziger Herbstes, als sie am oben schon genannten 4. September 1989 zusammen mit ihrer Freundin Katrin Hattenhauer neben der Nikolaikirche ein Transparent hochhielt – und dabei von einem westdeutschen Kamerateam gefilmt wurde. Auf dem Plakat stand »Für ein offnes Land – mit freien Menschen«, eine Forderung, die bis heute aktuell ist.

Oltmanns berichtet von den Tagen und Wochen im Herbst, aber auch von verlorenen Freunden. Die mehr oder weniger erzwungene Ausreise von Protestlern war am Ende der DDR ein oft genutztes Mittel der Staatssicherheit. »Wir waren ja ständig am Bahnhof, um jemanden zu verabschieden«, sagt Oltmanns. Und sie macht die Abschiebepraxis der DDR auch mit dafür verantwortlich, dass sich in der DDR-Opposition nie eine Figur wie zum Beispiel Václav Havel herausbilden konnte. Dieser wurde nach der Samtenen Revolution schließlich Präsident seines Landes – man stelle sich mal vor, so etwas wäre der DDR-Opposition gelungen. Doch ihr fehlten die prominenten Dissidenten als Führungsfiguren des Herbstes 89. Die mit der Opposition sympathisierenden Intellektuellen aus Berlin – Christa Wolf, Stefan Heym, Heiner Müller und so weiter – waren dem System viel zu nahe gewesen. Dies trug wohl bei zur Schwäche der Oppositionellen, die ihre Revolution bald vom Siegeszug des Helmut Kohl, des Westgeldes und eines im Osten entfesselten Nationalstolzes überfahren sahen. Aber auch Oltmanns sieht die Geschichte noch nicht an ihrem Ende angekommen – sie hofft weiter auf die Kraft der Aktion und auf die Jugend.

Eine gute kreuzer-Lektüre im Leipziger Herbst 2019 wünscht
Andreas Raabe

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